Volksfest-Countdown Das Dirndl hat ein Verfallsdatum

Noch ist das Fränkische Volksfest in Crailsheim nicht völlig in bayerischer (Trachten-)Hand, obgleich Dirndl und Lederhose schon seit Jahren schwer auf dem Vormarsch sind.
Noch ist das Fränkische Volksfest in Crailsheim nicht völlig in bayerischer (Trachten-)Hand, obgleich Dirndl und Lederhose schon seit Jahren schwer auf dem Vormarsch sind. © Foto: Ufuk Arslan
Crailsheim / Julia Vogelmann 11.09.2017
Zur fünften Jahreszeit in Crailsheim stellt sich stets die Kleiderfrage: Dirndl, Lederhose oder Zwiebellook? Expertinnen kennen die wahre Textil-Tradition.

Viele Traditionen ranken sich rund um die fünfte Jahreszeit in Crailsheim. Dazu gehört es auch, sich zu überlegen, wie man sich an der Schwelle zwischen Sommer und Herbst präsentiert. Kaum ein Fest zeigt so viele Facetten der Mode wie das Volksfest, auch wenn Dirndl und Lederhosen seit einigen Jahren immer mehr das Bild bestimmen.

Die einen Besucher sieht man auf dem Crailsheimer Festplatz noch in T-Shirt und Sandalen, während andere schon die neue Herbstmode oder gar Winterstiefel und Winterjacke spazieren tragen. Und genau diese Winterjacke, die zum oder am Volksfest gekauft wird, ist übrigens eine Tradition, die sich weit zurückverfolgen lässt, bestätigt Christa Vogelmann. In den Siebzigerjahren führte sie zusammen mit Brigitte Jetter einen Kleiderladen, das „Horäffle“ in der Faberstraße: „Wir hatten damals oft Probleme mit unseren Lieferanten, weil wir Herbst- und Winterjacken bereits vor dem Volksfest gebraucht haben. Es war damals einfach üblich, sich und vor allem den Kindern, zum Volksfest eine neue Jacke anzuschaffen.“

Die Jacken-Tradition

An dieser Tradition hat sich bis heute anscheinend nicht viel verändert, bestätigt Gabriele Manthey vom Modehaus TC Buckenmaier. Auch sie kennt die klassische Volksfestjacke: „Es war so und ist immer noch so, dass Eltern oder Großeltern vor dem Volksfest oder am Volksfest kommen und dem Kind oder Enkel eine Jacke kaufen – solche Traditionen setzen sich einfach fort über Generationen.“

Sicher ist die Jacke auch deshalb zur Tradition geworden, weil sie wie kein anderes Kleidungsstück das Praktische, Nützliche und dennoch Schöne am besten verbindet. Und wenn dann nach den vier Volksfest-Tagen auch noch Relikte wie ein dauerhafter Ketchup-Fleck zu sehen sind, dann wird die Jacke zum Erinnerungsstück – und es gibt einen guten Grund, sich im nächsten Jahr ein neues Exemplar zu kaufen.

Gabriele Manthey weiß auch von ehemaligen Crailsheimerinnen, die sich am Volksfest-Freitag zum Auftakt des Festes bei ihr im Geschäft treffen und sich einkleiden, bevor es ans Feiern geht. „Am Volksfest will man gut aussehen und gut angezogen sein“, bescheinigt die Fachfrau den Crailsheimern: „Dirndl und Lederhose sind bei uns reine Feierkleidung, im Alltag trägt das keiner.“

Kein ganz neuer Trend

Doch so ganz neu ist auch dieser Trachten-Trend nicht. Bereits vor Jahrzehnten stattete manche Familien ihren Nachwuchs für einen Besuch der Kinderzeche im benachbarten Dinkelsbühl mit Dirndl oder Lederhose aus, die dann auch daheim beim Volksfest getragen wurden.

Als „Schaulaufen“ mit der neuesten Mode will Gabriele Manthey das Volksfest nicht sehen. „Mode ist immer auch ein persönlicher Ausdruck, sie verändert sich ständig und zu jedem Trend gibt es eine Gegenbewegung.“ Das beobachtet sie auch auf dem Volksfest, vor allem bei den Jugendlichen. Wo die einen sich in Dirndl und Lederhose wohlfühlen, wählen andere ganz bewusst Jeans und Pullover.  Zwar bestätigt die Modeexpertin, dass viele bei warmem Wetter eher zur neuen Jeans als zur Winterjacke greifen, dennoch sei ein Ende der Volksfestjacke nicht in Sicht.

Dem Dirndl und der Lederhose prophezeit sie allerdings ein Verfallsdatum – und zwar spätestens dann, wenn die Kinder der heutigen Trachtenträger sich modisch von ihren Eltern abgrenzen wollen. Was nun sozusagen auch zu den Volksfesttraditionen zählt.