Crailsheim Wer hat die Spitalbäume gepflanzt?

Crailsheim / Birgit Trinkle 11.01.2019
Der Verschönerungsverein hat vor rund 150 Jahren 40 Kastanienbäume gepflanzt. Dieser Aktion sind wohl auch die Spitalbäume zu verdanken, über die derzeit so heftig diskutiert wird in der Stadt.

Die derzeit so heftig diskutierten Bäume in der Spitalstraße stehen gelinde gesagt an ungewöhnlicher Stelle. Wer etwas von Bäumen versteht, ist sicher: Niemand würde heute in so geringer Entfernung zu einem Bauwerk einen Baum pflanzen.

Auch Martin Zorzi vom Umweltzentrum Schwäbisch Hall, der das Bewahren von Bäumen grundsätzlich dem Sägen vorzieht, sieht die zerstörerische Kraft von Wurzeln: „Der erfahrene Gärtner beseitigt deswegen an Gebäuden wild aufgehende Kastanien, Eschen oder Ahorne gleich als Jungpflanze.“ Das wurde offenbar nicht immer so gesehen, und der Blick auf ungezählte Kirchen und Kapellen, die problemlos Jahrhunderte im Schatten mächtiger Bäume überstehen, zeigt, dass dieses Miteinander erstaunlich oft gut geht. Mehr noch: Postkartenmotive und ortsbildprägende Ansichten aus der ganzen Welt sind einem solchen Zusammenspiel zu verdanken. Wurzel- und Mauerwerk können sich durchaus arrangieren.

Auch die Kastanien an der Spitalkapelle sind mit einiger Wahrscheinlichkeit kein Zufallsprodukt. In „Leonhard Sachs und die Leonhard-Sachs-Schule“, Begleitbuch zum 100-Jahr-Jubiläum der Schule, findet sich eine interessante Passage zur Gründung des Crailsheimer Verschönerungsvereins. Das Ganze erfolgte auf Initiative des Stadtschultheißen Leonhard Sachs Mitte Mai 1868. In der Quelle heißt es, dass im ersten Jahr des Bestehens auf Rechnung des Vereins unter anderem Sitzbänke am Grabenweg aufgestellt und 40 Kastanienbäume an verschiedenen Stellen der Stadt gepflanzt wurden. Das Alter passt, auch sprechen alte Ansichten mit mehreren Kastanien in akkuratem Abstand voneinander für eine geplante Pflanzung.

Buchautor und Stadtarchivar Folker Förtsch bestätigt diese Vermutung zum Ursprung der Bäume: „Auch wir gehen davon aus, dass die Kastanienbäume am Spital auf die Pflanzaktion des Verschönerungsvereins Crailsheim zurückgehen.“ Förtsch verweist zudem auf Bilddokumente aus den 1920er-/30er-Jahren, die zeigen, dass es zunächst drei, möglicherweise vier Kastanienbäume waren, die an dieser eigentlich unmöglichen Stelle wuchsen und gediehen, ohne dass die Kapelle Schaden nahm.

Der Verschönerungsverein engagierte sich auch bei der Errichtung einer Badeanstalt an der Jagst, und er bot vermögenslosen Hauseigentümern finanzielle Hilfe bei der Entfernung oder Versenkung ihrer Dunglegen – Misthaufen – an.

Einsatz zum Wohl der Stadt

Um die Attraktivität der Stadt zu steigern, unternahm es der Verschönerungsverein auch, so ist im Leonhard-Sachs-Buch zu lesen, in der näheren Umgebung Anlagen für Ausflüge und Spaziergänge herzurichten, so etwa 1872/73 auf der Schönebürg und bei der Johanneskirche, 1875 am Karlsberg; 1878 entstand der Promenadenweg zwischen Herrensteg und der damaligen Gasfabrik in der Paradeisallee. Auf seine Anregung fanden zudem ab Sommer 1873 im Park des Produktenhändlers Feldner – also in den Hofgärten an der Spitalstraße – Sonntagskonzerte der Stadtkapelle statt.

Heute ist dieser Verein nur noch Erinnerung; er bestand, wenn auch mit deutlich reduzierten Aktivitäten, bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Der letzte Hinweis findet sich Förtsch zufolge 1943 in der Lokalzeitung.

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Im Bemühen um den Erhalt der Bäume

Der Beschluss des Gemeinderates, die beiden Kastanien an der Spitalkapelle fällen zu lassen, stieß in der Bürgerschaft auf Widerspruch. Die rechtlichen Voraussetzungen für ein Bürgerbegehren gegen diesen Beschluss sind erfüllt. Bis zum 18. Februar benötigt die Bürgerinitiative rund 2000 Unterschriften für den Erhalt der Bäume.

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