Schelklingen Bau des neuen Barockgebäudes missfiel vor rund 300 Jahren Bürgern

Das bedeutendste Barockhaus Schelklingens: Noch nach 1918 sind an dem Gebäude die originalen Fenster zu sehen (großes Foto). Die Madonna von 1702 stand einst bunt bemalt in der Nische über dem Eingang. Die wertvolle Figur fehlt heute, sie ist jetzt in Privatbesitz - und sie wurde abgelaugt, ist also jetzt farblos. Der bunte Bauaufnahme von 1783 aus dem Hauptstaatsarchiv Stuttgart (Bestand N 201 Nr. 22) zeigt die einstige Größe des Hauses. Heute ist das Gebäude durch viele Modernisierungen stark verändert, die Nische mit der Madonna ist leer (kleine Fotos). Fotos altes Gebäude und Madonna: Fotosammlung Franz Hecht, Fotograf der Ansicht 1918 unbekannt; aktuelle Fotos: Raidt
Das bedeutendste Barockhaus Schelklingens: Noch nach 1918 sind an dem Gebäude die originalen Fenster zu sehen (großes Foto). Die Madonna von 1702 stand einst bunt bemalt in der Nische über dem Eingang. Die wertvolle Figur fehlt heute, sie ist jetzt in Privatbesitz - und sie wurde abgelaugt, ist also jetzt farblos. Der bunte Bauaufnahme von 1783 aus dem Hauptstaatsarchiv Stuttgart (Bestand N 201 Nr. 22) zeigt die einstige Größe des Hauses. Heute ist das Gebäude durch viele Modernisierungen stark verändert, die Nische mit der Madonna ist leer (kleine Fotos). Fotos altes Gebäude und Madonna: Fotosammlung Franz Hecht, Fotograf der Ansicht 1918 unbekannt; aktuelle Fotos: Raidt
Schelklingen / BERNHARD RAIDT 10.12.2014
Ein Neubau erhitzte vor rund 300 Jahren die Gemüter der Schelklinger. Denn der Hofmeister des Klosters Urspring baute sich ein prächtiges privates Wohnhaus - was vielen überhaupt nicht schmeckte.

Das "Neue Haus", wie es einst genannt wurde, ist das historisch bedeutendste Barockgebäude in Schelklingen. Es ist heute noch - erheblich verändert - an der Ecke Bemmelberger- und Stadtschreibergasse zu finden. Dr. Franz Rothenbacher hat die Geschichte des Hauses erforscht. Wie schon seine wissenschaftliche Arbeit über das ehemalige Badehaus in Schelklingen soll auch die Geschichte des "Neuen Hauses" im Band 1 des Schelklinger Häuserbuches veröffentlicht werden.

Der Bau des "Neuen Hauses" durch Franz Xaver Schalch, den Hofmeister des Klosters Urspring, sorgte vor rund 300 Jahren für Empörung bei den Schelklingern. Das lag zum einen an der Bauweise des Hauses. Zu aufwendig, zu prächtig sei der Bau geraten, fanden die Zeitgenossen. Das "kostbare Haus" würde "sich zur armen Stadt Schelklingen fast gar nicht schicken", ist in den Akten vermerkt, die Rothenbacher erforscht hat.

Überhaupt sind seit 1715, als der Bau des Hauses begann, Streitigkeiten zwischen dem Bauherrn Schalch und der Stadt Schelklingen in den Urkunden vermerkt. Rothenbacher erläutert die Hintergründe des Streits: Die Stadt suchte damals die wirtschaftliche Übermacht des Klosters Urspring zu begrenzen. Das Kloster besaß schon etliche Gebäude in der Stadt und wollte weitere erwerben. Dem Bauherrn Schalch warfen die Schelklinger nun vor, den Bau nur deshalb begonnen zu haben, um das Gebäude dann später dem Kloster Urspring in die Hände zu spielen. In den Akten steht sogar, dass die Bürger Schalch seinen "anwährenden Kindersegen" vorwarfen - er habe immer weiter Kinder in die Welt gesetzt, ohne zu wissen, wie sein Nachwuchs je den Lebensunterhalt bestreiten solle.

Insgesamt zehn Kinder hatte das Ehepaar. Schalchs Frau Maria Gertrud, eine geborene Hafner, stammte aus einer reichen Familie. Sie war die Tochter des Schelklinger Sonnenwirts und damit eine vermögende Frau. Der Sonnenwirt, schreibt Rothenbacher, war im 18. Jahrhundert der wohlhabendste Bürger der Stadt. Eine der Töchter des Ehepaars, Maria Josepha, war dann später auch Sonnenwirtin in Schelklingen. Eine weitere Tochter ging ins Kloster. Ein Sohn, Benedikt Raymund Maria, wurde 1744 Pfarrer in Schmiechen. Rothenbacher hat auch seinen Grabstein ausfindig gemacht. Er befindet sich in der Schmiechener Kirche hinter dem Altar und trägt die Aufschrift "Schalch: Parochus".

Wie sah nun das kostbare Haus aus, das den Zorn der Schelklinger weckte? Franz Rothenbacher schildert in seiner Arbeit ausführlich, wie es damals gestaltet war. Die gesamte Hofanlage bestand demnach aus einem zweistöckigen Wohnhaus mit Keller, einem Stallgebäude, einem Waschhaus und drei Schweineställen. Eine hohe Mauer umgab das Anwesen. Im Erdgeschoss des Wohnhauses befand sich eine Küche mit einer Kochstelle unter einem großen Rauchabzug, eine Speisekammer und ein als "s. v. loca" bezeichneter Raum. Das "s. v." steht für "sit veniat" (lateinisch: "mit Verlaub") - so wurde damals die Toilette gekennzeichnet. Ein Foto aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zeigt übrigens noch die originalen Fenster des Gebäudes, die dann später entfernt wurden. Im ersten Stockwerk waren zwei Zimmer zu einem "Tafelzimmer", dem Speisesaal, verbunden. Dass es einen solchen Speisesaal gab, zeige die gehobene Stellung der Besitzer, schreibt Rothenbacher. Sogar mit Dachziegeln war das Haus gedeckt - eine Seltenheit damals. Im oberen Stockwerk befand sich ein weiteres Zimmer, das eine aufwendig gestaltete hölzerne Decke mit dem Wappen der Schalchs trug. Das Haus hatte noch eine weitere, deutlich sichtbare Kostbarkeit: In einer Nische über dem Hauseingang stand eine Madonna, die der Benediktinermönch Pater Anselm Storr 1702 geschaffen hatte. Diese Madonna befindet sich heute im Privatbesitz.

Der Erbauer Franz Xaver Schalch starb 1730. Seine Witwe heiratete daraufhin den erheblich jüngeren neuen Hofmeister des Klosters, Franz Albrecht Jehle. Mit der Eheschließung übernahm Jehle nicht nur das Haus seines Vorgängers, sondern auch seine zehn hinterlassenen Kinder. Dass die Befürchtungen der Schelklinger vor einem Zugriff des Klosters auf das Haus nicht unberechtigt waren, zeigte sich am 5. Juli 1734: Jehle und seine Frau verkauften das Haus für 8000 Gulden an das Kloster. Urspring veräußerte das Haus dann wiederum 1783 an Graf Franz Ludwig Schenk von Castell, in dessen Besitz es bis 1853 blieb. Weitere Besitzer waren der Bankier Friedrich Kaulla aus Oberdischingen sowie Kaufleute, Bäcker und Mechaniker. 1928 erwarb die Stadt Schelklingen das Haus und nutzte es als Dienstwohnung des jeweiligen Stadtarztes. So hatte der Arzt Dr. Max Dirr dort seine Praxis, später wohnte und arbeitete dort Dr. Roland Schöller.

Das Haus habe mittlerweile durch fehlgeleitete Modernisierungsmaßnahmen viel von seinem Glanz verloren, schreibt Rothenbacher in seiner Arbeit. Allerdings sei die wesentliche Substanz noch erhalten. Es bleibe zu hoffen, dass dem Haus wieder seine ursprüngliche Ästhetik zurückgeben werde.

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