Dinkelsbühl „Das Boot“: Wie der Krieg die Menschen zerstört

Sie haben einen Angriff überstanden: der Wachoffizier (Maximilian Westphal), der Ingenieur (Jens Rainer Kalkmann), der E-Maat (Jochen Schaible) und der Kapitänsleutnant (Bernd Berleb).
Sie haben einen Angriff überstanden: der Wachoffizier (Maximilian Westphal), der Ingenieur (Jens Rainer Kalkmann), der E-Maat (Jochen Schaible) und der Kapitänsleutnant (Bernd Berleb). © Foto: Ralf Snurawa
Dinkelsbühl / Ralf Snurawa 20.06.2018
Das Landestheater Dinkelsbühl zeigt auf der Freilichtbühne am Wehrgang eine Inszenierung von „Das Boot“, die unter die Haut geht. Großen Anteil hat daran Geräuschemacher Roland Bergdolt.

Eigentlich ist Lothar-Günther Buchheims „Das Boot“ ein Kammerspiel. Das unterstreicht nicht nur die berühmte Verfilmung durch Wolfgang Petersen, sondern auch die aktuelle Inszenierung von Kjetil Bang-Hansens Theaterfassung bei den Sommerfestspielen des Landestheaters Dinkelsbühl.

Regisseur und Landestheaterintendant Peter Cahn war es dabei wichtig, die Brutalität des Krieges darzustellen. Und auf Besatzung des deutschen U-Boots U96 bezogen: „Für das Publikum muss das, was diese Männer erleben, unmittelbar sein – hautnah und unter die Haut gehend.“

Interessant ist die Wahl von „Das Boot“ auch im Zusammenhang mit David Seidlers „The King’s Speech“, das in der Vorwoche in Dinkelsbühl Premiere feierte. Der Autor dieses Stücks wurde durch den Angriff eines deutschen U-Boots auf den Schiffskonvoi, mit dem Seidler mit seinen Eltern von England in die USA flüchtete, zum Stotterer.

Opfer und Täter leiden

So gesehen wurde in der Vorwoche die Folge von Kriegshandlungen auf die Psyche der Opfer gezeigt, mit „Das Boot“ dagegen auf die Psyche der Täter und Soldaten. Das gelingt dem elfköpfigen Schauspielerensemble ganz hervorragend. So dreht etwa Obermaschinist August Johann bei einer Bombardierung durch einen britischen Zerstörer mittels Wasserbomben durch, von Markus Häffner packend gespielt. Die Angespanntheit der Besatzung ist mehrfach zu erleben, etwa bei einem tiefen Tauchgang wegen eines Zerstörerangriffs konzentriert auf die Personen des zweiten Wachoffiziers, des leitenden Ingenieurs, des E-Maats Frenssen und des Kaleun, wie der Kapitänsleutnant genannt wird.

Unterstrichen werden diese Momente höchster nervlicher Anspannung bis hin fast zur Verzweiflung durch Schlagzeuger Roland Bergdolt. Der liefert ganz herausragend die Klangkulisse zu den Szenen. Da ergeben sich metallische Geräusche, die das Verhalten der U-Boot-Hülle auf den hohen Wasserdruck nachahmen. Da werden das Rauschen des Meeres, der Wellengang und das Rattern der Dieselmotoren ebenso imitiert wie die Schiffsschrauben der Zerstörer, das Knallen der Wasserbomben oder das Zischen der Torpedos. Und wenn die gesanglich fesselnde Marietta Holl etwa als Zarah Leander höhnisch das für die Besatzung tödliche Ende bei der Einfahrt in den Hafen von La Rochelle mit „Davon geht die Welt nicht unter“ kommentiert, wird Bergdolt zum einfachen Schlagzeuger, der mit Besen weich über die kleine Trommel rührt.

Die Ensemblemitglieder arbeiten die Unterschiedlichkeit der Charaktere in der U-Boot-Mannschaft sehr gut heraus. Da ist der Kaleun, den Bernd Berleb manchmal etwas grantig, aber gegenüber seiner Besatzung letztlich milde und verständnisvoll darstellt. Andererseits bleibt dieser Kapitänsleutnant ein seinen Befehlen Treuer, der deswegen auch keine in Seenot geratene Menschen aufnehmen will.

Andreas Gräbe gibt in sehr klarem Tonfall den linientreuen ersten Wachoffizier. Jens Rainer Kalkmann lässt den leitenden Ingenieur an seine schwangere Frau denken. Maximilian Westphal macht seinen zweiten Wachoffizier zum braven Befehlsempfänger, dem auch eine Verletzung durch einen Flugzeugangriff letztlich nichts anzuhaben scheint.

Andreas Peteratzingers Bootsmann Lamprecht hat seine Mannschaft mit Befehlstönen im Griff. Dazu gehören neben dem Obermaschinisten August Johann der Dieselmaat Pilgrim (Maik Eckhardt), der E-Maat Frenssen (Jochen Schaible), der Funker und Sanitäter Hinrichs (Marco Wiskandt) und der etwas täppische und ängstliche Fähnrich Ullmann (Gerald Liebenow).

Auch Soldaten sind Menschen

Sie zeigen beim Kartenspiel, beim Besprühen der Filzläuse oder bei der kleinen Weihnachtsfeier mit „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“, dass Soldaten letztlich Menschen sind. Und Peter Peniaska erfüllt nicht nur die Rolle des Beobachters, des Marinekorrespondenten Leutnant Werner, der von ihrem Schicksal und ihrem Zusammenhalt trotz aller Unterschiedlichkeit erzählt. Er äußert auch moralische Bedenken, weil der Kaleun Schiffbrüchige nicht rettet.

Für dieses Ensemble gab es bei der Premiere lang anhaltenden, teilweise stehend gespendeten Beifall – mit einem Sonderapplaus für den Geräuschemacher.

Info

Auskünfte und Karten für „Das Boot“ und die Sommerfestspiele gibt es beim Landestheater Dinkelsbühl unter Telefon 09851/902-600 oder auf  www.landestheaterdinkelsbuehl.de

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