Crailsheim Widerstand muss rechtzeitig beginnen

Crailsheim / Dr. Wolfgang Benz 21.09.2018
Die „Weiße Rose“ hat alles riskiert und alles verloren. Ist die Widerstandsgruppe also gescheitert? Nein, sagt der international renommierte Zeithistoriker Prof. Dr. Wolfgang Benz – weil die Geschwister Scholl und ihre Mitstreiter uns etwas lehren, was gerade in Zeiten des Schulterschlusses von Wutbürgern und Neonazis wichtig ist. Zum 100. Geburtstag von Hans Scholl schreibt Benz exklusiv für das HOHENLOHER TAGBLATT.

Der 18. Februar 1943 ist in den Geschichtsbüchern als schwarzer Tag vermerkt. Nach dem Untergang einer deutschen Armee in Stalingrad fragte Joseph Goebbels, Hitlers Propagandachef, an diesem Tag sein Publikum: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ Die Versammelten wollten ihn und bekundeten das mit frenetischem Jubel. Sie zeigten damit, wie verführbar Menschen in der Hand von Demagogen sind. Was vor 75 Jahren im Berliner Sportpalast geschah, ist erschreckend aktuell. Nach dem emotionalisierten Aufruhr und den Zusammenrottungen in Chemnitz, entfacht von Populisten – so nennt man derzeit rechtsradikale Demagogen – nach dem Schulterschluss von Neonazis, Wutbürgern, Wortführern einer angeblichen „Alternative für Deutschland“ und rechtsextremen Schreihälsen der gleichfalls fremdenfeindlichen antidemokratischen Pegidabewegung ist es sinnvoll, sich an die Goebbels-Inszenierung vor 75 Jahren, an das gelenkte Aufbäumen gegen den längst verlorenen Krieg zu erinnern. Am gleichen Tag, dem 18. Februar 1943, demonstrierten aber auch Studierende der Münchner Universität, die Geschwister Hans und Sophie Scholl, dass es Widerstand gegen das Unrechtsregime gab.

Am Vormittag des 18. Februar 1943 flatterten von der Galerie im zweiten Stock des Lichthofes im Hauptgebäude der Ludwig-Maximilians-Universität in München Flugblätter in die zentrale Eingangshalle hinab. Andere waren vor den Hörsälen ausgelegt. Der Text verwies auf die Katastrophe von Stalingrad. Aufgerufen wurden die Studierenden zum Widerstand gegen das NS-Regime. In flammenden Worten erinnerten die Verfasser an die Freiheitskriege gegen Napoleon. Der deutsche Name bleibe für immer geschändet, wenn die deutsche Jugend jetzt nicht aufstehe, Freiheit und Ehre wiederherstelle, die Schmach des Dritten Reiches räche und sühne und „ein neues geistiges Europa“ aufrichte.

Schauprozess mit Freisler

Ein pflichteifriger Hausmeister rief die Geheime Staatspolizei und ließ alle Türen der Universität schließen. Der knapp 25-jährige Medizinstudent Hans Scholl und seine drei Jahre jüngere Schwester Sophie, Studentin der Biologie und Philosophie, wurden verhaftet. Vier Tage später, am 22. Februar 1943, wurde ihnen und dem 24 Jahre alten Freund und Mitstreiter Christoph Probst der Prozess gemacht. Es war ein Schauprozess. Der Volksgerichtshof mit seinem Präsidenten Dr. Roland Freisler war aus Berlin herbeigeeilt, um die Tat zu sühnen. Die Anklage lautete auf hochverräterische Feindbegünstigung, Vorbereitung zum Hochverrat und Wehrkraftzersetzung. Zum Todesurteil brauchte das Gericht nicht viel Zeit, vollstreckt wurde es Stunden später.

Die Verhandlung brachte zutage, dass die Angeklagten und ihre Freunde seit Sommer 1942 mit Flugblättern erst zur Verweigerung, dann zum aktiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus und die Reichsregierung aufgerufen und den Eroberungs- und Vernichtungskrieg im Osten verurteilt hatten. Aber nicht nur die Verteilung von Flugblättern wurde Hans Scholl und seinen Freunden zur Last gelegt. Sie hatten auch nachts an vielen Stellen Münchens, vor allem an der Universität, die Parolen „Nieder mit Hitler“ und „Hitler der Massenmörder“ und „Freiheit“ in großen Lettern mit Teerfarbe an Wände gemalt.

Die gleichgeschaltete und gelenkte Presse des Dritten Reichs berichtete lakonisch und konform wie die Münchner Neuesten Nachrichten: „Der Volksgerichtshof verurteilte am 22. Februar 1943 im Schwurgerichtssaal des Justizpalastes den 24 Jahre alten Hans Scholl, die 21 Jahre alte Sophie Scholl, beide aus München, und den 23 Jahre alten Christoph Probst aus Aldrans bei Innsbruck, wegen Vorbereitung zum Hochverrat und wegen Feindbegünstigung zum Tode und zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte. Das Urteil wurde am gleichen Tag vollzogen. Die Verurteilten hatten sich als charakteristische Einzelgänger durch das Beschmieren von Häusern mit staatsfeindlichen Aufforderungen und durch die Vorbereitung hochverräterischer Flugschriften an der Wehrkraft und dem Widerstandsgeist des deutschen Volkes in schamloser Weise vergangen. Angesichts des heroischen Kampfes des deutschen Volkes verdienen derartige verworfene Subjekte nichts anderes als den raschen und ehrlosen Tod.“

Die Eltern der Geschwister Hans und Sophie kamen aus kleinen Verhältnissen. Robert Scholl wurde in einer kinderreichen Kleinbauernfamilie in der Gemeinde Geißelhardt bei Schwäbisch Hall geboren. Nach der Mittleren Reife schlug er die Verwaltungslaufbahn ein und heiratete, 25 Jahre alt, im November 1916 die zehn Jahre ältere Lina Müller. Sie war die Tochter eines Künzelsauer Schuhmachers und gab für die Ehe ein erfülltes Dasein als Diakonisse auf. 1917 wurde Scholl Bürgermeister in Ingersheim, zwei Jahre später Stadtschultheiß von Forchtenberg am Kocher. In Ingersheim kamen die Kinder Inge (1917) und Hans (1918) zur Welt, ihnen folgten in Forchtenberg 1920 Elisabeth, 1921 Lina Sofie (die sich lieber Sophie schrieb und damit berühmt wurde) und 1922 Werner. Dem jüngsten Kind Mathilde waren 1925 nur wenige Monate Lebenszeit beschieden.

Vater Scholl war als Kommunalpolitiker äußerst tüchtig, vielen sogar zu tüchtig, denn nach zehn Jahren im Amt wählten ihn die Bürger von Forchtenberg nicht wieder. Es fiel ihm schwer, das zu akzeptieren. Scholl gehörte keiner Partei an, er war aber energischer Demokrat und Liberaler, der die aufkommende NSDAP und deren Führer verachtete. Im März 1932 übersiedelte die Familie nach Ulm, wo der Vater als Teilhaber in eine Steuerkanzlei eintrat. Das Familienleben, dessen Pfeiler aus pietistisch-protestantischer Christlichkeit (seitens der Mutter), Pflichtbewusstsein und politischer Moral (seitens des Vaters) bestanden, wurde schwieriger, als die drei Großen Inge, Hans und Sophie sich begeistert in der Hitlerjugend engagierten. Ein Hitlerporträt im Jugendzimmer trübte die Harmonie zwischen Hans und dem Vater.

Führerqualitäten in der HJ zeigte auch Sophie, die den Dienst sehr ernst nahm und den von ihr geführten Mädchen keine Pflichtverletzung nachsah. Bei ihrer Konfirmation am Palmsonntag 1937 tragen Sophie und Werner Scholl als einzige HJ-Uniform, als Zeichen dass sie – wie viele – nationalsozialistische und christliche Weltanschauung für vereinbar hielten. Hans und Sophie Scholl entsprachen dem Jugendideal nationalsozialistischer Doktrin vollkommen: schneidig und von den neuen Lehren der Volksgemeinschaft durchdrungen, elitär, fanatisch.

Inge Scholls Legende

Inge Scholl hat über das Ende der HJ-Karriere ihres Bruders Hans eine Legende ersonnen. Die Gruppe (ein „Fähnlein“), die Hans führte, hatte sich einen besonderen Wimpel ausgedacht und verfertigt. Das sei unstatthaft, habe der Stammführer erklärt und beim Appell die Herausgabe vom zwölfjährigen Fahnenträger gefordert. Ob der Anmaßung in drohendem Ton gegen den Jüngeren habe Hans nicht mehr an sich halten können. „Er trat still aus der Reihe heraus und gab diesem Führer eine Ohrfeige. Von da an war er nicht mehr Fähnleinführer.“ Erwiesen ist lediglich, dass Hans Scholl mit einem älteren HJ-Führer Rivalitätsprobleme hatte.

Eine andere, bedrohlichere, Affäre holte den 19-jährigen Hans kurz vor Weihnachten 1937 ein. Wegen „bündischer Umtriebe“ wird der junge Soldat, der sich zur Kavallerie gemeldet hatte, aus der Kaserne Stuttgart–Bad Cannstatt heraus verhaftet. Zur Last gelegt wurde ihm von der Gestapo, dass er, mehr als ein Jahr zuvor, innerhalb der HJ eine Elite um sich geschart habe, die sich „Trabanten“ nannte. Eine nicht genehmigte Fahrt nach Schweden, verbunden mit einem dazu notwendigen Devisenvergehen (Bargeld versteckt in einer Niveadose) wurde als kriminelles Delikt gesehen. Im Hintergrund stand das Verbot aller Bünde der Jugendbewegung, um die Hitlerjugend als Staatsjugend zu monopolisieren.

„Sittliche Verfehlungen“

Im Mai 1938 wurde die Anklageschrift zugestellt, für den 2. Juni war die Verhandlung anberaumt. Entsetzlich peinlich ist es, dass auch „sittliche Verfehlungen“, nämlich homosexuelle Handlungen mit Jüngeren, zur Sprache kommen. Der damals schwerwiegende Vorwurf wurde auch nicht – wie häufig geschehen – nur aus taktischen Gründen erhoben. Die Sache ging aber glimpflich aus. Einen Monat Gefängnis lautete das Urteil, die Amnestie wegen der „Heimkehr der Ostmark ins Deutsche Reich“ hob die Strafe jedoch sofort auf.

Hans Scholl ist dem Dritten Reich noch lange nicht entfremdet. Die Kriegsgefahr, die den Vater Scholl umtreibt (und den Schreinergesellen Georg Elser in Königsbronn zum Entschluss bringt, durch Tyrannenmord das kommende Unheil aufzuhalten) erschreckt ihn nicht.

Hans Scholl ist nach dem Prozess in seinem Selbstgefühl angerührt. Der ehrgeizige junge Mann ist auf dem Weg zum Erwachsenen, fühlt sich einer Elite, nicht der verachteten Masse zugehörig, will sich nicht unterordnen, sondern führen. Kriegerische Gewalt lehnt er keineswegs ab, er sieht im militärischen Konflikt eine Notwendigkeit, erhofft Läuterung des Volkes (und den Sieg der gerechten Sache). Hans Scholl identifiziert sich mit der Nation und einem vom Deutschen Reich dominierten Europa. Die Erfahrung des Krieges, die das ändert, folgt erst, im Frankreichfeldzug 1940 und an der Ostfront 1942.

Eine Wirkung des Militärdienstes war das Bedürfnis nach Freiheit, das dann zentrales Postulat des Widerstands der „Weißen Rose“ wurde. Gleichzeitig entwickelte sich ein zweiter bedeutsamer Antrieb aus der bewussten Hinwendung zur christlichen Ethik. Im Elternhaus dominierte die protestantische Frömmigkeit der Mutter (der Vater war nicht religiös), aber erst die Begegnung mit dem katholischen Publizisten Carl Muth im Sommer 1941 lenkte Hans zum bewussten Christentum fortschrittlich-katholischer Observanz. Wichtig waren für ihn die Bücher von Georges Bernanos, Paul Claudel und Werner Bergen­gruen und Gespräche mit älteren Intellektuellen, die, wie Carl Muth und der Kulturphilosoph Theodor Haecker zu Lehrern und Wegbereitern Hans Scholls wurden. Nicht weniger wichtig war Kurt Huber, der Psychologie und Philosophie lehrte und als Volksliedforscher einen guten Namen hatte. Er gehörte zu den wenigen Professoren im Dritten Reich, die sich im Widerstand engagierten. Für die Universität blieb dem Studierenden der Medizin Hans Scholl, der gleichzeitig lebhaftes Interesse an der Philosophie hatte, wenig Zeit. Er war ja Soldat und außerdem viel unterwegs, im Konzertsaal, bei Lesungen, zu Diskussionen in literarischen und philosophischen Zirkeln. Die Suche nach dem Sinn des Daseins, das Nachdenken über den Krieg und die Zwänge des nationalsozialistischen Regimes, das Reden darüber mit Freundinnen und Freunden füllten Tage und Nächte.

Im Mai 1942 beginnt Sophie Scholl mit dem Studium der Philosophie und Biologie in München. Die Geschwister wohnen zusammen in zwei Zimmern unweit der Universität. Sophie teilt die Interessen und Aktivitäten des älteren Bruders, wird in den Freundeskreis aufgenommen. Die Geschwister leben in großer Nähe zueinander, die auch zwei andere Mitglieder des Freundes- und Widerstandskreises charakterisiert: Christoph und Angelika Probst sind sich ähnlich vertraut, und auch Willi und Anneliese Graf stehen in enger Geschwisterbeziehung zueinander. Hans Scholl ist die den Freundeskreis und die Schwester treibende Kraft. Sophie, so wird berichtet, ist in den Debatten meist still. Das mag auch am Rollenverständnis zwischen älterem Bruder und jüngerer Schwester liegen. Sophie hing aber nicht nur im Schlepptau. An moralischem Rigorismus stand sie Hans nicht nach, und ihre Aktivität konnte zum Mutwillen werden, wie an jenem 18. Februar 1943, als sie die Flugblätter von der Galerie in die Halle des Lichthofs warf, was das Verhängnis unmittelbar auslöste.

Im Sommer 1942 hatte sich für den Freundeskreis vieles verändert. Hans Scholl war, wie seine Kommilitonen Alexander Schmorell und Willi Graf, zur Kriegsfamulatur in ein Lazarett westlich von Moskau kommandiert worden. Sophie kam zum Rüstungseinsatz in eine Schraubenfabrik bei Ulm. Im August 1942 musste der Vater Robert Scholl eine viermonatige Gefängnisstrafe antreten, weil er Hitler eine „Gottesgeißel“ genannt hatte. Das war als Verstoß gegen das Heimtückegesetz vom zuständigen Sondergericht relativ milde bestraft worden. Für Sophie war es ein Unrecht, das ihre Abwendung vom Nationalsozialismus beschleunigte.

Jetzt kämpften sie

Aus der Opposition der Geschwister Scholl und ihrer Freunde wurde im Sommer 1942 Widerstand gegen das Unrechtsregime. Jetzt kämpften sie, wie nur wenige, mit Flugblättern und Parolen bis zur letzten Konsequenz und büßten mit ihrem Leben. Thomas Mann, der prominenteste deutsche Schriftsteller im Exil, gedachte in seiner BBC-Sendung „Deutsche Hörer!“ am 27. Juni 1943 des Widerstands der Münchner Studenten. Die britische Luftwaffe warf im Sommer 1943 Millionen Exemplare des letzten Flugblatts der „Weißen Rose“ über dem Ruhrgebiet und vielen deutschen Großstädten ab. Trotzdem verhallte das Fanal der Geschwister Scholl und ihrer Freunde ohne Resonanz im Publikum. Die übergroße Mehrzahl der Deutschen hielt Hitler bis zuletzt die Treue. Manche aus Fanatismus, viele aus patriotischem Pflichtgefühl, andere, weil sie gewohnt waren stillzuhalten. Deshalb ist der Widerstand der wenigen jungen Akademiker in München aber nicht vergeblich gewesen. Die Wirkung stellte sich erst nach dem Untergang des NS-Regimes ein. Denn jetzt konnte man darauf verweisen, dass sich wenigstens einige gefunden hatten, die sich gegen das Unrecht, gegen die Barbarei der Herrenmen­schen-Ideologie aufgebäumt hatten, die nach anfänglicher Begeisterung für den ­Nationalsozialismus dessen Menschenfeindlichkeit erkannt hatten und aus der Einsicht Konsequenzen zogen, die nicht der Eroberungslust, kurzem Siegestaumel und verordnetem Gemeinschaftsgefühl verfallen blieben.

Der Freundeskreis der „Weißen Rose“ war nach dem Ende des NS-Regimes herzeigbar geworden, er wurde stellvertretend in Anspruch genommen für eine Haltung, die in den Nachkriegsjahren als moralischer Anspruch, als Ziel politischer Bildung, als humanistischer Imperativ gültig wurde. Nachträglich identifizierten sich viele mit den Studenten, die statt deren ethischer Haltung Opportunismus gezeigt hatten. Die jungen Leute aus gutem Hause, die eher konservativ und bürgerlich als revolutionär gewesen waren, zudem im Christentum tief verankert, taugten besser als der zu späte Widerstand militärischer Eliten um Graf Stauffenberg, besser als die zögerliche Konspiration der Männer um Carl Goerdeler oder des Kreisauer Kreises als Vorbilder in der jungen Bundesrepublik Konrad Adenauers.

Hans Scholl, seine Schwester Sophie, ihre drei Freunde und ihr Professor, waren mit Sympathisanten und Unterstützern als Symbole eines besseren Deutschland, als entschiedene Gegner der Hitlerdiktatur, die dafür den Märtyrertod sterben mussten, als Vorbilder besser geeignet als die Offiziere, die so lange gebraucht hatten, bis sie das NS-Regime als verbrecherisch erkannten, über die noch lange nach dessen Untergang der Stab gebrochen wurde, weil sie den Eid auf den Diktator gebrochen hatten.

Die „Weiße Rose“ hatte in der Gründerzeit der Bundesrepublik auch die Funktion des Gegenbildes gegen den kommunistischen Widerstand, der in der DDR Legitimationsfunktionen erfüllte. Als Leitbilder in der jungen westlichen Demokratie waren die christlichen Geschwister Scholl so notwendig und willkommen wie die kommunistische Herbert-Baum-Gruppe in der DDR. Die Männer des 20. Juli waren noch lange nicht so gut vermittelbar, und Georg Elser, der im Alleingang schon 1939 Hitler hatte beseitigen wollen und darüber Jahrzehnte nach seinem Tod zum Idol wurde, war vergessen oder unbekannt oder galt gar als Statist in einer Nazi-Inszenierung. Opposition aus kommunistischer oder sozialistischer Gesinnung war in der konservativen Bundesrepublik noch lange nicht konsensfähig und kirchlichen Widerstand hat es nicht gegeben – trotz vieler eingekerkerter und ermordeter Christen beider Konfessionen, die als Individuen handelten, während die Amtskirchen den Frieden mit dem Regime suchten und vieles tolerierten, vor dem sie einst gewarnt hatten.

Der Idealismus der Geschwister Scholl, ihrer Mitstreiter Christoph ­Pr­obst, Alexander Schmorell, Willi Graf und Kurt Huber, ihre moralische Integrität, ihr Eintreten für Humanität und Freiheit war nach 1945 ohne Weiteres nachvollziehbar. Inge Scholl, Hans und Sophies ältere Schwester sorgte mit ihrem Mann Otl Aicher frühzeitig für den Nachruhm.

Das Denkmal für die „Weiße Rose“, das die Schwester von Hans und Sophie Scholl unmittelbar nach dem Ende der NS-Herrschaft zu bauen begann, mit Büchern und Vorträgen, mit Gedenkveranstaltungen und Institutionen wie der Volkshochschule in Ulm und der Hochschule für Gestaltung, getragen von der Stiftung, die Inge Scholl und Otl Aicher zur Erinnerung an die studentischen Widerstandskämpfer gegründet hatten, ist ein wesentliches Element der Erinnerungskultur. Straßen, Plätze und Schulen tragen die Namen von Hans und Sophie Scholl oder ihren Freunden. Im Lichthof des Hauptgebäudes der Münchner Universität informiert eine Ausstellung in der „Denk-Stätte Weiße Rose“. Eine Gedächtnisvorlesung erinnert jährlich feierlich an den Widerstand der Studenten, der einst von den akademischen Gremien mit so großem Abscheu verdammt wurde. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels und die Landeshauptstadt München stifteten gemeinsam den Geschwister-Scholl-Preis, der 1980 zum ersten Mal verliehen wurde. Er wird vergeben für ein Buch, „das geeignet ist, bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut zu fördern und dem verantwortungsvollen Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu geben“. Nicht nur die Historiker haben sich der Geschwister Scholl und der „Weißen Rose“ angenommen. Zwei Spielfilme und ein Dokumentarfilm sind ihnen gewidmet.

Die Rolle Grimmingers

Zum Widerstandskreis der „Weißen Rose“ gehörte auch Eugen Grimminger, in Crailsheim geboren, in Stuttgart als Buchprüfer tätig, mit einer Jüdin verheiratet. Er war 50 Jahre alt, mit Robert Scholl befreundet und Gegner des Nationalsozialismus. Grimminger unterstützte die Münchner Studenten mit Geld und bestärkte sie in ihrem Tun. Der Volksgerichtshof verurteilte ihn, obwohl er der Hauptfinanzier des Widerstandskreises um Hans Scholl war, „nur“ zu zehn Jahren Zuchthaus, weil Grimminger sich geschickt verteidigte und seine Sekretärin ihn mit klugen Zeugenaussagen deckte. Aber Grimmingers Frau Jenny wurde nach ­Auschwitz deportiert und dort am 2. Dezember 1943 ermordet. Nach dem Untergang der NS-Herrschaft kehrte Grimminger als liberal-konservativer Stuttgarter Gemeinderat ins öffentliche Leben zurück. Gegenüber der Inanspruchnahme der „Weißen Rose“ und den Huldigungen für Hans und Sophie Scholl in der nachträglichen Abkehr vom Nationalsozialismus blieb er skeptisch. Ein Denkmal in seiner Geburtsstadt hat Grimminger durch seine Haltung und den Preis, den er dafür zahlen musste, mehr als verdient.

Die Studenten der „Weißen Rose“ wurden nach dem Untergang des nationalsozialistischen Staates zum Mythos. Das erklärt sich nicht nur daraus, dass Nachkriegsdeutschland so arm an positiven Traditionen war. „Widerstand“ war das Zauberwort, das – nach anfänglicher Reserve und anhaltender Skepsis im Publikum, (das sich einredete, man habe doch nichts machen können gegen das diktatorische Regime) neue Tradition begründen half. Die Studenten der „Weißen Rose“ ließen sich nicht vereinnahmen, denn ihr Widerstand war keiner Ideologie dienstbar gewesen, sie hatten sich ausschließlich an der Freiheit des Individuums orientiert, hatten Solidarität ohne Eigennutz den Verfolgten — auch den Juden — gegenüber gefordert und die Verantwortung des Einzelnen betont: „Wenn jeder wartet, bis der Andere anfängt, werden die Boten der rächenden Nemesis unaufhaltsam näher und näher rücken, dann wird auch das letzte Opfer sinnlos in den Rachen des unersättlichen Dämons geworfen sein.“ Das war im zweiten Flugblatt der „Weißen Rose“ zu lesen.

Im letzten Flugblatt, jenem, das auch nach dem Tod der Geschwister Scholl und ihrer Freunde Alexander Schmorell, Christoph ­Probst und
Willi Graf kursierte, heißt es: „Im Namen der ganzen deutschen Jugend fordern wir von dem Staat Adolf Hitlers die persönliche Freiheit, das kostbarste Gut des Deutschen zurück, um das er uns in der erbärmlichsten Weise betrogen hat.“ Freiheit wurde das Zauberwort des neu gegründeten Staates in Westdeutschland im Systemkonflikt mit der DDR, die sich durch Antifaschismus legitimierte. Das Bekenntnis zur Freiheit machte Hans Scholl und seinen Widerstandskreis zu Sinnstiftern der jungen Demokratie.

Hans Scholl war die treibende Kraft eines Widerstandskreises, den die Nationalsozialisten mit größtmöglicher Brutalität vernichteten. Die Freunde übten keine Gewalt, sie warnten und mahnten gegen das Unrecht, gegen die barbarische Gesinnung, die Staatsideologie in Deutschland geworden war, die Herrenmenschentum und Eroberung gegenüber anderen Nationen befahl, Rassismus predigte und unerwünschte Minderheiten im Genozid ermordete.

Die „Weiße Rose“ hat sich dagegengestemmt, alles riskiert und alles verloren. Ist sie deshalb gescheitert? Nein, denn sie lehrt uns, dass Widerstand geleistet werden muss, wenn Hetzjagd auf Menschen wegen ihrer Herkunft veranstaltet wird, wenn völkisches Denken wieder modern wird, wenn der Hitlergruß gezeigt wird, wenn im Parlament der böse Teil der deutschen Vergangenheit als „Vogelschiss“ abgetan wird, wenn eine Abgeordnete gegen „Burkas, Kopftuchmädchen, alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse“ pöbelt. Widerstand, das hat die Geschichte der NS-Zeit gelehrt, muss rechtzeitig beginnen, wenn Populisten mit rechten Parolen verführen wollen.

Hetze gegen Muslime

Wenn Demagogen heute gegen Muslime hetzen, weil sie aus ethnischen oder religiösen oder kulturellen Gründen „fremd“ sind, das heißt Ängste auslösen, muss man sie daran erinnern, dass einst mit gleichen Argumenten gegen Juden gehetzt wurde. Die Diskriminierung und Ausgrenzung mündete in den Holocaust, den Mord an sechs Millionen Menschen. Hitler hat seine politische Karriere nicht als Menschheitsverbrecher begonnen, sondern als Demagoge, als Populist.

Hans Scholl lehrt uns an seinem 100. Geburtstag, dass man irren darf, dass man der Verführung erliegen kann, dass man aber, wenn man erkannt hat, was Unrecht ist, wenn man sieht, dass der Weg ins Verderben führt, Widerstand leisten muss.

Themen in diesem Artikel
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel