Bucklig, verschroben, ein wenig böse und auch wild: Jetzt, zur Fasnetszeit, ziehen wieder allerorten Hexen durch die Straßen. Heute haben die Frauen und Männer, die sich ihr Häs überwerfen und so zu Hexen werden, an ihrer Rolle vor allem eines: Spaß. Doch einst war, wer als Hexe galt, gefährdet und sogar höchst bedroht.

Den vermeintlichen Hexen wurde etwa vorgeworfen, für Schadenszauber verantwortlich zu sein, sie hätten Krankheit und Unwetter herbeigehext. Zudem hätten sie einen Pakt mir dem Teufel eingegangen, buhlten mit diesem und feierten Hexensabbat, hätten Hostien geschändet.

Die Hexenverfolgung machte vor der Region nicht halt. Das beschreibt Constanze Störk in ihrer Magisterarbeit zum Thema „Mithin die natürliche Vernunft selbst dictiert, das es Hexen gebe – Hexenverfolgung in der Reichsabtei Marchtal 1586 bis 1757“. Die Reichsabtei Marchtal nahm demnach bei der Hexenverfolgung eine bedeutende Rolle ein.

Extreme Bereitschaft

Die Marchtaler Hexenverfolgungen verliefen in drei Prozesswellen, die sich von 1586 bis 1596, in den Jahren 1627 und 1628 und zwischen 1745 und 1757 ereigneten. Die Besonderheit der Marchtaler Hexenverfolgungen sei, dass es noch Mitte des 18. Jahrhunderts eine extreme Verfolgungsbereitschaft gab – andernorts hatten sich die Herrschenden bereits von den  Prozessen abgewandt.

Eine genaue Opferzahl gibt es, aufgrund der Quellenlage, nicht. Eine Quelle geht davon aus, dass zwischen 1586 und 1657 insgesamt 75 Menschen möglicherweise den Feuertod gestorben sind. Eindeutig belegbar sind innerhalb der 171-jährigen Verfolgungsgeschichte 65 Prozesse, die zu 60 Todesurteilen führten, eine Frau starb im Gefängnis, schreibt Störk.

Welche Rolle spielte damals das Kloster? Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts besaß das Reichsstift Marchtal die Territorialgewalt über 17 Dörfer auf 166 Quadratkilometern und damit über etwa 2700 Einwohner (siehe Info). Die Reichsabtei Marchtal war Teil des südwestdeutschen „Flickenteppichs“, der mehr als 350 Kleinterritorien aufwies. In Marchtal war eine dreistufige Gerichtsorganisation ausgebildet: An erster Stelle stand das Hofgericht, auch Vogtgericht, mit Sitz in Obermarchtal. Eine Zwischen­instanz bildeten vier Gerichtssitze in Obermarchtal, Reutlingendorf, Sauggart und Alleshausen, die die noch kleineren Ortsgerichte zusammenfassten.

Fünf Prozessschritte

Die Marchtaler Herrschaft schuf für das Delikt der Hexerei kein eigenes Recht, sondern urteilte auf der Grundlage der aus dem Jahr 1532 stammenden Peinlichen Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V., der Carolina. Das Verfahren nach der Halsgerichtsordnung gliedert sich in fünf Prozessschritte, beschreibt Constanze Störk: die Voruntersuchung, die Tortur (hierbei wurden die Menschen gefoltert, etwa mit Daumenschrauben und Rutenhieben), die Hauptuntersuchung, die Urteilsfindung und schließlich den „Endlichen Rechtstag“.

„Durch entsprechende Fragenkataloge waren Geständnisse und Vorstellungen von Hexerei, auf welche Vogt, Richter und Gerichtspersonal im Verlauf des Prozesses mit Hilfe der Folter beharrten, vorskizziert.“

Dunkelziffer wohl höher

Die erste Verfahrenswelle war  die intensivste: Allein 1586 und 1587 starben mehr als 30 Frauen und zwei Männer. Bis zum Ende dieser Verfolgungswelle wurden insgesamt mindestens 49 Menschen zum Tode verurteilt. Für den Zeitraum zwischen 1586 und 1596 lassen sich weitere Prozesse vermuten: Drei Frauen finden sich auf einer Besagungsliste als Denunziantinnen, mehr als 30 Frauen werden von Angeklagten besagt, zwölf Namen erscheinen zusätzlich in den Quellen, beschreibt Constanze Störk. Ob Verfahren eröffnet wurden, lässt sich nicht mehr nachvollziehen.

Für 1627 und 1628 liegen Akten zu fünf weiteren Frauen vor, die sich wegen angeblicher Hexerei vor dem Marchtaler Gericht zu verantworten hatten; auch diese Prozesse endeten wohl für alle Angeklagten mit dem Todesurteil. Anhand von Aufzeichnungen aus dem Sterberegister Obermarchtal sei wie für die erste Prozesswelle auch für die 1620er Jahre eine Dunkelziffer an Verfahren und Todesurteilen zu vermuten. Während andere Territorien an der Wirklichkeit von Hexen bereits mehr als zweifelten, erlebte Marchtal von 1745 bis 1757 eine letzte Prozesswelle mit sechs Todesurteilen, eine Frau starb im Gefängnis. Als einen traurigen Höhepunkt der mehr als 170 Jahre währenden Marchtaler Verfolgungsgeschichte bezeichnet Störk den Prozess gegen Magdalena Füderin: Sie fand 1747 durch die Qualen der Folter den Tod.

Über die Hexenprozesse in der Stadt Munderkingen schreibt Constanze Störk, dass sich die Geistlichkeit in Munderkingen für die Begnadigung durch Enthauptung vor der Verbrennung ausgesprochen habe. Nachweisbar sind Prozesse in Munderkingen zwischen 1592 und 1610: „Tiefe Angst beherrschte die Menschen, als in den Pestjahren 1594 und 1611 nahezu die Hälfte der Bevölkerung in der Stadt und im Umland weggerafft wurde.“

Fünf Gulden für Scharfrichter

Todesurteile vollstreckte der Scharfrichter: Laut Quellen wurde ein solcher im Jahr 1572 bestellt. „Hans Meister, Nachrichter zu Ehingen“, sollte fünf Gulden Jahressold erhalten, dazu für jeden Tag, den er im Einsatz war, einen dreiviertel Gulden. In den Hexenprozessen schien dieser Scharfrichter aber laut Störk keine Bedeutung mehr gehabt zu haben: Schon im ersten Prozess gegen Magdalena Grätter, Barbara Miller und Stoffel Dieterich (im Jahr 1586) wird ein Scharfrichter aus Biberach erwähnt.

Im Gegensatz zu anderen süddeutschen Gebieten, in denen es in den 1660er Jahren zu einem letzten Höhepunkt der Hexenprozesse kam, unterband die Marchtaler Herrschaft und Gerichtsbarkeit mit Johann Franz Kapfer als Rat und Obervogt (1657 bis 1677) Vorstöße, die Hexereiverfahren ins Rollen hätten bringen können.

Ausschlaggebend dafür, ob ein Prozess eröffnet wurde, war die Einschätzung der Verdächtigungen durch das Gericht in Marchtal. Für die Marchtaler Gerichtsbarkeit sind zwei Reaktionen nachweisbar: Entweder wurden die Urheber von Verdächtigungen bestraft oder es wurde auf der Grundlage der Verdächtigungen ein Prozess eröffnet, der für die als „Hexe“ angeklagten Menschen unabdingbar zum Tod führte.

Für das Gebiet der Reichsstadt Ulm übrigens wurden für die Jahre 1508 bis 1682 29 Verfahren wegen Hexerei dokumentiert, vier Todesurteile wurden vollstreckt. Grund für die geringe Ausprägung sei wohl zum einen die stabile Herrschaftsordnung gewesen, zum anderen die Tatsache, dass eine große Anzahl ausgebildeter Juristen vor Ort war.

Zusammenhang mit Kleiner Eiszeit

Kaltes Klima Der Historiker
Wolfgang Behringer, der als Fach­-mann für die Geschichte der Hexenverfolgung gilt, verweist auf einen Zusammenhang zwischen der Kleinen Eiszeit und der Hexenverfolgung, heißt es bei Walter Kneer in „Mittelalter – Allmendingen mitten drin“. Die Krisenjahre mit knappen Ressourcen und Konflikten hätten dazu geführt, dass neue Sündenböcke gefunden werden mussten. Gegen Mitte des 16. Jahrhunderts habe sich das Klima weiter abgekühlt. Parallel dazu hätten die Hexenjagden ihren Höhepunkt erreicht, auch verschärfte sich die Situation während des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648). Schätzungen nach forderte die Hexenverfolgung in Europa mindestens 50 000 Opfer.

Hexenhammer Rechtfertigung der Hexenverfolgung war der „Hexenhammer“ (lateinisch: „Malleus maleficarum“). Die Abhandlung des Dominikaners Heinrich Kramer (Heinrich Institoris), die 1486 erschien, beschreibt den Ablauf von Hexenprozessen.

Mit großer Intensität verfolgt

Viele Prozesse In Alleshausen (heute Kreis Biberach) wurden vermeintliche Hexen mit besonders großer Intensität verfolgt. Das Dorf, im Territorium des Reichsklosters Marchtal gelegen, habe eine besondere Stellung gehabt: Es habe dort viele Bauern mit eigenem Grundbesitz gegeben, was zu häufigen Konflikten mit der Herrschaft des Klosters geführt habe. Es kam zu Machtkämpfen. Vornehmlich die Dorfelite habe Frauen verleumdet.

Sammelurteile Im Sommer 1586 wurde gegen eine Frau ein Verfahren eröffnet. Komplizinnen und ein Komplize waren schnell gefunden. Ein Mann wurde festgenommen, später auch dessen Frau, deren Schwester und beider Mutter. Sie starben 1586 im Feuer. Im Herbst
desselben Jahres wurden weitere vier Frauen gemeinsam verbrannt. Den Höhepunkt dieser Sammelverurteilungen bildete wohl ein Verfahren im Juni 1587: Ein Mann und mindestens zehn Frauen wurden verbrannt. Im Jahr 1588 wurden  vier Frauen und ein Mann hingerichtet.

Viele Dörfer gehörten zum Kloster

Territorium Im 18. Jahrhundert gehörten zum Marchtaler Territorium etwa Obermarchtal, Gütelhofen, Luppenhofen, Kirchbierlingen, Sontheim, Weisel, Reutlingendorf, Hausen am Bussen, Datthausen, Sauggart, Unterwachingen, Oberwachingen, Dieterskirch, Alleshausen und Seekirch. In Algershofen bestand eine gemeinschaftliche Gerichtsbarkeit mit Munderkingen. Als ritterschaftliche Herrschaften unterstanden Bremelau und Uttenweiler. In Reutlingen, Ehingen und Munderkingen standen Pflegehöfe, heißt es bei Constanze Störk.