Geschichte Als die Eisenbahn Ehingen und Riedlingen verband

Untermarchtal / Hermann Illenberger 17.08.2018

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Bau von Eisenbahnstrecken im Königreich Württemberg wie auch in ganz Deutschland vorangetrieben. Untermarchtals damaliger Pfarrherr Franz Josef Schwitthelm hat, zusammen mit Munderkingens Schultheiß Karl Josef Schmid, wesentlichen Anteil an der regionalen Eisenbahnbau-Entwicklung. Schwitthelm schrieb diese in der Pfarrchronik nieder.

In den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde in der Region noch über die Schiffbarmachung der Donau diskutiert. Rittergutsbesitzer und Commerzienrat Eduard Schuster aus Emerkingen war hier besonders tätig. Doch in den 1850er Jahren wurden die Planungen der Donau-Schiffbarmachung und sogar eines Wasserkanals von der Donau zur Riß und weiter zum Bodensee beiseitegelegt.

Einige Brücken nötig

Nun war der Eisenbahnbau populär und es gab Pläne für eine Strecke von Ulm über das Blau-, Ach- und Schmiechtal über Ehingen, Riedlingen, Herbertingen und Mengen nach Sigmaringen. Der Kostenvoranschlag für diese 12,5 Meilen (93 Kilometer) lange Strecke lag bei 12 Millionen Gulden.

Es lagen mehrere Varianten vor: eine Strecke von Rottenacker nach Emerkingen ins Dobeltal über Unterwachingen, Dobel, Dietelhofen, Möhringen und Unlingen nach Riedlingen. Diese Strecke hat eine Länge von 20 Kilometern (2,9 Millionen Gulden). Die zweite Variante führte von Rottenacker nach Munderkingen über das linke Donauufer nach Untermarchtal, Rechtenstein, Zwiefaltendorf und Unlingen nach Riedlingen (25 Kilometer, 4,5 Millionen Gulden).

Den „wohlfeileren“ (billigeren) Plan über das Dobeltal stellten Anlieger und Befürworter klar heraus. Die Kosten für Variante zwei wurden besonders durch die erforderlichen Brückenbauten über Donau und Lauter hochgetrieben. Diese Brücken waren notwendig in Untermarchtal über das Donaualtwasser, an der Lautermündung sowie in Rechtenstein, Zwiefaltendorf und Zell.

Denkmal in Algershofen

Es gab noch weitere Detail-Planungen: ab Ehingen über das Kirchener Tal nach Lauterach mit Anschluss ans Donautal. Wieder eine andere Route ging ab Munderkingen nach Algershofen über die Donau, an Gütelhofen vorbei nach Obermarchtal, Datthausen und Unlingen nach Riedlingen.

Jeder versuchte, im Stuttgarter Ministerium für seinen Standort zu werben. Munderkingens Schultheiß Schmid und Untermarchtals Pfarrerr Schwitthelm schworen den Ruin der Munderkinger Schranne (Getreidemarkt) und der Märkte hervor, falls die Bahn nicht über Munderkingen und das linke Donauufer führe.

Dagegen konnten die Befürworter der „Dobeltalbahn“ mit Commerzienrat Schuster trotz der günstigeren Kosten nicht punkten. Schuster war auch etwas in der Zwickmühle, war doch sein Bruder, Pfarrer Hermann Schuster, inzwischen Rittergutsbesitzer in Untermarchtal.

Der endgültige Beschluss zugunsten der Donautalstrecke fiel dann durch einen Abgeordneten-Kammerbeschluss im Stuttgarter Landtag im Juni 1865.

Bereits am 28. Juli bereiste Außenminister Freiherr Karl von Varnbühler mit dem Eisenbahn-Oberbaurat Ludwig von Gaab sowie Baurat Josef Anton Schlierholz aus Biberach (der künftige Bauleiter der gesamten Donautalbahn und der Zollernbahn von Sigmaringen bis Tübingen) den Streckenabschnitt.

Zu Schlierholz’ Ehren wurde ein Baudenkmal in den Fels bei Algershofen gehauen. Auch bei vielen anderen Strecken in Württemberg war der Bahnbau-Experte als Bauleiter tätig. Für sein Verdienst erhielt Schlierholz von König Karl 1874 den Adelstitel.

1865 bis 1867 wurden vorbereitende Arbeiten vorgenommen, vor allem am Donau-Ufer. Im August 1867 war die so genannte Donau-Correktion beendet; sie hatte 82 000 Gulden gekostet. 1968, „im Julius, wurde mit dem Eisenbahnbau auf Markung Untermarchtal-Algershofen am Denket-Felsen unter der Denketwiese begonnen“. Algershofen gehörte damals zu Untermarchtal, auch die heutige Dom-Mühle.

In Untermarchtal werden in Verkaufsurkunden an die königlich-württembergische Staatseisenbahn folgende Bürger aufgeführt: Anton Lock (Bauer), Carl Schädler (Bäcker), Tiber Einholz (Söldner und Bäcker), Felix Knittel (Hirschwirt), Andreas Unmuth (Veitenbauer), Wendelin Brehm (Adlerwirt), Andreas Federle (Wagner), Pfarrer Hermann Schuster (Schlossgutsbesitzer), Paul Ziegler (Bauer, Weber), Johann Georg Häckler (Gastwirt), Johann Georg Munding (Gemeindepfleger), Benedikt Späth (Küfer), Konrad Schöpple (Bauer) und Johann Bierer (Schultheiß).

Aus Tirol und Böhmen

Die Anzahl der Fremdarbeiter auf der Baustelle überwog. Sie kamen aus Bayern, Tirol, Böhmen, dem Trient und Italien. Die Arbeitsbedingungen waren primitiv und gefährlich. Über die Löhne ist nichts dokumentiert. Etwa 400 Arbeiter waren am Baulos Untermarchtal beschäftigt, auch Frauen. Fast täglich gab es Verletzte, besonders bei Felssprengungen. Für die verletzten Arbeiter wurde im Obermarchtaler Schloss und ehemaligen Klosterbau ein Eisenbahnbau-Spital eingerichtet.

Der Eisenbahnbau-Unternehmer Siegloch legte hinter dem Haus von Schmid Carl Ege, heute Munderkinger Straße, dem Wassertäle zu, eine Kiesgrube an und verlegte zum Kiestransport eine Rollbahn durch das „Kornbaindt“ zur Baustelle.

Bei diesen Arbeiten wurde ein Alemannen- oder Merowingergrab entdeckt. Ein Skelett mit Grabbeigaben, eine Waffe (Speer) und eine Urne wurden geborgen. Solche Funde wurden meist dem Ulmer Museum übergeben.

Ein großer Streitpunkt war die Errichtung einer Zufahrtsstraße zur Station; es drohten Enteignungen. Auch die Viehtränke an der Donau und der Zugang der Gänse zur Donau waren erhebliche Streitpunkte in der Gemeinde. Erst als Pfarrer Schwitthelm energisch den Bauern entgegentrat, wurde das Problem gelöst. Schließlich musste die Zufahrt zur Station bis zum Tag der Bahneröffnung am 15. Juni 1870  fertiggestellt sein. Der Gemeinde wurde sogar ein Zuschuss zur Zufahrtsstraße in Höhe von 2000 Tausend Gulden bewilligt.

Ertrunken in der Donau

An der Tagesordnung waren auch Streitereien auf den Baustellen. Öfters tätig wurde hier das Oberamtsgericht Ehingen, auch weil einheimische Burschen mit den Arbeitern in Streit gerieten. Dies führte sogar zu Verurteilungen mit Gefängnisstrafen.

Die nahe Donau lud die Arbeiter zum Baden ein. Es wird berichtet, dass am 7. Juni 1869 ein Südtiroler Arbeiter ertrank. Es war Paolo Parisi aus Bono im Kreis Trient, dessen Leichnam erst am 13. Juni 1869 gefunden wurde. Bei der Trauermusik zwei Tage später waren in Munderkingen 100 Südtiroler anwesend.

Am 1. September 1869 wurde mit dem Bau der Bahnstation Untermarchtal begonnen – zunächst als größeres Bahnwarthaus mit „Wartlocal III. Klasse und Kasse“.

Seit 1. Januar 1975 ist der Bahnhof unbesetzt; seit 23. Mai 1982 hält kein Zug mehr. Seit 1990 ist die Gemeinde Untermarchtal Besitzerin des Bahnhofs mit Gebäude und Nebengebäude und Umfeld wurde von 1998 bis 2000 saniert. Im Jahr 2000 wurde dort die Gemeindeverwaltung und ein Info-Zentrum eingerichtet.

Ehingen ist als nächstes an der Reihe

2019 Jubiläum Nach „150 Jahren
Eisenbahn im Donautal“ kann Ehingen im kommenden Jahr, am 13. Juni 2019, ein Eisenbahn-Jubiläum rund um den Bahnhof und die damals eröffnete Strecke Blaubeuren–Ehingen feiern. Am 15. Juni 2020 kommt der Streckenabschnitt Ehingen–Riedlingen zu Ehren (Eröffnung im Jahr 1870).  hi

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