Filme Wilde Verfolgungsjagd im Klinik-Flur

Sebastian Kern stand schon als Kind hinter der Kamera und drehte mit seinem Bruder einen Ritterfilm.
Sebastian Kern stand schon als Kind hinter der Kamera und drehte mit seinem Bruder einen Ritterfilm. © Foto: Foto: Ute Schäfer
Crailsheim / Ute Schäfer 20.03.2018

Einen kleinen Film drehen – welches Kind macht das nicht, wenn es mal eine Kamera in die Finger bekommt? Sebastian Kern war so ein Kind. Mit acht Jahren schnappte er sich den (filmfähigen) Fotoapparat seines Vaters, steckte den kleinen Bruder in eine Ritterrüstung – und fertig war der Ritterfilm.

Doch anders als bei anderen Kindern war sein erster Film nicht auch gleich sein letzter. Er war vielmehr der Anfang einer großen Passion, und Sebastian Kern drehte einen Streifen nach dem anderen. Mal einen Weltraumfilm mit den Cousins. Mal eine Dokumentation über die Klassenfahrt. Klar, dass auch das Konfirmationsgeld schon lang im Voraus verplant war: Eine neue Kamera sollte es sein. Andere Geräte folgten, eine Nebelmaschine für bessere Atmosphäre, zum Beispiel. Oder ein Greenscreen, um die Szenen später digital zu bearbeiten. Und heute weiß er: Der Ritterfilm damals, „der war noch komplett amateurhaft“. Und er entschuldigt sich fast dafür, am meisten bei sich selbst.

Denn Sebastian Kern ist einer, der nicht gerne halbe Sachen macht. Der hohe Ansprüche hat. An sich und seine Filme. Doch er hat etwas, das ihn antreibt: „Ich will visuell etwas erschaffen, in das sich andere hineinversetzen können. Das sie mitnimmt und bewegt. Ich will erreichen, dass sich die Zuschauer auch hinterher noch mit dem Film beschäftigen wollen.“ Und so wurde aus dem kindlichen Spaß mit dem Ritterfilm ein echtes künstlerisches Anliegen.

Mittlerweile denkt Sebastian Kern „in Film“. Beim Spaziergang im Wald nimmt er die spezielle Farbe der Sonnenstreifen wahr. Beim Musikhören entstehen Bilder in seinem Kopf. Das sei wichtig bei Low-Budget-Filmen, wie er sie drehen muss: „Ich kann mir doch keinen Komponisten leisten, der die Musik passend für die Szenen schreibt.“

Und weil ihm der Versorgungsflur im Krankenhaus als die optimale Kulisse für eine Verfolgungsjagd erschien, sprach er beim Geschäftsführer des Crailsheimer Klinikums vor – gar nicht so einfach für den damals 15-jährigen Burschen.

Doch die Dreherlaubnis wurde erteilt – natürlich, möchte man fast sagen. Denn Sebastian Kern ist von seinen Projekten so begeistert, will sie so sehr, dass er seine Umgebung mit seiner Begeisterung unweigerlich ansteckt. Deshalb räumt Mutter Heike selbstredend das Wohnzimmer leer, wenn mal wieder Dreharbeiten anstehen. Deshalb wird auch Vater Ulrich kurzerhand zum Statisten, wenn der Sohn mal wieder sagt: „Klappe und Action.“

Das jüngste Projekt der „Kern Studios“ ist allerdings im Team entstanden – mit Schülern der Theater-AG der Realschule zur Flügelau in Crailsheim. Ein knapp 30-minütiger Krimi entstand, „Comgames“ genannt. Die Produktion dauerte fast ein Jahr. Im November wurde er beim Jugendfilmfestival in Stuttgart gezeigt und sogar für den baden-­württembergischen Filmpreis nominiert. Ein toller Erfolg für die Crailsheimer Schülergruppe, und natürlich waren alle enttäuscht, als sie den Preis dann doch nicht gewonnen haben. Aber Sebastian Kern wäre nicht der, der er ist, wenn ihn dies entmutigen würde. Im Gegenteil. Er wird jetzt eben versuchen, den nächsten Film noch besser zu machen. Und noch einmal am Wettbewerb teilnehmen.

Dann wird er 18 Jahre alt sein und mehr als sein halbes Leben lang gefilmt – und dafür gejobbt – haben, denn Filmen ist ein teures Hobby. Schließlich kann der Technikpark immer um ein neues Mikrofon erweitert werden oder um eine zweite Kamera, die das vereinfacht.

Deshalb hat Sebastian bereits Zeitungen ausgetragen. Deshalb gibt er Nachhilfe – und ist doch selbst noch ein Schüler. Er geht in die elfte Klasse des Technischen Gymnasiums, Fachbereich Mediengestaltung. Die Schule will er gut abschneiden, denn er hat einen Traum – den von Hollywood natürlich. Er will Regisseur werden. „Obwohl ich gar nicht so weit denke“, sagt Sebastian Kern. „Nach der Schule würde ich gerne an der Filmhochschule in Ludwigsburg studieren. Das ist Traum genug.“

Den Krimi gibt es auf Youtube zu sehen

Der nominierte Film aus den Kern-Studios ist samt Trailer auf Youtube zu sehen. Weitere Informationen gibt es unter www.kernstudios.jimdo.com. Das Team besteht aus Sebastian Kern (Regie, Kamera, Postproduction), Paul Zieschang (Schauspiel), Nasrin Said (Schauspiel, Making of Camera), Johannes May (Schauspiel, Kamera), Beyza Pütün (Schauspiel) und Daya Keskin (Schauspiel). uts

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