Rothenburg / Dieter Balb

Der beeindruckendste Applaus war das zunächst anhaltende Schweigen des Publikums am Ende – tief berührt zeigten sich die 200 Gäste, darunter etliche Zeitzeugen, vom neuesten Werk der Dokumentarfilmgruppe der Oskar-von-Miller-Realschule über das Kriegsende in Rothenburg. Gezeigt wurde der einstündige Beitrag im Wildbad, dem Ort entscheidender Verhandlungen zur Übergabe der Stadt im April 1945. Die Stiftung „Erinnerung” vergibt der Filmgruppe einen mit 15 000 Euro dotierten Preis.

Mit dem Film über die mutigen Männer von Brettheim, die auf SS-Befehl am Kriegsende gehängt wurden, hatte die Filmgruppe vor 35 Jahren ihre Arbeit begonnen. Bis jetzt hat sie unter Leitung des ehemaligen Realschullehrers Thilo Pohle 44 dokumentarische Filme in 17 Sprachen produziert. Neben jetzigen Realschülern sind bis heute ehemalige Filmschüler weiter in der Produktion tätig. Mehrfach hat es Auszeichnungen gegeben, auch international.

Rückgriff auf US-Material

Nach dem beeindruckenden Film über die Bombardierung Rothenburgs schließt jetzt der 60-Minuten-Beitrag zur Kapitulation die Betrachtung ab. Die Vorführung war am selben Ort, wo vor genau 73 Jahren unter Militärs geheime Übergabeverhandlungen geführt wurden: im Rokokosaal des Wildbads. Jahrelang hatten Filmschüler Zeitzeugen befragt, erstmals konnte man umfassend auf US-Quellen bei der Recherche zurückgreifen. „Rothenburg zwischen Rettung und vollständigem Untergang“, so der treffende Titel.

Realschuldirektor Dieter Schulz sagte, die Filmgruppe sei „ein Markenzeichen“ geworden. Rund 200 Schüler hätten sich bis heute in ihr engagiert. Er würdigte Thilo Pohle als Begründer und Motor, der bis heute begeistert tätig sei. „Unsere Arbeit war ein Wettlauf mit Krankheit und Tod” meinte Thilo Pohle in seiner Begrüßung, denn immer wieder seien letzte Augenzeugen gestorben. So sind die Dokumentationen vielfach schon jetzt Erinnerung an die Interviewten.

Der anwesende Kommandeur der US-Garnison Ansbach, Oberst Benjamin C. Jones zeigte sich besonders betroffen, weil Amerikaner die Stadt sowohl bombardiert wie danach vor weiterer Zerstörung bewahrt und schließlich mit aufgebaut haben. Er unterstützt die Filmgruppe bei ihrem Vorhaben, auch eine englische Fassung herzustellen, wie es sie bereits von Brettheim gibt.

Über historische Bilder und Augenzeugenberichte zum Bombenangriff am 31. März 1945, (Ostersamstag) nähert sich der Film systematisch den Ereignissen bis zum Kriegsende und der Übergabe der von Artilleriebeschuss bedrohten Stadt. Über Nordenberg und vom Taubertal nähern sich am 16. April 1945 die US-Truppen, während SS-General Simon (berüchtigt als Verantwortlicher des Dramas von Brettheim) auf Durchhalten setzt und vom Endsieg träumt, sich in Nachkriegsprozessen aber dreist so darstellt, als habe er Rothenburg vor Schlimmerem bewahrt.

Der damalige US-Kriegsreporter William M. Dwyer ist eine wichtige Quelle, denn er schildert das Vorrücken und Hintergründe. Vor allem war er damals selbst dabei im Wildbad. Wesentlich ist, dass der spätere Hochkommissar der alliierten Streitkräfte, John McCloy, sich nach Recherchelage für die Bewahrung der zu zwei Dritteln nach dem US-Luftangriff noch erhaltenen Altstadt bei den Generälen einsetzte. Nach dem Krieg, 1952, war er bei seinem Besuch in der Stadt dafür als Retter gefeiert worden. Er bestätigte die Vorgänge.

Dank geöffneter US-Archive konnte die Filmgruppe nun weitere Details erhellen. In der Summe, so verdeutlicht die Dokumentation, war es das Zusammenwirken vieler Umstände und sowohl besonnener US-Militärs wie deutscher Offiziere, Soldaten und Zivilpersonen, dass die alte Reichsstadt am 17. April ohne Kampfhandlungen eingenommen wurde. Im Wildbad trafen die US-Unterhändler im deutschen Major Friedrich Thömmes offenbar auf einen vernünftigen Offizier. Eindrucksvoll schildern Augenzeugen in dem Film das Geschehen, dazu gehört auch der damals 14-jährige Hitlerjunge Kurt Melzner, den man mit einer weißen Fahne an einem Besenstil auf das Schutzblech des deutschen Parlamentärfahrzeugs gesetzt hatte. Und Zeitzeugin Elisabeth Neumeister schildert, wie sie erschrocken im ersten Stock des Hauses am Marktplatz plötzlich in die Kanone eines US-Panzers blickte. In der Stadt gibt es Lazarette mit Verwundeten und immer mehr Flüchtlinge, die Nazi-Größen haben sich beizeiten abgesetzt. Eine Erinnerung an mutige Zivilpersonen, die sich dem NS-Regime und der Judenhetze entgegengestellt haben, schloss sich an. Thilo Pohle machte deutlich, dass Rothenburg schon früh eine Nazi-Hochburg war und sich gerühmt hat, bereits vor der Pogromnacht 1938 „judenfrei“ zu sein.

Marion-Samuel-Preis verliehen

Als Ermunterung, die Dokumentationsarbeit fortzusetzen, wurde die mit 15 000 Euro dotierte Verleihung des angesehenen Marion-Samuel-Preises (nach einem ermorderten jüdischen Mädchen) angesehen, zu der Ingrid Seinsch im Herbst nach Augsburg einlädt. Ihr Mann (erfolgreicher Unternehmer) und sie fördern seit 1996 jährlich Institutionen und Personen, die dem Verdrängen von NS-Verbrechen entgegenwirken. In der früheren Filmschülerin Kerstin Schmidt hat die Gruppe eine Filmemacherin als wesentliche Stütze gewonnen, weitere mitwirkende Schüler werden bei den Film-Vorführungen geehrt. Sie sind vom 23. bis 27. April täglich um 19 Uhr und am 28. April um 15 Uhr in der Oskar-von-Miller-Realschule anzutreffen.

Wie sehr der Film berührt, zeigte die anhaltende Stille – erst danach standen alle auf und spendeten lange Beifall, dem viele persönlich anerkennende Worte für die wertvolle Arbeit der Dokumentarfilmgruppe folgten.