Munderkingen "Was diese Brücke uns war . . ."

Munderkingen / INGEBORG BURKHARDT 08.05.2015
Vergeblich hatte der kommissarische Bürgermeister Xaver Braun am 22. April, am Tag nach seinem Amtsantritt, versucht, die Sprengung der Munderkinger Donaubrücke zu verhindern.

Gellende Rufe "Achtung, die Brücke ist gezündet" seien um 19.30 Uhr im Rathaus zu hören gewesen, schrieb Braun. "Ich zähle etwa 12 Sekunden, da lässt eine schwere Detonation das Rathaus erzittern, Gesteins- und Betonbrocken prasseln auf die Dächer und Straßen nieder, eine gewaltige Rauch- und Staubwolke geht hoch. Das stolze Bauwerk der Stadt, die erste, von aller Welt bewunderte freitragende Betonbrücke mit einer Spannweite von 50 Metern, ist nicht mehr."

Die Donau umspielte die noch rauchenden Trümmer; ein Rauschen und Tosen der Fluten, die sich erst neue Bahn durch die Ruinen brechen mussten, sei zu hören gewesen. "Was diese Brücke uns war, weiß nur der Munderkinger."

"Jeder gibt seiner innerlichen Wut Ausdruck über die sinnlose Zerstörung dieses Bauwerks", schrieb Braun. Die Folgen der Sprengung seien schwere Schäden an den Gebäuden, der Bruch des Hauptstrangs der Wasserversorgung und der Stromleitung gewesen. Mit einem Schlag lag die Stadt im Dunkeln. Bis zur provisorischen Reparatur der Wasserleitung am 28. April mussten die Bürger das Wasser aus der Donau schöpfen.

"Es ist Nacht geworden in der Stadt und wir versuchen mit einem Fischernachen über die Donau mit dem Helfern des DRK in Verbindung zu treten um auch die fünf Toten des Tages, darunter ein amerikanischer Soldat, bergen zu können", zeichnete Braun nach der Sprengung auf. "Um 23.30 Uhr gibt es eine weitere Detonation: Pioniere hatten den Steg zur Wörth-Insel gesprengt. Bei Algershofen hatte ein mutiger Bürger noch rechtzeitig die Zündschnur von den Minen unter der Brücke über die Bahnlinie lösen können und damit den 1944 von Ulmer Pionieren geschaffenen Überweg in die Stadt gerettet, erfuhr der Bürgermeister, als er sich nachts bei Kerzenschein mit zwei namentlich nicht genannten Beratern einig war: "Das Schicksal unserer Stadt steht auf des Messers Schneide, wenn in der Morgenfrühe bei dem ungleichen Kräfteverhältnis der beiden Seiten der Kampf weitergeht." Am Nachmittag hatte er erfahren, dass "der Feind" 800 Meter flussabwärts mit dem Bau eines Stegs über die Donau begonnen habe.

Erleichtert konnte Braun gegen 4 Uhr aufatmen, als der Stab der Pioniere aus dem "Rössle" meldete, dass das Bataillon Befehl erhalten habe, in Richtung Biberach-Wurzach abzurücken. Die Stadt werde nicht mehr verteidigt. "Wir entschieden uns noch in der Nacht, große weiße Flaggen auf den Kirchturm in vier Himmelrichtungen zu setzen." Währenddessen schreckte sie eine "außergewöhnlich starke Detonation auf". In Untermarchtal war die Donaubrücke gesprengt worden.

Nach einem kampfreichen 22. April, an dem "Feind-Panzer" gegen 17 Uhr die verschneite Stadt über den Brunnenberg erreichten, waren im Gefecht und im Nahkampf Volkssturmführer Fritz Grab und Zugführer Basilius Schneider sowie einige Pioniere gefallen. Andere Männer des Volkssturms wurden verletzt oder gerieten in Gefangenschaft.

Der 1941 eingesetzte Bürgermeister Anton Kneißle aus Luppenhofen, der die 6. Kompanie des Volkssturms leitete und tags zuvor als Stadtoberhaupt abgelöst worden war, war auf der Donaubrücke "ins feindliche Feuer" geraten und später im Krankenhaus gestorben. Am Viehmarkt war die Scheune von Bauer Schrode in Flammen aufgegangen, am Brunnenberg das Wohnhaus der Familie Springer-Schürer, das Felsenhäusle und das Wohnzimmer des Landwirts Stöhr wurden stark beschädigt.

Tags darauf wurde die Bevölkerung angesichts der weißen Flaggen ruhiger und "setzten alle Hoffnung auf diese Neutralitätszeichen, die bald überall auch an die Fenster gehängt wurden". Um 17. 30 Uhr wurden amerikanische Soldaten bei Algershofen gemeldet. Braun: "Ich begebe mich in Begleitung von Studienrat und Dolmetscher Alfred Locher aus Stuttgart und Gendarmeriemeister Eduard Kölle sofort dorthin und meldete die Stadt als frei von deutschen Truppen." Zwei Amerikaner begleiteten das Trio, "ohne große Zeremonie" wurde die Stadt übergeben. Sie ordneten an, dass die Bevölkerung alle Waffen am nächsten Tag abzuliefern habe.

Am nächsten Tag passierten Fahrzeuge mit vollbärtigen Indern mit weißen Turbanen, Freiheitskämpfer der Waffen-SS, die Stadt. Sie verlangten Verpflegung und drohten dem Bürgermeister samt seiner Familie der weißen Flaggen wegen die Todesstrafe an. Als jedoch links der Donau amerikanische Fahrzeugkolonnen in Richtung Rottenacker vorbeifuhren, zogen es die Insassen der deutschen Fahrzeuge vor, in Richtung Emerkingen zu fahren.

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