Leben Clown-Besuch bringt Freude ins Seniorenheim

Ehingen / CHRISTINA KIRSCH 26.08.2018

Steht des im Weg?“, fragt Lina eine Bewohnerin auf dem Gang des Seniorenheims. „Dann lass ich des standa.“ Die alte Dame, die mit gesenktem Blick den Gang entlang lief, muss vor einer Holzleiter stehen bleiben, die ihr den Weg versperrt. Sie schaut auf und guckt erstaunt in das Gesicht einer Clownin.

Es sind diese Momente des Verdutztseins, mit denen die beiden Clowninnen Irene Gröh-Schaufler und Irene Rieger die Senioren des Haus Katrin aus einer inneren Lethargie holen. Seit einigen Wochen gehen die beiden Frauen im Seniorenheim auf Visite. „Wir wollen ein paar Momente des Vergessens von allem Belastenden wie Krankheit, Schmerzen oder Zukunftsangst schenken“, sagt Irene Gröh-Schaufler, die eine mehrjährige Ausbildung zur Clownin absolvierte.

Jeder wird sehr ernst genommen

„Wir haben hier eine psychosoziale Aufgabe“, meint die Ehingerin Irene Rieger, die den Bewohnern über belastende Lebenslagen hinweg helfen möchte. Beide Frauen versichern, dass die Arbeit als Clown nichts mit billigen Witzen, artigen Spielchen, Schadenfreude oder das Lustigmachen über andere zu tun hat. Im Gegenteil: Jeder wird sehr ernst genommen und jedem Bewohner wird eine Gelegenheit geboten, auf eine Geste oder ein Wort einzugehen. Oder eben nicht.

Die alte Dame, der eine Leiter im Weg stand, ist ohne ein Wort zu sagen um die Leiter herum gegangen und hat verwundert den Kopf geschüttelt. Eine andere Bewohnerin ging auf die Clownin ein und schwupps drehte Irene Gröh-Schaufler die Leiter um und imitierte einen Fotografen, der durch die Sprossen der Leiter sein Gegenüber fotografiert. „Man weiß nie, was die Situation bringt“, sagen die beiden Visitenclowns.

Manchmal hat man den Eindruck, die Senioren reagieren gar nicht, andere lassen sich auf ein Gespräch ein oder nehmen eine Rassel in die Hand, um selbst ein Lied rhythmisch zu begleiten. Stets nähern sich die Clowninnen den Senioren langsam und mit Bedacht, weil manche vor der roten Nase und den bunten Kleidern erschrecken. Andere wollen die beiden Frauen gar nicht mehr gehen lassen.

„Wir haben gemerkt, dass im Seniorenheim ein großer Bedarf an Menschen von außen besteht“, sagt Pfarrerin Susanne Richter, die den Kontakt zu den Visitenclowns herstellte. „Uns kennen die Leute ja, weil sie uns jeden Tag sehen“, sagt auch die Betreuungsfachkraft Thomas Reinhart. Neue Gesichter sind in dem Haus immer willkommen, erst recht, wenn sie mit einer roten Nase im Gesicht und wippenden Zöpfen besonders lustig aussehen.

Irene Rieger und Irene Gröh-Schaufler, die als Lina und Sina auftreten, wollen mit ihrer Arbeit den Menschen im Seniorenheim etwas Zeit, Aufmerksamkeit und ein paar Momente der Leichtigkeit schenken. Mit ihren Methoden gehen sie ganz bewusst in die Kindheit der Senioren zurück. In der Kirschenzeit brachte Sina ein paar Kirschen mit und wer wollte, bekam Kirschohrringe an das Ohr gehängt. Auch das Kirschkern-Spucken erinnerte die Senioren an ihre Kindheit. „Ich bin dann herum gelaufen und die Bewohner durften mir ihren Kirschkern in die Schürze spucken“, erzählt Sina, die den Situationen gerne einen absurden oder auch einen skurrilen Anstrich gibt. Das Verbotene des Spuckens in eine Schürze machte den Reiz aus bei dieser Interaktion zwischen Clown und Heimbewohner.

„Wir würden die Clownvisite bei uns gerne etablieren“, sagt die Hausleiterin Barbara Litzenberger. Man sei bemüht, den Bewohnern immer wieder anregende und bereichernde Angebote zu machen, um das Leben bis zum letzten Atemzug lebenswert zu gestalten. Die Arbeit der beiden Visitenclowns ist anstrengend und nicht kostenlos. Deshalb werden Unterstützer und Sponsoren für die Clownsvisite gesucht.

Berührt von der Musik

Als Sina ihre Querflöte hervor zieht und das Lied „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“ anstimmt, scheinen alle berührt. Manche summen mit, ein paar klatschen oder rasseln mit den Instrumenten, die ihnen Sina in die Hand gedrückt hat. Eine Frau muss immer die Tasche der Clownin anschauen, weil dort eine gelbe Stoffente ihren Kopf heraus streckt. „Mit alten Liedern zieht man den Joker“, sagt Thomas Reinhart. Langsam, sehr langsam tauen die Senioren an diesem Nachmittag auf.

„Jetzt sollten wir hier eigentlich weiter machen“, sagt Lina. Aber nach 20 Minuten packen die Clowninnen den Koffer zusammen und verabschieden sich. Die nächste Kaffeerunde in der Wohnküche des Seniorenheims wartet schon auf die beiden Visitenclowns.

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