„So oiner wie i“, sagt der Unternehmer und haut mit der Faust auf den Schreibtisch, „so einer wie i hat noch immer einen Trumpf im Ärmel.“ Aber da steht das Imperium des Patriarchen Walter Weicker bereits am Abgrund. Der Alleinherrscher und Spekulant hofft verzweifelt auf eine letzte Rettung, um den Liquiditätsproblemen zu entgehen. Doch die kommt für ihn zu spät. Das Ultimatum der Banken läuft gnadenlos ab.

Geschichte der Familie Merckle

Das Landestheater Tübingen (LTT) zeigte in Ehingen das Schauspiel „Die Stunde des Unternehmers“, das sich bis in Details an die Geschichte der Familie Merckle anlehnt. Adolf Merckle erbte 1967 einen Arzneimittelbetrieb in Blaubeuren und baute ihn zu einem Konzern aus. Es ranken und rankten sich viele Mythen um den sparsamen Firmenchef, der sich in sein Geschäft nicht hinein reden ließ, sich in verzweigten Beteiligungen verzettelte und letztlich keinen Ausweg mehr aus einer Liquiditätskrise fand. „Am Abend des 5. Januar 2009 wurde Adolf Merckle in der Nähe seines Wohnhauses im Blaubeurer Ortsteil Weiler von einem Zug erfasst und getötet.“ So steht es in der ausführlichen Schilderung der Familiengeschichte, die im Programmheft des LTT abgedruckt ist. Auch, dass die Polizei Fremdverschulden ausschloss, weil Merckle einen Abschiedsbrief hinterließ. Das damalige Statement der Familie ist ebenso nachzulesen.

Der Autor Felix Huby stößt den Zuschauer des Theaterstücks beinahe mit der Nase auf die Parallelen zwischen seinem Helden Walter Weicker und Adolf Merckle. Da wird ein Skilift im Kleinwalsertal während eines Familienausflugs einfach gekauft, weil man sich über den teuren Skipass ärgert. Da wird die eigene Ehefrau aus dem Geschäft heraus gehalten, aber in größter Not doch angefleht, mit ihrem Privatvermögen aus der Krise zu helfen. Walter Weicker wird nachgesagt, er drehe ein Pfennigstück so lange zwischen den Fingern, bis ein Kupferdraht daraus würde.

Ähnliche Geschichten erzählte sich in der Pause des Theaterstücks auch das Ehinger Publikum, das mit den vier Kindern der Familie zu tun gehabt hatte oder die vor wenigen Monaten verstorbene Ruth Merckle als kirchlich und sozial engagierte Frau kannte. Selbst die Leidenschaft für Kunst, die Ruth Merckle pflegte und die die Werke in den Räumen des einstigen Unternehmens, das „Teva“ übernommenen hat, zeigte, verarbeitet Felix Huby in dem Theaterstück. An dessen Ende hören die Zuschauer das krei­schende Geräusch eines herannahenden, abbremsenden Zugs.

Das Stück beginnt mit einem Wutanfall des Unternehmers und blickt dann auf einen Silvesterabend 1960 zurück. Im Hintergrund tickt eine Uhr, die im Laufe der Aufführung daran erinnert, dass Walter Weicker (Gilbert Mieroph) die Zeit davon läuft. Ohnehin, „die Zeit wartet nicht“, das bekommt Weicker zwei Mal gesagt, einmal von seinem Großvater im Rückblick, einmal vom Betriebsratsvorsitzenden während der Firmenkrise.

Die Bühne ist umgeben von silbrigen Glitzerschlangen, die wie ein Vorhang wirken. Billiger Plunder, den ein schwäbischer Unternehmer wohl verachtet hätte. Ein mobiler Schreibtisch ist das einzige Möbel, in dem Unterlagen verschwinden, Alkoholika auftauchen und der auch als Esstisch für die Familie fungiert.

Opfer eigener Hybris

Unter der Regie von Uta Koschel sehen die Zuschauer viele Rückblenden, die die gut zweistündige Inszenierung langatmig wirken lassen. Felix Huby erzählt exemplarisch die Tragödie eines schwäbischen Unternehmers, der ein Opfer seiner eigenen Hybris wird. So etwas kennt der Zuschauer durchaus auch aus anderen Familienunternehmen. „Seine Demut ist sein größter Stolz“, heißt es einmal.

Nur paart sich die Demut mit Profitgier und zunehmender Realitätsferne. Gilbert Mieroph verkörpert diesen Typus sehr schwäbisch, perfekt im Dialekt, aber wenig subtil in der Spielweise. So rauscht „Die Stunde des Unternehmers“ als Episode vorbei, wobei es doch eigentlich ein Stoff ist, der auch in die Tiefe hätte gehen können.

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