Lebensweg „Das Leben findet hier statt“

Karl Wurst-Bühler, der Rektor der Ehinger Schmiechtalschule, wird am 11. Juli in den Ruhestand verabschiedet.
Karl Wurst-Bühler, der Rektor der Ehinger Schmiechtalschule, wird am 11. Juli in den Ruhestand verabschiedet. © Foto: Julia Deresko
Ehingen / Julia Deresko 15.06.2018
Karl Wurst-Bühler und die Schmiechtalschule sind eine Einheit. Der engagierte Rektor hat viel für die Inklusion getan.

Seine offene und zugeneigte Art ist das Erste, was einem an Karl Wurst-Bühler auffällt. Beim Gang durch die Schmiechtalschule lächeln ihm die Schüler zu. Sie alle grüßt er freundlich, erkundigt sich – es ist gerade Mittagszeit –, ob das Essen in der Schulmensa geschmeckt hat. Karl Wurst-Bühler und die Schmiechtalschule – das ist eine Einheit seit 33 Jahren. Am 11. Juli wird der Rektor offiziell in den Ruhestand verabschiedet.

Nach seinem wichtigsten Anliegen als Schulleiter gefragt, muss Wurst-Bühler nicht lange überlegen: „Ein gutes Klima an der Schule schaffen.“ Das ist ihm offenkundig gelungen. Die Lehrer und Pflegekräfte kommen gerne zur Arbeit, die Kinder kommen gerne in die Schule und die Eltern, die etwas gestalten wollen, können es hier tun, sagt Wurst-Bühler. „Das ist für mich das Wichtigste.“

Beziehung verändert alles

Sein älterer Bruder, der bereits Sonderpädagogik studierte, gab den ersten Impuls für den Berufsweg. Im Zivildienst an der Peter-Rosegger-Schule in Reutlingen habe Wurst-Bühler mit Menschen mit Behinderung gearbeitet und diesen Bereich kennengelernt. „Davor habe ich die gleichen Berührungsängste, wie andere Menschen auch gehabt“, erzählt der 64-Jährige. Doch das habe sich schnell gewandelt. „Über Beziehung verändert sich was“, sagt der Schulleiter. „Ich habe irgendwann gemerkt, dass die Behinderung keine Rolle spielt, wenn man die Person dahinter sieht.“

Nach seinem Studium in den Fächern Sonderpädagogik und Sport an der Pädagogischen Hochschule in Reutlingen kam Karl Wurst-Bühler 1985 an die Schmiechtalschule, die damals in Weilersteußlingen ihren Standort hatte. Die kommissarische Leiterin ging kurz darauf in Mutterschutz, und weil Karl Wurst-Bühler der einzige Sonderschullehrer vor Ort war, wurde ihm die Stelle als kommissarischer Leiter angeboten. „Ich wurde ins kalte Wasser geworfen“, sagt er rückblickend. Und das hatte auch sein Gutes: „Das eröffnet einem einen neuen Horizont.“ Seit 1991 ist Karl Wurst-Bühler Rektor der Schule.

Weil er bereits einen kleinen Sohn hatte, fällte der gebürtige Künzelsauer gleich zu Beginn bewusst die Entscheidung für die  neue Region als Lebensmittelpunkt. In Altheim ist die Familie fündig geworden und kam auch in der Gemeinde schnell an. Karl Wurst-Bühler engagierte sich von 1986 bis 2004 bei der SG Altheim. 1992 kam eine Pflegetochter neunjährig in die Familie, in der sie bis zum Erwachsenenalter lebte.

Auch beruflich kam viel auf Karl Wurst-Bühler zu. Bereits in seinem ersten Berufsjahr stand der Umzug der Schule nach Ehingen an und im Zuge dessen die erste von vier Erweiterungen (siehe Extratext). „Mein größtes Bestreben war es, dass die Schule hier ankommt“, sagt er. Denn 1985 stand das Gebäude „in der Wüste“. Dass ihm das gelungen ist, dafür sprechen auch die stetig wachsenden Schülerzahlen: Als er begann, waren es 20, heute sind es 106.

Es geht ums Dazugehören

Früh hat sich Wurst-Bühler für gemeinsame Aktionen mit Regelschulen stark gemacht. „Das, was heute Inklusion genannt wird, war schon immer in meinem Kopf“, erzählt der Schulleiter. Von Beginn an sei er gegen die strikte Trennung gewesen. „Wir möchten dazu gehören, Teilhabe war immer ein Ziel.“ Diese Aufgabe sei immer dringlicher geworden und zieht sich bis heute hin. Ein Beispiel für sein Engagement sind die Außenklassen an Regelschulen: „Die Außenklassen haben mit dem ersten Gedanken zu tun, die Schule zu öffnen, rauszugehen, viel gemeinsam zu machen“, sagt Wurst-Bühler. Doch die Zusammenarbeit mit Regelschulen sei oft auch mühsam gewesen: „Die Initiative musste immer von uns kommen.“ Inzwischen ist die gesetzliche Grundlage eine andere: Seit dem Schuljahr 2015/16 gibt es keine Sonderschulpflicht mehr. Die Eltern entscheiden, ob ihre Kinder ein Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum oder eine Regelschule besuchen sollen. Nun sei jeder gefordert, sagt Wurst-Bühler. „Wir können mit einem neuen Selbstbewusstsein an die Sache rangehen.“ Und auch Bedingungen stellen.

Durch Erleben lernen

Zugleich bringt die Inklusion große Herausforderungen mit sich. Inzwischen werden 20 Schüler der Schmiechtalschule an sieben Regelschulen in der Region beschult. Dafür stellt die Schmiechtalschule Lehrer. Weil das Stundenkontingent begrenzt ist und weil Regelschulklassen heute groß sind, mussten die Außenklassen wieder „zurückgefahren“ werden. Im kommenden Schuljahr wird es  keine geben.

Die an sich gute Idee der Inklusion, wie Wurst-Bühler betont, sieht er in ihrer aktuellen Umsetzung kritisch. Das Schulsystem an Regelschulen sei nach wie vor auf das abstrakte Denken ausgelegt. „Wir können viel zusammen machen, aber nicht alles.“

An der Schmiechtalschule wird ein handlungsorientiertes Lernen praktiziert. Die Schüler lernen über Erfahrungen. Darauf legt Wurst-Bühler großen Wert: „Das ist was ganz Spezielles für unseren Schultyp.“ Zum Schwimmen geht es beispielsweise in ein öffentliches Freibad, so lernen die Schüler auch die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen.

Und noch etwas ist Wurst-Bühler wichtig: „Das Leben findet hier statt.“ Weil viele Kinder auf Grund ihrer Behinderung isoliert sind, sehe er es auch als Aufgabe der Schule. „Das gemeinsame Erleben macht das Leben lebenswert.“ So ging es schon mal zusammen zum Konzert von „Pur“ im Wiley oder zum Hockey nach Wiblingen. Bei alledem soll der Weg keine Einbahnstraße bleiben: Wurst-Bühler hat sich stets dafür eingesetzt – etwa über kulturelle Veranstaltungen –, auch Menschen ohne Behinderung in die Schule einzuladen. Für seine Schüler wünscht er sich, dass sie auch beruflich Fuß fassen, wo es möglich ist, auch auf dem ersten Arbeitsmarkt.

Der engagierte Rektor hat Wege in die Inklusion geebnet. Nun ist er selbst auf der Zielgeraden: „Erstmal ankommen und durchschnaufen“, sagt Karl Wurst-Bühler, der inzwischen in Erbach lebt. Was danach kommt, lässt er auf sich zukommen.

Die Schmiechtalschule wächst kontinuierlich

Entwicklung Die Schmiechtalschule wurde 1971 gegründet. 1985 (20 Schüler) folgte der Umzug nach Ehingen und die erste Erweiterung. 1993 erhielt die Schule ihren aktuellen Namen. Seit dem Schuljahr 1997/98 ist diese auch eine Schule für Körperbehinderte. 1999, mit mittlerweile 60 Schülern, wird der neue Erweiterungsbau eingeweiht. 2010 folgt erneut eine Erweiterung. Eine Außenstelle wird 2015 in Laichingen eingerichtet. Derzeit wird wieder um drei Klassenzimmer erweitert. Aktuell besuchen 106 Schüler (von 6 bis 22 Jahren) die Einrichtung, zum Kollegium gehören 48 Lehrer und 15 Betreuungskräfte. jad

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel