Ehingen "Dantons Tod" fordert Aufmerksamkeit der Zuschauer

Danton (Martin Maria Eschenbach) mit seiner Frau Julie (Jessica Higgins), die Autor Georg Büchner dazu erfunden hat. Foto: Christina Kirsch
Danton (Martin Maria Eschenbach) mit seiner Frau Julie (Jessica Higgins), die Autor Georg Büchner dazu erfunden hat. Foto: Christina Kirsch
Ehingen / CHRISTINA KIRSCH 15.11.2012
Georg Büchners Drama "Dantons Tod" über das nachrevolutionäre Chaos in Frankreich war in der Inszenierung des Landestheaters Tübingen meist ein Sprechstück. Es überzeugte die demagogische Rhetorik.

Ohne Geschichtskenntnisse saß man in der Aufführung von "Dantons Tod" da wie der sprichwörtliche Ochs vor dem Berg. So ging es auch einigen jüngeren Schülern des Johann-Vanotti-Gymnasiums in der Lindenhalle, die in der Pause meinten, dass sie "etwas anderes" erwartet hätten. Weniger Text und mehr Handlung. Aber darauf hat es Georg Büchner in seinem Drama nicht angelegt.

So standen in der Inszenierung des Landestheaters Tübingen mehr als zwei Stunden lang vor allem Rhetorik und Deklamation im Vordergrund. Und da konnte man unterschiedliche Typen studieren, die eigentlich nur eines wollten: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Dabei verrannte sich jeder in seinem eigenen Weltbild. "Dantons Tod" spielt in der chaotischen Zeit nach der französischen Revolution. Es haben sich politisch feindliche Lager gebildet, es kommt zu Exekutionen, Tribunalen und Willkür. Alle hängen irgendwie drin und sind Gefangene der politischen Umstände. Das Gerüst im Bühnenhintergrund, auf dem sich die Figuren als Schatten abzeichneten, war ein eindrückliches Sinnbild fürs politische Netz der Zeit. Zum Schluss baumelten die Erhängten an den Querstäben des Gerüsts, das sich auch über die Zuschauer zu wölben schien.

Georg Büchner zeichnet in seinem Drama einen Danton (Martin Maria Eschenbach), der Lebemann und Lebensmüder in einem ist. Danton reißt sich die Kleider vom Leib, ist außer sich und wettert. Dass er zu den Kindern gehört, die die Revolution fressen wird, kann er nicht glauben. Seine Frau Julie (Jessica Higgins) hat Georg Büchner, der sich ansonsten sehr an den geschichtlichen Kontext hält, aus dramaturgischen Gründen dazu erfunden. Ganz ohne Frauen wäre das Drama noch anstrengender geworden. So lachten die Schüler vor allem dann, als sich Camille (Christian Beppo Peters) verträumt den Kopf am Gerüst anschlug. Die Verliebtheit hatte ihn kurzzeitig blind gemacht. Das Drama lebt ansonsten von den demagogischen Reden Dantons und Robespierres (David Liske). Man konnte an den beiden Figuren die Kunst der Verführung durch Sprache studieren. Exaltiert der eine, betont zurückgenommen der andere. Wobei bei Robespierre hinter der sanften Stimme viel Gewalt und Wille zu spüren war.

Die guten Absichten mögen bei allen Protagonisten einst Wille gewesen sein, aber nun beherrscht die Guillotine die Meinungsfreiheit. Es dominiert der Zwang der Verhältnisse. "Wir haben nicht die Revolution gemacht, sondern die Revolution hat uns gemacht", ist einer von Dantons Schlüsselsätzen, von denen es viele gibt. Der Idealismus der Jakobiner steht gegen den Materialismus der Dantonisten.

In Ralf Siebelts Inszenierung kam dem sparsamen Bühnenbild, den Mikrophonständern und dem Licht eine große Bedeutung zu. Die schauspielerische Leistung war durchwegs imponierend und die Verführung durch Demagogen ist nicht nur eine Sache der Französischen Revolution gewesen. Von den Zuschauern forderte das Stück große Aufmerksamkeit, weil auch die Sprache im Original belassen wurde. Anerkennender Applaus.

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