Crailsheim Wilderer mit Waffen in Hohenloher Wäldern unterwegs

Crailsheim / HARALD ZIGAN 03.09.2015
Jäger hassen die illegale Konkurrenz im dunklen Tann wie die Pest: Auch in Hohenlohe schleichen Wilderer durch den Wald und nehmen Reh, Wildsau & Co. ins Visier - mit oft grauenhaften Folgen.

In den alpinen Regionen von Bayern und Österreich ist das Bild der "Schwarzgeher" und "Raubschützen" bis heute romantisch verklärt: Wilderer wie der berühmte Georg Jennerwein gelten dort noch immer als Volkshelden, die sich keinen Deut um die Vorschriften der Obrigkeit scheren.

So halten es auch die Nachfahren dieser vermeintlichen "Rebellen", die auch in der hiesigen Region immer wieder unangenehm auffallen. Jüngster Fall: Bei Bühlertann und Bühlerzell (das HT berichtete) lagen dieser Tage zwei tote Rehböcke im Gebüsch - elend und qualvoll an den Schüssen aus dem Gewehr eines illegalen Pirschgängers verreckt.

Die Tiere wurden enthauptet

Auch im benachbarten Hohenlohekreis machte ein Wilderer über Jahre hinweg die Wälder unsicher: Im August 2014 gingen in der Nähe von Öhringen mindestens vier Rehböcke auf sein Konto - offenbar ein reiner Trophäenjäger: Die Tiere wurden enthauptet.

Ein "lizenzierter" Jäger, der sich an die eisernen Regeln seines Waidwerks hält, spürt einem angeschossenen Tier stets nach, um ihm unnötiges Leid zu ersparen - ein Wilderer dagegen ignoriert diese oft aufwendige (und auffällige) Nachsuche nach waidwunden Tieren bewusst, um nicht entdeckt zu werden.

Zudem legen die kriminellen Schützen gerne mit kleinkalibrigen und damit leiseren Waffen auf ihre Ziele im Forst an, wie es im Dezember 2014 bei einem Reh der Fall war, das in der Nähe von Ludwigsruhe bei Langenburg gefunden wurde. Derlei Munition tötet aber bei Weitem nicht so zuverlässig und schnell wie große Kaliber - verletzte Tiere schleppen sich dann oft noch wochenlang durch den Wald, bis sie verenden.

Allein in den letzten fünf Jahren wurden im Kreis Schwäbisch Hall acht Fälle von Jagdwilderei bei der Polizei aktenkundig. In Baden-Württemberg waren es im gleichen Zeitraum 427 einschlägige Straftaten - wobei die Dunkelziffer noch weitaus höher liegen dürfte.

In ihrem eigenen Revier hat die Kreisjägermeisterin Dr. Bärbl Baeuerle aus Honhardt bislang noch keine negativen Erfahrungen mit Wilderern gemacht. Sie kann sich die (un)heimliche Pirsch im Forst nur mit blinder Schießwütigkeit und völlig hemmungsloser Jagdlust erklären: "Heutzutage muss bei uns doch allen Ernstes kein Mensch mehr Hunger leiden und seine Nahrung im Wald beschaffen."

Die Vorsitzende der Jägervereinigung Crailsheim rät grundsätzlich dazu, alle Fälle von Jagdwilderei anzuzeigen und verdächtige Vorgänge im Forst ebenfalls beim zuständigen Jagdpächter oder bei der Polizei zu melden: "Wenn Wilderer im Wald ohne einschlägige Ausbildung unkontrolliert und vor allem nachts schießen, kann es zu sehr gefährlichen Situationen etwa für Spaziergänger kommen."

Adel verteidigt mit grausamen Strafen sein Jagdprivileg

Drakonische Strafen drohten den Wilderern im Mittelalter - bis hin zum Tod am Galgen oder jahrelanger Kerkerhaft. Wer "Glück" hatte, kam in Württemberg mit ausgestochenen Augen oder - wie in Bayern - mit ins Ohr gestanzten Löchern davon. Mit derlei Grausamkeiten wollten die adligen Landesherren, denen einst allein das Privileg der Jagd zustand, das gemeine Volk von der Jagd abhalten.

Die Revolution von 1848 setzte den Vorrechten des Adels im Wald und ihrer feudalen Jagdlust ein Ende, die zuweilen seltsame Blüten trieb: Der Graf zu Hohenlohe-Kirchberg belangte zum Beispiel anno 1654 zwei Wirte aus Ilshofen, die es wagten, zwei Marder in ihren Häusern einzufangen. Und noch 1725 landeten zwei Crailsheimer im Verlies, die in Kirchberger Wäldern gewildert hatten.

Wilderei ist kein Kavaliersdelikt: Das Strafgesetzbuch sieht hierfür im Paragrafen 292 Geldstrafen oder eine Freiheitsstrafe von bis zu drei, in besonders schweren Fällen sogar von bis zu fünf Jahren vor. Autofahrer, die nach einem Wildunfall das getötete Tier kurzerhand in den Kofferraum wuchten und zu einem Sonntagsbraten verarbeiten wollen, mutieren übrigens ebenfalls zu Wilderern.

HAZ