Gschwend Wie die Waliser wurden, was sie sind

Prof. Dr. Bernhard Maier im Bilderhaus in Gschwend.
Prof. Dr. Bernhard Maier im Bilderhaus in Gschwend. © Foto: Ralf Snurawa
Gschwend / RALF SNURAWA 12.11.2014
Der walisische Dichter Dylan Thomas steht im Mittelpunkt der Literatur-Reihe des Musikwinters. Zur Einführung sprach Prof. Dr. Bernhard Maier.

Ganz am Ende der Diskussionsrunde im gut besuchten Bilderhaus wollte Martin Mühleis, Vorsitzender des Bilderhaus-Vereins, vom Referenten wissen, ob die walisische Vergangenheit denn eine Rolle für den im südwalisischen Swansea geborenen Dylan Thomas gespielt hatte. Der Dichter und Schriftsteller sei eher repräsentativ für die englische, nicht die walisische Literatur, meinte Prof. Dr. Bernhard Maier, Professor für Europäische Religionsgeschichte in Tübingen. Er finde nichts spezifisch Walisisches in Thomas Werk, außer eben die Beschäftigung mit dem Wales seiner Zeit, also der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Das findet sich vor allem in Thomas Hauptwerk "Unter dem Milchwald". Der kleine Fischerort Laugharne, wo Thomas zuletzt mit seiner Familie in einem umgebauten Bootsschuppen lebte, war dafür Vorbild. Wie die meisten in Wales lebenden Menschen konnte Thomas, wie er selbst einmal bekannte, nicht walisisch lesen. Außerdem wies er jede Beeinflussung durch Bardengedichte von sich.

Maiers Darstellung der Geschichte von Wales ist dennoch nicht unwichtig für das Verständnis des Denkens und Handelns der Waliser. Der Wissenschaftler beschäftigte sich in seinem Vortrag allerdings zunächst einmal ausführlich mit den Kelten auf dem europäischen Festland, vor allem dem so genannten Hallstätter Kreis, der von Ostfrankreich bis nach Österreich und Tschechien reichte und vor allem den Süden Deutschlands umfasste und als Herkunftsgebiet der Kelten gesehen wird.

Von den Römern stammen die ersten schriftlichen Zeugnisse über die "Celtae". Dazu gehörten ebenso die Gallier und die Britannier. Einen großen Teil der britischen Insel vermochten die Römer zu erobern - und so kamen sie ins durchaus widerständige keltische Wales, wo heute in Carmarthen die Überreste eines römischen Amphitheaters zu sehen sind. Das frühmittelalterliche Wales sei, so Maier, kein einheitliches Land gewesen, sondern in einzelne Fürstentümer unterteilt.

Eine große Teilung habe es im 13. Jahrhundert gegeben, als der Süden dem englischen König zufiel. 1283 folgte das bis dahin von einem Fürsten vertretene "Pura Wallia". Damit wurden die Waliser zu Bürgern zweiter Klasse. Am Ende der Rosenkriege wurde schließlich Henry Tudor, walisischer Herkunft, englischer König. Sein Sohn Heinrich VIII. brachte die englische Reformation in das stark von Heiligenverehrung und Pilgerreisen geprägte Wales und strukturierte es neu. Englisches Recht wurde in Wales gültig und Englisch Amtssprache.

Es entstanden aber auch Gegenentwicklungen. So kam mit der Reformation die Übersetzung der Bibel ins Walisische, ein Projekt, das 1588 abgeschlossen wurde. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts folgte eine starke Hinwendung der Waliser zu den Freikirchen: Nonkonformisten wie Baptisten, Quäker und vor allem die calvinistische Methodisten wurden prägend für die walisische Kultur.

Erst um 1830, also in der Zeit der aufkommenden Industrialisierung, begann man, sich mit dem Keltischen zu beschäftigen. Lady Charlotte Guest veröffentlichte 1838 unter dem Titel "Mabinogion" Übersetzungen von elf walisischen Erzählungen, die aus dem Mittelalter stammten, aber älter sind. Am Jesus College in Oxford wurde der erste Lehrstuhl für Keltologie eingerichtet. Und der Dichter und Fälscher Edward Williams alias Iolo Morganwg begründete den Bardenkonvent "Gorsedd Beirdd Ynys Prydain", der seit 1819 jährlich ein Literatur- und Musikfest veranstaltet.

Info Am Samstag, 29. November, setzen sich Rudolf Kowalski, Eva Scheurer und Helena Rüegg ab 20 Uhr im Bilderhaus mit Dylan Thomas Texten, darunter auch "Unter dem Milchwald", auseinander.