Ehingen Auf der Wolfsgurgel die eigenen Gräber ausgehoben

In der Oberschaffnei hatten die Nationalsozialisten ihren Verwaltungssitz. Foto: Christina Kirsch
In der Oberschaffnei hatten die Nationalsozialisten ihren Verwaltungssitz. Foto: Christina Kirsch
Ehingen / CHRISTINA KIRSCH 19.06.2012
Ehingen war zur Zeit des Nationalsozialismus kein weißer Fleck auf der Landkarte, sondern so braun wie andere Städte auch. Archivar Ludwig Ohngemach erläuterte die Zeit zwischen 1933 und 1945.

Strahlender Sommerhimmel über Ehingen und ein Musikfestival auf dem Marktplatz. Wer will da etwas von Ehingens unrühmlicher Vergangenheit wissen? Es waren mehr Menschen als gedacht. Die Gruppe bricht mit Stadtarchivar Ludwig Ohngemach auf, um anhand der noch vorhandenen Gebäude eine Zeit nachzuzeichnen, die auch auf Ehingen ihre dunklen Schatten legte. Man musste nicht weit laufen. Hinter dem Rathaus gab Ludwig Ohngemach einen historischen Überblick und erzählte anhand von Ratsprotokollen, wie sich zunächst schleichend, dann mit brauner Macht, in Ehingen der Nationalsozialismus breit machte.

Da nahm sich der 1933 gefasste Beschluss, mittellose NSDAP- Parteimitglieder mit 125 Reichsmark zu unterstützen, noch unbedeutend aus. Aber bald wurden die Zeichen der Zeit sichtbar: Am 12. März 1933 wurde das Rathaus erstmals mit Hakenkreuzfahnen beflaggt. Die untere und obere Hauptstraße hieß nun Adolf-Hitler-Straße und von 1936 an bekam der Spiel- und Sportplatz am Hopfenhaus, dem heutigen Krankenhaus, den Namen Horst-Wessel-Platz. Die Benennung eines so abgelegenen Platzes schien schon ein Jahr später als zu wenig ehrenvoll für den Dichter der NSDAP-Parteihymne. So hieß bald darauf der Marktplatz nach dem SA- Sturmführer.

Eine bedeutende Rolle spielte im Oberamt Ehingen und darüber hinaus Kreisleiter Richard Blankenhorn. Er war Dirigent der Liedertafel, seit 1930 Studienrat am Ehinger Gymnasium und stieg 1934 zum Rektor auf. "Nach 1939 wurde das Handeln der Gemeinde nach dem Führerprinzip ausgeübt", sagte Ludwig Ohngemach. "Ab 1941 ging ohne Kreisleitung gar nichts mehr", meinte er. "Richard Blankenhorn schanzte sich das Anwesenheitsrecht und Rederecht zu und berief die Räte", sagte Ludwig Ohngemach. Bis 1934 gab es noch 31 Sitzungen im Jahr, 1940 noch drei und 1944 gar keine mehr. Richard Blankenhorn betrieb nach dem Krieg seine Entnazifizierung erfolgreich und wurde 1950 entlastet.

Als Parteilokal diente der NSDAP die Gaststätte Pfauen, heute ein Teil der Volksbank gegenüber des Bucks Höfle. "Es erfolgte ein flotter organisatorischer Ausbau", sagte Ohngemach. Propagandamärsche mit 60 Ulmer SS-Männern liefen durch Ehingen. Es wurden neue Ortsgruppen gegründet, der "Ulmer Sturm", das frühere Ulmer Tagblatt als Veröffentlichungsorgan gewonnen, und markige Reden geschwungen.

Als die Gruppe Interessierter am Bucks Höfle, dem ehemaligen Gefängnisstandort, zusammenkam, erzählte Ludwig Ohngemach auch die Geschichte der Dr. Ursula Buschbeck. Die Lehrerin wurde 12. Juni 1941 als Halbjüdin festgenommen und vor dem Stuttgarter Sondergericht zu einem Jahr und vier Monaten Gefängnis und 15 000 Reichsmark Strafe verurteilt. Auch das Haus im Wolfertweg 14 wurde konfisziert, der Haushalt aufgelöst. "Ursula Buschbeck hat ihr Haus auch nach dem Krieg nicht mehr erhalten", wusste Ludwig Ohngemach. Eine andere publizierte Geschichte ist die Ermordung von KZ-Häftlingen, die auf der Wolfsgurgel ihr eigenes Grab ausheben mussten.

Die Partei schätzte die kurzen Wege. In der Oberschaffnei hatte die Kreisleitung ihren Sitz. Auch andere Parteidienstleitungen fanden hier ihre Verwaltungsräume. In der Wirtschaft Blaufeld, heute Werkstatt der Firma Radi, war der Versammlungsort für die Nationalsozialisten. Nichts mehr erhalten ist vom ehemaligen Hopfenhaus, in dem bis Juni 1933 die katholische Jugend ihre Räume hatte. Heute steht dort das Parkhaus des Krankenhauses. 1880 wurde das Fachwerkhaus als Hopfentrockenhaus errichtet, dann war es Lagerhaus und Jugendhaus der katholischen Jugend.

Weil die Katholiken die öffentliche Ordnung störten, hieß der Vorwand, mussten sie das Haus räumen. Vom Januar 1935 an zogen die Hitlerjugend, der Bund Deutscher Mädel, die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt und andere Jugendorganisationen in das ansehnliche Haus. 1971 wurde das Hopfenhaus abgebrochen.

Viele Spuren der Vergangenheit haben sich in mehr als 80 Jahren verwischt. Aber bei den Interessierten wurden Erinnerungen wach, die nur mit einem nachdenklichen Kopfschütteln kommentiert werden konnten.

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