Ehingen Amüsante Essays von Hermann Wax über das Schwäbische

"Heidablitz ond Wonderfitz" heißt das neue, unterhaltsame Buch des Ehingers Hermann Wax.
"Heidablitz ond Wonderfitz" heißt das neue, unterhaltsame Buch des Ehingers Hermann Wax. © Foto: Christina Kirsch
Ehingen / CHRISTINA KIRSCH 02.07.2013
Hermann Wax, der Autor der Etymologie des Schwäbischen, hat sich einen Wunsch erfüllt und kleine Essays über das Schwäbische verfasst. "Heidablitz ond Wonderfitz" heißt sein neues Buch.

Heidablitz, jetzt hat ers doch packt. Hermann Wax hat ein neues Buch heraus gebracht. "Heidablitz und Wonderfitz" heißt das Lesevergnügen in kleinen Portionen, das in rund einer Woche erscheint und im Ehinger Buchladen bereits vorbestellt werden kann. "Eigentlich wollte ich so etwas sogar schon vor der Etymologie des Schwäbischen machen", sinniert der Sprachforscher. Aber der Verlag biss zunächst nicht so recht an. Gleichzeitig füllten sich in den letzten Jahren die Karteikästen im Arbeitszimmer des Ehingers. "Die tägliche Portion Schwäbisch" verspricht das neue Buch. Aber wer einmal anfängt zu Blättern, dem geht es wie in Hermann Wax Vorträgen: Man will immer mehr.

Die ursprüngliche Abmachung "pro Tag ein Wort" sei nicht einzuhalten gewesen, meint der Autor. So sind es 416 Begriffe geworden, die Wax ähnlich wie in seinen Vorträgen etymologisch korrekt, aber mit einem gewissen schmunzelnden Unterton erläutert. Da geht es schon im zweiten Begriff um das Schwäbische "Aber". Das drücke im Schwäbischen Verwunderung und Staunen aus, steht in dem Kapitel zu lesen. "Isch dees Kend aber gwachsen!" ist ebenso ein Ausdruck des Erstaunens wie "Hot dLisel aber Ronzle kriagt!". Das schwäbische "Aber" lässt sich jedoch auch als Vorwurf und Protest verwenden. "Aber dees losch sei" hat wohl jedes schwäbische Kind schon einmal gehört. Und wenn das Kind unfolgsam ist, flucht der Vater vielleicht "Heiland Sack aber au!"

Wer in den kurzweiligen Anekdoten schmökert, merkt erst, wie gebräuchlich manche Worte sind und wie sinnentleert ur-schwäbischer Gartenzaun-Small-Talk sein kann. "Heit ranged s bloß oimol" (heute haben wir Dauerregen) "Aber kalt isches au" (Kalt ist es auch). Nach diesem Wetterdialog zieht der Schwabe zufrieden mit sich und der Welt weiter. Was gesagt werden musste, wurde kurz, bündig und höchst informativ gesagt.

Solch schwäbische Kommunikation scheint primär der Selbstvergewisserung zu dienen. Und doch klingelt es einem vertraut in den Ohren, wenn man in den Anekdoten liest: "Dr Dr. Müller hat an Haufa Geld" - "Aber dr isch au Zahnarzt". Man möchte aus solchen Aber-Sätzen keinen "Weil"-Satz machen, weil es diese Nuancen sind, die ganz individuelle Personalität ausdrücken.

Hermann Wax hat 1956 in Tübingen Neuphilologie, Romanistik, Französisch, Englisch und Geschichte studiert und seit seinem Studium auch die Sprachgeschichte der Wörter erforscht. Lange Reihen von Karteikästen, die immer wieder ergänzt, korrigiert und frisch bestückt werden, erzählen von seinem sprachgeschichtlichen Lebenswerk. "Und es gibt immer noch neue Begriffe", sagt der ehemalige Gymnasiallehrer.

So hat auch das neue Buch ein Manko. Bei einer subjektiven Auswahl an Wörtern passiere es immer wieder, dass gerade das bestimmte Wort nicht aufgenommen wurde, das der Leser nachschlagen wollte, bekennt Wax in seinem Vorwort und verweist ganz uneigennützig auf seine Etymologie, den Telefonhörer oder auch auf seine E-Mail- Adresse.

Ein großes Kapitel hat der Autor in dem Buch den Aidepfl, Grombiera und Bodabiera gewidmet. Die Erdäpfel, Grundbirnen und Bodenbirnen sind heute vor allem als "Aidepfl-Salood zua de Broodwieschd" ein beliebtes Essen.

Doch die Kartoffelakzeptanz sei im Oberland nicht immer so groß gewesen, vermerkt Wax und verweist auf Michel Buck. Der hat 1865 geschrieben: "Die Kartoffeln werden im Oberland in großen Mengen, doch mehr zum Gebrauch als Viehfutter, denn als menschliche Nahrung angebaut, da der Oberschwabe mit seinem Fleischmagen vor der schwachnährenden Kartoffel (aidepfl) wenig Respekt hat." Einem echten Aidepfl-Salood-Fan fällt bei einer solchen Aussage schier gar "s Zäpfle na". Gemeint ist das Zungenzäpfle. Wenn das in den Hals rutscht, kann kein Ton mehr entweichen und man ist einfach sprachlos.

Doch das entsprechende Kapitel weiß noch mehr. Peter Rosegger beschreibe das Phänomen in seiner "Geschichte vom Staufel mit den sieben Krankheiten". "Mit dem Stausel stands doch immer noch armselig. Zur Zeit war er lahm, gichtbrüchig und hatte nebst Schwindsucht, Milzbrand, Wassersucht und andern schrecklichen Krankheiten den Zapfelfall, den Hirnschwund und den Leberkrebs. Seit etlichen Tagen war er heiser. "Jo", hauchte er, "s Zapfel is mar ohigfolln. Die Kuhlerliesel kunts wieder auffaziachn. . ." Hat nämlich, um dir, lieber Leser, seine weiteren Ausführungen zu verdeutlichen, jeder Mensch in der Kehle ein Fleischzäpfchen; wenn du in den Spiegel schaust, kannst es sogar an dir selber sehen. Nun, dieses Zäpfchen fällt dem Menschen manchmal hinab in den Magen und dann ist er heiser und kann kein lautes Wort sprechen. Oben mitten auf dem Scheitel hat der Mensch ein bestimmtes Haar, und wenn man daran zieht, so kann man wie durch eine Schnur das hinabgefallene Zäpfchen wieder herausziehen in die Kehle."

In Roseggers weiteren Ausführungen ist zu lesen, dass es einige Geschicklichkeit brauche, um dieses bestimmte Haar zu finden. "Potz Blitz" mag der Schwaben sagen, wenn er von solch einer heilsamen Wundertat hört. "Heidablitz" mag er dann als verwunderte und gleichwohl anerkennende Antwort bekommen.

Ein Heidenspektakel wird solch eine Zäpfle-Hochzieh-Aktion auf jeden Fall gewesen sein. Auch diesen Ausdruck erklärt Wax, dem das Buch zwar eine Heidenarbeit gemacht hat, aber sicherlich auch wieder einen Heidenrespekt einbringen wird.

Info: "Heidablitz und Wonderfitz" Die tägliche Portion Schwäbisch, Biberacher Verlagsdruckerei; 19,80 Euro

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