Sicherheit „Man bekommt als Polizistin noch etwa Respekt“

Rebekka Götzke ist Polizistin in Ehingen.
Rebekka Götzke ist Polizistin in Ehingen. © Foto: Jana Zahner
Ehingen / Jana Zahner 02.12.2018

Seit September ist Rebekka Götzke, 28 Jahre alt, Polizeiobermeisterin in Ehingen. Einsätze beim G20-Gipfel in Hamburg oder der Sicherheitskonferenz in München, Streifendienste in Stuttgart und Ulm – Götzke hat schon viel erlebt. Mit siebzehn hat sie ihre Ausbildung begonnen. Danach war sie bei der Bereitschaftspolizei, anschließend auf dem Polizeirevier in Geislingen.

Für Ehingen hat sich Götzke bewusst entschieden. Nicht nur aufgrund der Nähe zu ihrem Heimatort im Kreis Biberach, sondern auch, weil die Polizistin den ländlichen Raum besonders schätzt. Warum sie den Streifendienst in der Region Ehingen einer Großstadt vorzieht, sagt sie im Gespräch.

Frau Götzke,  die Gewaltbereitschaft gegen Polizisten soll zugenommen haben. Wurden Sie selbst schon einmal angegriffen?

Rebekka Götzke: Ja, gerade bei Fußballspielen passiert das oft: Man versucht, zwei sich prügelnde Fangruppen zu trennen – und sobald wir da sind, werden aus den Gegnern plötzlich Freunde, die uns gemeinsam angreifen. Mir ist das aber auch schon in Ehingen passiert. Ein paar alkoholisierte Jungs wollten ein Lokal nicht verlassen. Als wir sie hinaus bringen wollten, sind sie auf uns losgegangen.

Macht es dabei einen Unterschied, ob ein Mann oder eine Frau die Uniform trägt?

Als Frau wird man bei Großeinsätzen oft als Schwachstelle betrachtet und öfter attackiert. Im Streifendienst wirkt man eher deeskalierend. In Ehingen sind in jeder Schicht mehrere Frauen. Wir achten aber darauf, in gemischten Teams zu arbeiten. Ich kann so viel trainieren, wie ich will – die meisten Männer sind nun mal größer als ich.

Haben Sie manchmal Angst bei der Arbeit?

Nein. Man gewöhnt sich daran. Man stumpft geradezu ab – natürlich war ich mit 17 Jahren, als ich meine Ausbildung begonnen habe, noch etwas sensibler.

Sie sind auch auf Großveranstaltungen im Einsatz, zuletzt beim DFB Pokalspiel des SSV Ulm. Was sind ihre Aufgaben, wie sind sie ausgerüstet?

Bei diesem Spiel war ich Teil der Beweissicherung. Dabei bin ich mit einer Kamera unterwegs. Wenn es zu Straftaten kommt, filme ich, sofern das rechtlich zulässig ist. Ich trage einen Einsatzanzug, Schutzausrüstung, Helm, Waffe und Pfefferspray.

Wie wurden Sie auf solche Einsätze vorbereitet?

Nach der Grundausbildung erhält man ein so genanntes Tumult-Training. Dabei lernt man in Einzel- und Doppelreihen mit dem Schild zu laufen sowie die Handzeichen. Dazu üben wir auch, was zu tun ist, wenn wir beworfen werden. Das ist anfangs ein sehr beklemmendes Gefühl. Im Training haben wir uns dazu aufgeteilt, dann hat die eine Gruppe die andere mit Flaschen beworfen. Natürlich nur mit Plastikflaschen, sonst wären die Ausfälle zu groß gewesen (lacht).

Was hat Sie eigentlich damals dazu bewogen, ihre Ausbildung bei der Polizei zu machen?

Mein Vater ist auch Polizist. Er hat mir aufgrund meiner Interessen dazu geraten. Ich habe schon immer gerne Sport gemacht, wie Fitness, Laufen, Reiten oder Kickboxen. Außerdem interessiere ich mich sehr für das Recht.

Was ist das Besondere an Ihrem neuen Arbeitsplatz? Einerseits ist Ehingen eine Kleinstadt, andererseits müssen sie ein großes ländliches Gebiet abdecken.

Genau, es ist ein riesiges Revier. Man braucht sehr lange, um an die äußeren Winkel zu kommen. Das macht es manchmal schwierig. Aber ich finde es richtig schön hier, weil es so ländlich ist. Man bekommt als Polizistin noch etwas Respekt entgegengebracht; die Menschen sind dankbar, wenn man kommt. Mir gefällt die Arbeit in Ehingen, weil der Umgang normal, menschlich, persönlich ist. Das ist in größeren Städten wie Stuttgart ganz anders. Dort haben die Leute oft keinen Respekt.

Laufen die Dienste ruhiger ab, als zum Beispiel in Ulm?

Ulm ist fast schon eine Großstadt. Man hat ein reges Nachtleben, es ist alles viel hektischer und es gibt mehr Schlägereien.  Das ist in Ehingen die Ausnahme. Mir bedeutet es viel, mit den Menschen normal reden zu können und nicht ständig von einer Schlägerei zur nächsten zu müssen.

Viele wünschen sich mehr Polizeipräsenz, obwohl sie eigentlich hier in einer sicheren Umgebung leben. Wie erklären Sie sich das?

Ich finde den Wunsch nach Sicherheit verständlich. In den Medien hört man nun mal wenig Positives. Ich habe meiner kleinen Schwester schon phasenweise verboten, nachts allein nach Hause zu gehen. Das Sicherheitsgefühl, das ich selbst noch aus meiner Kindheit kenne, fehlt heute. Wir sind einfach zu wenig Polizisten. Nur weil wir nicht auf der Straße sind, heißt das aber nicht, dass wir auf dem Revier sitzen und Donuts essen, denn wir müssen noch sehr viel Schreibarbeit erledigen.

Wie erleben Sie den Personalmangel in Ihrem eigenen Arbeitsalltag?

Wir sind gut aufgestellt, aber wir dürften nicht weniger Leute sein. Gerade hier gäbe es aufgrund des großen Gebiets Probleme.

Was würden Sie gerne an Ihrem Beruf verändern?

Ich würde die Schreibarbeit reduzieren, zum Beispiel bei Fällen, bei denen wir von vornherein wissen, dass diese aufgrund fehlender Täter oder Ermittlungsansätzen eingestellt werden. Das ist Zeit, die auf der Straße fehlt. Aber ansonsten liebe ich meinen Beruf. Am meisten mag ich das Gefühl, in schlimmen Situationen helfen zu können.

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