Hohenlohe Wohin mit den alten Häusern?

Karl Stein stellt seine geschützte Immobilie in der Langenburger Innenstadt vor.
Karl Stein stellt seine geschützte Immobilie in der Langenburger Innenstadt vor. © Foto: Birgit Trinkle
Hohenlohe / Birgit Trinkle 28.08.2018
Alte Fachwerkhäuser sind ein Traum. Wenn’s dumm läuft und dann noch der Denkmalschutz mitmischt, hat es sich schnell ausgeträumt

Es hat schon gute Tage gesehen dieses Haus, richtig gute Tage. Die „1851“ oder auch die „1568“ über dem Türsturz lassen auf das Entstehungsjahr schließen: Es ist erkennbar alt. Dieses Haus steht in Satteldorf, in Wallhausen, in Kirchberg. Die Erbauer waren sicherlich keine armen Leute: Mitten im Ort lebten sie, und zwar so, wie alle lebten; damals, als noch alles ganz anders war. Und genau das wird den Nachkommen jetzt zum Verhängnis. Wie das so ist, wenn Familientraditionen nicht fortgesetzt werden können: Der Bestand leidet, und irgendwann ist der Zeitpunkt verpasst, an dem sich mit vertretbarem Aufwand noch etwas retten ließe.

Manchmal steht es leer, manchmal dient es als Lager, etwa für Getreide und Gerätschaften. Zuweilen ist es auch bewohnt, und die Bewohner bedauern zutiefst, nicht die Mittel zu haben, diesem Haus etwas Gutes zu tun. In einigen Fällen fehlt das Geld für einen Abriss, in anderen fühlt sich niemand verantwortlich. Nicht selten hat dieses Haus ein besonderes Problem: Eben weil nie grundlegend saniert wurde, redet der Denkmalschutz mit. Dass es dann heißt, so ein Haus sei ein Kulturdenkmal, schafft zusätzlich Probleme, kann aber auch als Chance begriffen werden.

Kontrastprogramm

Aufgrund der Zerstörung Crailsheims gibt es dort verhältnismäßig wenig denkmalgeschützte Wohnhäuser; gerade mal etwa ein Dutzend, schätzt Constanze Lauer aus dem Ressort Soziales und Kultur der Stadtverwaltung. Das gelte auch für die Teilorte. Diese Gebäude seien in gutem Zustand und es bestehe somit kein Handlungsbedarf. Ganz klar, wo historische Bausubstanz Mangelware ist, wird sie ganz anders wertgeschätzt.

Der Gegenentwurf ist die historische Innenstadt Langenburgs, in dem kaum ein Haus nicht in irgendeiner Form geschützt ist. Bürgermeister Wolfgang Class denkt spontan an eine denkmalgeschützte Immobilie, die seit Jahren leer steht. „Um zu klären, ob das Gebäude abgerissen werden kann oder was an diesem Gebäude erhalten werden muss, haben wir zusammen mit der Denkmalbehörde ein Gutachten erstellen lassen. Damit können nun potentielle Käufer ausloten, was sie baulich verändern dürfen und was erhalten werden muss.“ Bislang, so Class, habe die Ungewissheit Interessenten mit unterschiedlichsten Ansätzen allesamt wieder abspringen lassen.

Jahrhunderte ziehen ins Land

Der Besitzer, Karl Stein, steht am Fenster des seit rund neun Jahren unbewohnten Hauses und schaut weit ins Jagsttal hinein: Er hat gute Argumente für das alte Gemäuer, dessen Anbau sicher aus dem Jahr 1568 stammt, das selbst vermutlich noch älter ist und das während des 30-jährigen Krieges das Langenburger Gasthaus „Zum Stern“ war. Freilich spricht auch einiges dagegen – die generell recht niedrigen Türstürze etwa. Was ihm Mut macht, sagt er, sei das von der Denkmalschutzbehörde signalisierte Entgegenkommen. Wenn die Alternative ein Haus ist, das so lange verfällt bis es gar nicht mehr zu retten ist, kann, so scheint es, durchaus auf die eine oder andere Trennwand verzichtet werden.

Was der Denkmalschutz sagt

Im Denkmalschutzgesetz ist festgelegt, dass sich Eigentümer „im Rahmen des Zumutbaren“ um ein solches Haus zu kümmern haben. Eine Umfrage im HT-Land ergab freilich, dass diese Formulierung sehr viel Spielraum für Interpretation lässt. Für Erhalt und Sanierung eines Kulturdenkmals gibt es finanzielle Unterstützung vom Land; die Denkmalschutzbehörden stehen kostenlos beratend zur Seite – etwa wenn ein Umbau oder ein neues Dach nötig sind. Außerdem gibt es für Sanierungen steuerliche Vergünstigungen. „Falls Eigentümer den Abbruch eines Kulturdenkmals planen, ist eine denkmalschutzrechtliche Genehmigung zu beantragen. Im Rahmen dessen erfolgt die Zumutbarkeitsprüfung“, sagt Katja Lumpp, Pressesprecherin des Regierungspräsidiums.

Ein uraltes Fachwerkhaus für eine zeitgemäße Nutzung umzubauen, und dies mit Bedacht zu tun, ohne Charakteristisches zu zerstören: Allein das Vorhaben sichert Bewunderung und Respekt. Das Ganze kostet freilich richtig Geld, ganz gleich wie viel Fachwissen und praktische Kenntnisse mitgebracht werden. Für Karl Stein kommt ein Abbruch nicht in Frage; sein Haus ist seit Generationen im Familienbesitz, und es hat viel Besseres verdient. In anderen Familien ist so ein altes Gebäude irgendwann nur noch Belastung.

Die Ortsmitte und der Denkmalschutz

Der Schrozberger Bauamtsleiter Thomas Pöschig erinnert sich an das Messerschmitt-Haus, das praktisch in der Ortsmitte stand. Auf verschiedenen  Portalen habe die Stadt das alte Gebäude angeboten, zum Schluss für einen Euro, und erst nach einem Jahr habe die Stadt die Genehmigung zum Abriss bekommen, „und das auch nur unter der Maßgabe, dass wir vorher eine ordentliche Dokumentation erstellen“. Derzeit gebe es zwei private Häuser, die Sorgen bereiteten: In einem Teilort wünschten sich die Besitzer, die Platz für eine Neubebauung brauchten, ganz dringend den Abriss eines Gebäudes, den der Denkmalschutz aber nicht genehmige. Im anderen handle es sich um ein rund 200 Jahre altes Haus, das die Stadt gern erhalten würde: „Wir haben dem Besitzer  angeboten, im Rahmen des Stadtsanierungsprogramms, ein Drittel der Sanierungskosten zu übernehmen“; davon mache der Mann freilich keinen Gebrauch. „Wir müssen aufpassen, dass die Fenster nicht aus den Rahmen fallen, da ist irgendwann Gefahr im Verzug.“ Dabei würde es sich lohnen, dieses Haus herzurichten.

In Kirchberg an der Jagst gibt’s nicht allzu viele abbruchreife Gebäude. Bürgermeister Stefan Ohr nennt dennoch einige „Problemobjekte“, bei denen die Stadt Eigentümergerspräche führte oder führe oder Grundstücksverhandlungen mit Dritten begleite. Betroffen ist direkt in Kirchberg das Nebengebäude des  früheren Gasthaus Adler, ein fast schon einsturzgefährdetes Haus in Kirchberg-Tal im Mühlweg, ein nach wie vor bewohntes, jedoch dringend sanierungsbedürftiges Wohngebäude in der Crailsheimer Straße sowie zwei Häuser in der Hauptstraße in Lendsiedel; am ältesten Haus des Teilorts wurden Sanierungsarbeiten begonnen, aber nicht abgeschlossen.

Ilshofens Bürgermeister Martin Blessing verweist auf fast 60 Baudenkmale: In jedem Teilort gebe es mindestens ein oder zwei „ problematische Gebäudesituationen“, aber auch schöne Chancen. An Projekten der Stadt nennt er die Pfarrscheuer mit Hof und Garten in Oberaspach, und auch die ehemalige Burg Klingenfels bei Steinbächle sei ein verwunschener Ort, den er „irgendwann einmal touristisch aufwerten“ wolle.

Bernd Kneucker, Hauptamtsleiter in Gera­bronn, spricht von rund 70 Kulturdenkmalen, von denen nur wenige Probleme bereiteten. Eines davon, die Hauptstraße 11, ist abgebrannt (das HT hat berichtet) . Ein weiterer echter Problemfall steht in Amlishagen, Gerabronner Straße 42, unmittelbar an der Hangkante am Brettachtal. Es sei akut einsturzgefährdet, eine Sanierung daher unmöglich: „Wir warten auf die Genehmigung zum Abbruch.“ Gerabronns größtes Denkmalschutzobjekt ist das Lagerland-Areal, Nudel­schlössle genannt; hier schränke die Denkmalschutzeigenschaft die Nutzungsmöglichkeiten stark ein; bislang wurde keine Lösung gefunden. Kneucker rät Betroffenen grundsätzlich, sich an die Denkmalbehörde zu wenden: Für die Sanierung des Rathauses gab es rund 50 000 Euro Zuschuss. Freude mache auch das ehemalige Armenhaus in Gerabronn, das sehr liebevoll zum Wohnhaus umgebaut wurde.

Info

Im Landkreis Schwäbisch Hall gehen laut Sprecherin Annika Wieland pro Jahr etwa acht bis zehn Anträge auf Abbruch geschützter Bauwerke ein. Mit einem solchen Antrag muss eine Wirtschaftlichkeitsprüfung vorgelegt werden. Der Landkreis als untere Denkmalschutzbehörde prüft dann, ob ein Erhalt des Bauwerks zumutbar wäre. Auch die Baufälligkeit wird geprüft.

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