Es sind Zeiten der Veränderung. Bewährtes kommt auf den Prüfstand, Neues wird diskutiert. Bauvorhaben werden etwa neu überdacht. Ein weiteres Beispiel: Das Kloster zog sich aus der Schulverpflegung zurück. Was können wir uns leisten? Wofür setzen wir unser Geld ein? Passt es überhaupt zu unserem vinzentinischen Auftrag? Wie können wir die Arbeitsplätze langfristig sichern? – das sind Fragen, mit denen sich Generaloberin Schwester Elisabeth Halbmann und die anderen Verantwortlichen im Kloster Untermarchtal auseinandersetzen.

Ein Blick zurück: Alle sechs Jahre wählen die Schwestern des Ordens ein Kapitel – die höchste Autorität der Gemeinschaft. Dieses Kapitel wiederum bestimmt die Generaloberin und den Generalrat. Diese Wahlen liegen nunmehr zweieinhalb Jahre zurück, seither ist Schwester Elisabeth Generaloberin des Klosters.

„Wir haben verschiedene Punkte bemerkt, die wir intern anschauen müssen“, sagt Schwester Elisabeth. Der Generalrat legte eine Agenda 2024 auf – mit drei zentralen Aufgabestellungen: Zum einen gehe es darum, das vinzentinische Profil zu stärken, zum anderen darum, den Lebensunterhalt der Schwestern auch künftig zu sichern. Der dritte Punkt: In den Werken weiterhin gestalterisch wirken zu können.Dabei geht es nicht nur um den Standort Untermarchtal, sagt Schwester Elisabeth: Allein in der Diözese hat der Orden rund 5500 Mitarbeiter, die etwa in Krankenhäusern, Altenpflege, Seelsorge und Jugendhilfe beschäftigt sind.

236 Schwestern in Afrika

Im afrikanischen Tansania wirken 236 Schwestern auf insgesamt 26 Stationen, „die zum Teil so groß wie Untermarchtal sind“. Der Wunsch des Klosters ist, dass die Schwestern in Tansania mehr Verantwortung bekommen, sie sollen in finanzielle Selbständigkeit gebracht werden. Deshalb wurde im September entschieden, dass es einer Änderung der kirchenrechtlichen Struktur bedarf und eine Provinzstruktur angestrebt wird. Das Ziel: eine internationale Gemeinschaft werden. „Für Vinzenz war die Mission wichtig. Für ihn war es wichtig, über Pfarrei- und Diözesangrenzen hinauszuschauen“, erklärt Schwester Elisabeth.

Mit Blick auf diese Entwicklungen ruht auch der Umbau. Die Arbeiten in den Verwaltungs- und Büroräumen sind beendet, in einem zweiten Bauabschnitt soll  das Wohngebäude der Schwestern saniert werden. Nun wird aktuell ein Gesamtkonzept für das Klosterareal erarbeitet.

Vor 20 Jahren wagte das Kloster ebenfalls einen großen Schritt: Drei gGmbHs für den Sozial-, Krankenhaus- und Pflegebereich wurden gegründet. „Das war damals ein Prozess wie wir ihn jetzt hier haben“, erinnert Generalassistentin Schwester Karin Weber.

„Eigentlich sind wir auf einem richtig guten Weg“, sagt Ralf Bomheuer, Geschäftsleiter der Klosterbetriebe Untermarchtal. Die Entscheidung, kein Essen mehr an Schulen zu liefern, habe sich als richtig erwiesen. Auch das Catering wurde deutlich zurückgefahren, „beides gehört eigentlich auch nicht zum vinzentinischen Auftrag“. Die drei Kernfragen seien: Passt es zur vinzentinischen Sendung? Passt es ins Gesamtgefüge der Ordensgemeinschaft und der Klosterbetriebe in Untermarchtal? Ist es wirtschaftlich verantwortbar und in der richtigen Relation?

Drei feste Säulen

Zudem gehe es bei allen Entscheidungen auch um die Frage der Nachhaltigkeit, was etwa in der Tierhaltung beziehungsweise in der Klostermetzgerei umgesetzt werde. Der Klosterladen wurde im vergangenen Jahr renoviert, Kündigungen habe es in der Vergangenheit nicht gegeben. Und auch in absehbarer Zeit seien keine Kündigungen geplant.

Die drei festen Säulen seien das Altenpflegeheim Maria Hilf, das Bildungsforum und der Kindergarten, sagt Bomheuer. Beim Bildungsforum wolle man aber „einen deutlichen Schritt weitergehen“. So solle das Angebot ausgeweitet werden, das Haus auch für andere Zielgruppen als bisher attraktiv werden. Es sei eine Herausforderung, sagt die Generaloberin. „Wir haben aber auch Verantwortung für das, was die Schwestern in der Vergangenheit erarbeitet und aufgebaut haben.“

In Schwäbisch Gmünd gegründet


Gründung Die Gemeinschaft der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul wurde 1858 in Schwäbisch Gmünd gegründet. Sie orientiert sich an der Spiritualität des Priesters Vinzenz von Paul, der Anfang des 17. Jahrhunderts lebte. Seine Vision: Dem Nächsten helfen, für Bedürftige, Benachteiligte, Arme und Kranke einstehen – „,sei es in materieller, leiblicher, geistlicher oder seelischer Armut“, wie Schwester Elisabeth sagt. 1891 verlegten die Schwestern den Sitz ihres Mutterhauses von Schwäbisch Gmünd – dort waren die Verhältnisse mittlerweile zu beengt geworden – nach Untermarchtal.

Mitarbeiter In Unter­marchtal sind 256 Mitarbeiter beschäftigt (ohne Schwestern). Sie arbeiten etwa im Altenpflegheim Maria Hilf, im Bildungsforum und im Kindergarten oder sind in der Landwirtschaft und in der Küche tätig. Auch die Zentralverwaltung hat ihren Sitz in Untermarchtal, ebenso die Missionsprokura.

Gemeinschaft Dem Orden gehören derzeit 285 Schwestern an. In den 1920er Jahren waren es rund 1900. jb

Zusammenarbeit mit der Gemeinde


Kooperation „Wir versuchen gemeinsam, auf einem guten Weg zu sein“, beschreibt Untermarchtals Bürgermeister Bernhard Ritzler das Miteinander von Kommune und Kloster. Ausdruck findet dies auch im „Garten Eden“, einem Generationenpark, den Gemeinde und Kloster gemeinsam auf dem Gelände des Klosters initiiert und umgesetzt haben. „Hier sind zwei Wünsche zusammengekommen“, berichtet der Bürgermeister.

Arbeitgeber „Für uns ist Maria Hilf und das Kloster ein Segen“, sagt Ritzler. Rund 200 Menschen leben derzeit in der Altenpflegeeinrichtung. Das Kloster ist der größte Arbeitgeber im Ort, in dem auch Ausbildungsplätze – „die ganze Bandbreite“ – zur Verfügung stehen.

Das Kloster ist außerdem Träger des örtlichen Kindergartens, den die Kinder aus Lauterach und Untermarchtal besuchen. Auch bei der Betreuung von Flüchtlingen arbeiten Gemeinde und Kloster zusammen. Die Menschen sind auf dem Klostergelände untergebracht, aktuell leben dort noch 25 Flüchtlinge. Den Helferkreis leiten zwei Schwestern. jb