Ehingen Familie soll abgeschoben werden – Widerstand in der Stadt

Souad Harir Abdellah und ihre drei Kinder Ilies (11), Iman (6) und Ines (3) sollen mit ihrem Vater Mitte August nach Algerien abgeschoben werden.
Souad Harir Abdellah und ihre drei Kinder Ilies (11), Iman (6) und Ines (3) sollen mit ihrem Vater Mitte August nach Algerien abgeschoben werden. © Foto: Stefan Bentele
Ehingen / Stefan Bentele 05.07.2018
Mitte August soll Souad Harir Abdellah mit ihrer Familie abgeschoben werden. In Ehingen formiert sich dagegen Widerstand.

Souad Harir Abdellah hat es schriftlich, dass der deutsche Staat sie, ihren Mann Larbi Abdellah und die drei gemeinsamen Kinder Ilies (11), Iman (6) und Ines (3) nach Algerien abschieben will. Zwischen dem 21. und 25. August soll das geschehen, so hat es das Regierungspräsidium Karlsruhe auf Anweisung des Bundesamts für Migration in einem Schreiben an die Familie mitgeteilt.

Doch in der Bürgerschaft in Ehingen formiert sich gegen die Behördenpläne Widerstand. Christina Schatz, Lehrerin am Johann-Vanotti-Gymnasium in Ehingen, will mit einer Online-Petition (siehe Info) erreichen, dass ihr Schüler Ilies mit seiner Familie bleiben darf. Mehr als 1400 Unterstützer hat die Aktion, die am 22. Juni gestartet ist und noch 15 Tage läuft, bislang.

„Von der Abschiebung der Familie Abdellah hat wirklich niemand etwas, zuallerletzt der Steuerzahler, der dafür noch aufkommen muss“, sagt Schatz. Ihrer Ansicht nach verliert die Gesellschaft eine engagierte Englisch-Nachhilfelehrerin, einen Bäcker sowie drei Kinder, von denen eines bereits die fünfte Klasse am JVG besuche. „Menschen, die die deutsche Gesellschaft brauchen kann.“

„Sprache ist Schlüssel in die Gesellschaft“

Arabisch, Französisch, Englisch: Souad Harir Abdellah spricht die Sprachen fließend, als sie 2011 mit ihrem dreijährigen Sohn und ihrem Mann nach Deutschland flieht. Über den Grund zur Flucht möchte sie nicht sprechen, nur so viel: Ihr Mann habe private Gründe dafür gehabt. Und alleine wollte sie nicht zurückbleiben, obwohl sie in Algerien als Lehrerin arbeitete, an der Uni Wirtschaftsenglisch lehrte.

Als der Asylantrag gestellt war und sie nach wenigen Wochen mit ihrer Familie in einer Unterkunft in Ehingen untergebracht wurde, begann sie sofort, Deutsch zu lernen. „Ich habe es auf der Straße aufgeschnappt“, sagt die heute 33-Jährige. Mit einem alten Englisch-Deutsch-Buch, verlegt 1965, brachte sie sich selbst die Grammatik bei. „Die Sprache ist der Schlüssel in die Gesellschaft.“

In Ehingen beginnt sie zu dolmetschen, für die Lokale Agenda und fürs Landratsamt. Seit Jahren ist ihr Terminkalender voll mit Dolmetsch-Terminen. Landratsamt-Sprecher Bernd Weltin bestätigt mehrere Einsätze für die Kreisbehörde. Auch die Polizei in Ulm greift auf die Sprachbegabungen der Algerierin zurück, stellt gar eine feste Anstellung in Aussicht, so die rechtliche Situation es erlaubt. Weil sie aber keine Arbeitserlaubnis besitzt, darf sie nicht arbeiten, nichts verdienen. Also dolmetscht Souad Harir Abdellah stets ehrenamtlich, bezahlt Fahrten mit dem Taxi zu den Terminen teils aus dem eigenen Geldbeutel. Nebenbei gibt sie an der Realschule Nachhilfeunterricht, engagiert sich im Bürgerhaus Oberschaffnei als interkulturelle Mentorin, versucht bei kulturellen Missverständnissen zu vermitteln.

Engagiert in der Stadt

„Man hat immer ein schlechtes Gewissen, wenn man sie bittet“, sagt Heidi Porsche, zweite Vorsitzende im Freundeskreis Migranten, über das Engagement von Souad Harir Abdellah. Über die Jahre haben sich die beiden Frauen angefreundet. Porsche kann ebenso wenig wie Lehrerin Schatz nachvollziehen, warum der deutsche Staat die Familie abschieben will. Ilies könne kein Arabisch, er sei hier aufgewachsen. „Der findet sich in Algerien doch gar nicht zurecht.“ Gleiches gelte für seine beiden Schwestern, die hier in Deutschland geboren sind. „Die sind hier zuhause.“

Porsche argumentiert, dass Larbi Abdellah ja auch gearbeitet habe. Zwei Jahre lang hatte der Familienvater als Bäcker in Ehingen gearbeitet, war frühmorgens aufgestanden und bei Wind und Wetter gut 30 Minuten zu Fuß zur Arbeit gegangen. Die Familie finanzierte sich selbst, bekam nur noch Wohngeld. Dann, vor einem Jahr, als der Vater, ein in Algerien ausgebildeter Konditor, eine besser bezahlte Stelle in Aussicht hatte, entzogen die Behörden ihm die Arbeitserlaubnis.

Die Stadt Ehingen verweist ans Regierungspräsidium Karlsruhe. Man sei als hiesige Ausländerbehörde in diesem Fall lediglich auf Weisung des RP tätig, sagt Bettina Gihr, Sprecherin der Stadt. Im RP wiederum verweist man ans Bundesamt für Migration in Nürnberg. „Wir setzen das um, was uns das Bundesamt vergibt“, sagt Irene Feilhauer, Sprecherin im RP. Das Bundesamt wiederum gibt keine Auskunft über Einzelfälle. Datenschutz.

Laut Feilhauer ist im Bundesamt der Asylbescheid der Familie 2013 abgelehnt worden, woraufhin ein „vollziehbare Ausreisepflicht“ bestanden habe. Weil die Familie 2014 Zuwachs bekam, lief das Asylverfahren aufs Neue an, mit dem gleichen Ergebnis 2017, woraufhin der Vater die Arbeitserlaubnis verloren hat. Feilhauer betont, dass eine Arbeit nicht vor Ausweisung schützt. Auch sonstiges Engagement habe keinen Einfluss auf die Entscheidung, es werde einzig der Einzelfall geprüft.

Abschiebeversuch gescheitert

Heidi Porsche schüttelt über all das nur den Kopf. Souad Harir Abdellah und ihre Familie sind ratlos. Ein Anwalt hat Einspruch eingelegt, beruft sich auf das Aufenthaltsgesetz, wonach die Familie lange genug in Deutschland lebt, um hierbleiben zu dürfen. Laut Feilhauer hat die Härtefallkommission im Frühjahr bereits entschieden, dass die Ausreise zu erfolgen hat.

Die Behörden haben die Abschiebung bereits versucht, damals war die Familie bei Freunden, um das Fastenbrechen zu feiern. Die Familie hofft weiter, dass sie bleiben darf. „Wir leben mit diesem Fragezeichen“, sagt die 33-Jährige.

Petition im Internet

Unterstützung Auf dem Portal openpetition.de hat Christina Schatz eine Petition eingerichtet, um möglichst viele Unterstützer zu finden, die sich gegen die Abschiebung der Familie aussprechen. Die Petition ist zwar ans Landratsamt Alb-Donau gerichtet, weil die Behörde aber nicht zuständig ist, sollen die Unterschriften an den Petitionsausschuss des Landtags Baden-Württemberg weitergegeben werden. Schatz sieht darin eine Möglichkeit, von offizieller Seite etwas zu bewirken. Am 5. Juli hatte die Petition 1442 von den angestrebten 2000 Stimmen gesammelt.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel