Kläranlagen-Chef Alexander Baum: Ein Tüftler und Macher

Ehingen / Pia Reiser 02.06.2018
Alexander Baum ist Kläranlagen-Chef und sorgt dafür, dass unser Abwasser gereinigt wird. Dabei ist auch Erfindergeist gefragt.

Wer die Klospülung drückt, denkt normalerweise nicht mehr an das, was er da gerade verschwinden lassen hat. Alexander Baum hingegen hat jeden Tag damit zu tun. Als Chef der Ehinger Kläranlage stellt er mit seinem neunköpfigen Team sicher, dass das Wasser wieder frei von Fäkalien und Schmutz wird. Bis zu 30.000 Kubikmeter Abwasser kommen pro Tag in der Kläranlage hinter der ehemalige Schlecker-Zentrale an und durchlaufen mehrere Reinigungsstufen, bis das gesäuberte Wasser schließlich in die Donau geleitet wird.

Die Arbeit in der Kläranlage ist „bei Weitem nicht so schlimm, wie man sich das vorstellt“, sagt Baum. Klar, in dem Gebäude, wo ein Rechen die nicht aufgelösten Teile aus dem Abwasser fischt und diese gepresst werden, da stinkt es gewaltig. „Aber jede Arzthelferin sieht Schlimmeres“, ist Baum überzeugt. Außerdem: „Hier steht keiner herum und rührt darin rum.“

Bakterien als Mitarbeiter

Stattdessen sitzt Baum viel vor den vier Bildschirmen, über die sich die gesamte Kläranlage und die 101 Außenstellen kontrollieren und steuern lassen. Denn dass mal „alles läuft“, das gibt es eigentlich nicht, erzählt Baum. Denn nie ist die Zusammensetzung des Abwassers die gleiche. „Wenn die Brauerei Betriebsferien hat, merken wir das sofort.“ Und auch die Milliarden von Kleinst-Mitarbeitern, die Bakterien in den Klärbecken, wollen gut behandelt werden. „Die Bakterien reagieren auf alles, wie eine Kuh im Stall“, sagt Alexander Baum. Die Temperatur, der ph-Wert oder Chemikalien haben zum Beispiel Auswirkungen.

Aber der Kläranlagen-Chef betont auch, dass die Bakterien das Abwasser nur von organischen Stoffen reinigen können, von anorganischen wie etwa Nickel nicht. Um im Notfall schnell reagieren zu können, haben er und seine Kollegen auch nachts Bereitschaft.

Für Alexander Baum ist diese Abwechslung das Beste an seinem Job – und die Sinnhaftigkeit: Dass er etwas bewirkt, dass das Wasser so sauber wie möglich seine Kläranlage verlässt und in die Donau fließt. Denn bei Leipheim wird wieder Wasser aus der Donau entnommen, um große Teile Württembergs bis nach Stuttgart mit Trinkwasser zu versorgen. Dass Alexander Baum seine Arbeit ordentlich macht, ist also nicht nur wichtig für Ehingen, sondern auch für einen viel größeren Radius.

Traumberuf Feuerwehrmann

Der heute 50-Jährige ist in Frankfurt am Main aufgewachsen und wollte eigentlich Feuerwehrmann werden. Diese suchte damals für den Chemie- und Pharmakonzern Hoechst AG jemanden, der sich „mit Chemie auskennt“ – also machte er die Ausbildung zum Chemikanten und merkte, dass sich so besser Geld verdienen lässt als in der Feuerwehr. Er machte die Weiterbildung zum Umweltschutztechniker und kam im Zivildienst das erste Mal in den Süden (Memmingen) und auf eine Kläranlage. „Da konnte ich meinen Beruf gezielt einbringen und war dort der Laborant“, erzählt er.

Seitdem blieb Baum im Süden, arbeitete erst in der Galvanik als Umweltbeauftragter, dann in einem Ingenieurbüro für Kompostierwerke und kam schließlich 1996 nach Ehingen. „Auf dem Land hat es mir schon immer gut gefallen“, erzählt der Vater eines Sohnes. Er wohnt in Kirchen und sagt, dass er dort nun nicht mehr weg will.

Seit Alexander Baum in Ehingen ist, hat sich in der Kläranlage einiges verändert. Heute enthält das Wasser am Schluss nur die Hälfte bis zu einem Drittel des Schmutzes, der noch 1996 darin war, erzählt Baum. „Das haben wir hauptsächlich aus der vorhandenen Anlage rausoptimiert“, sagt er nicht ohne Stolz.

Beispielsweise ändern sich die Vorschriften, die Grenzwerte für Phosphor, Nitrat oder Stickstoff werden herabgesenkt. Da sei man gezwungen, immer wieder zu tüfteln. „Und das ist das, was Spaß macht“, schwärmt Baum. Zum Beispiel haben er und die Kollegen eine Anlage gebaut, die die Denitrifikation, also die Reduzierung vom Dünger Nitrat im Wasser, im Vorklärbecken stattfinden lässt – und das, obwohl ihnen zunächst gesagt wurde, dass es nicht funktionieren würde. Aber es klappte eben doch.

Nachhaltig wirtschaften - eine knifflige Aufgabe

In der Kläranlage hängt alles miteinander zusammen. „Egal, wo man etwas schraubt, das hat Auswirkung auf die ganze Anlage.“ Die Stellschräubchen zu justieren, um zum bestmöglichen Ergebnis zu kommen, das motiviert Baum. Dahinter steht der große Gedanke an die Umwelt, aber auch der wirtschaftliche Ansporn. Denn wenn die Grenzwerte am Schluss deutlich unterschritten werden, muss nicht so viel Abwasserabgabe an das Land gezahlt werden.

Noch in diesem Jahr steht eine Veränderung für Baum und sein Team an: Der Bau einer Anlage zur Prozesswasserbehandlung. Dem schmutzigen Wasser, das aus Klärschlamm gewonnen wird, soll darin der Stickstoff entzogen und daraus Dünger hergestellt werden – ein neues Verfahren, wie es bisher nur wenige Kläranlagen anwenden. „Damit soll es noch in diesem Jahr losgehen“, sagt der Kläranlagen-Chef.

Gerade laufen die Ausschreibungen, kosten soll die Anlage etwa eine Million Euro. So wird die Kläranlage weiter optimiert, und aus den Überresten von dem, was durch unsere Kanäle läuft, etwas Neues gewonnen – und Alexander Baum kann weiter tüfteln.

25.000 Menschen versorgt

101 Außenstellen werden von der Ehinger Kläranlage betreut, darunter Überlaufbecken, die bei starkem Regen Wasser puffern. Insgesamt klärt die Anlage laut Baum Abwasser von rund 25.000 Menschen aus dem Stadtgebiet und Allmendingen. Ausgelegt ist die Anlage auf 52.600 sogenannte Einwohnergleichwerte, denn einige Firmen produzieren mehr Abwasser als ein durchschnittlicher Einwohner.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel