Gericht Wenn niemand mehr zu erreichen ist

Crailsheim / Birgit Trinkle 08.12.2018

Eigentlich sollte am Donnerstag das Urteil verkündet werden. Stattdessen sind zwei weitere Verhandlungstage angesetzt, um herauszufinden, ob und in welchem Maß sich ein Crailsheimer Immobilienunternehmer schuldig gemacht hat. Der 55-Jährige muss sich wegen Betrugs und Insolvenzverschleppung verantworten. Verteidiger Andrej Klein hatte bereits am ersten Verhandlungstag vergeblich die Einstellung des Verfahrens beantragt (das HT berichtete), am zweiten Verhandlungstag stellte er einen – abgelehnten – Befangenheitsantrag gegen Richterin Ute Herrmann, weil sich in der Verhandlung gezeigt hatte, dass sie einen der Zeugen kennt. Am Donnerstag wollte er, ebenfalls ohne Erfolg, eine Neuverhandlung im Frühjahr erreichen, weil der Angeklagte auch als juristische Person beteiligt werden müsse, nämlich als Vorstand der AG, die schlüsselfertige Häuser anbot und damit Schiffbruch erlitt.

Im Sommer 2016 soll Michael H. Firmen und Bauherren vor allem aus dem Crailsheimer Raum geschädigt und Schaden in sechsstelliger Summe verursacht haben. Er selbst bestreitet die Vorwürfe – er habe allenfalls knapp kalkuliert. Vor allem habe er selbst ausstehende Zahlungen nicht erhalten, was ihn in Schwierigkeiten gebracht habe.

Vom Traumhaus zum Alptraum

Konkret geht es um Traumhäuser für junge Familien im Altkreis, die zum Alptraum wurden. Verschiedene Firmen haben im Vertrauen auf H.’s Zahlungsfähigkeit geliefert, Handwerker gearbeitet und die Bauherren zum Teil all ihr Geld für Bauleistungen überwiesen, die dann nur teilweise erbracht wurden. Vor allem eines dieser Häuser war im Spätsommer 2016, als es eigentlich bezogen werden sollte – die Mietwohnung war bereits gekündigt – gerade mal halb fertig. Ein Zeuge sagt, zu diesem Zeitpunkt fehlten noch Elektrik, Wasser, Abwasser, Fliesen, Innenverputz, die Treppe, Luft-Wärme-Pumpe, Carport und Garage sowie die Terrasse.

Was die nicht beglichenen Rechnungen für die beteiligten Unternehmen bedeuteten, schilderte die erste Zeugin, die als Bürokauffrau im Unternehmen ihres Vaters arbeitet und von den Gerüsten erzählte, die für vier Bauprojekte aufgestellt wurden und mit bis zu 24 Wochen ungewöhnlich lange standen. Abschlagszahlungen gab’s damals nicht: „Jetzt machen wir das öfter.“ So fiel einiges an Kosten an, auf denen die Firma sitzen blieb.

Die Geschäftsführerin einer Baustofffirma sprach ebenfalls von zahlreichen unbeglichenen Rechnungen, die zum Teil vom März 2016 herrührten. Die letzte Zahlung ging wohl am 13. Juni ein, dann kam gar nichts mehr. Die genannten Termine dürften in diesem Prozess entscheidend sein. Rechtsanwalt Klein sagte, sein Mandant habe von den Hausherren noch im Februar fast eine halbe Million Euro an Abschlagszahlungen erhalten. Für ihn sei dieser Engpass bis in den Sommer hinein nicht absehbar gewesen.

Beide Frauen berichteten vor Gericht, dass sämtliche Mahnstufen durchlaufen wurden und der Gerichtsvollzieher jeweils unverrichteter Dinge wieder zurückgekommen sei. Die Baustofffirma hat ihre offenen Ansprüche schließlich für 10 000 Euro verkauft, ein Drittel ihres Werts: „Besser der Spatz in der Hand“, sagte die Geschäftsführerin. 

Unbeglichene Rechnungen

Weit weniger Glück hatte eine Unternehmerin, die sich mit einem kleinen Betrieb für Kamin- und Kachelöfen selbstständig gemacht hatte. „Ich hab’ den Laden mittlerweile verkauft, auch wegen dieser Sache hier“, sagt sie. Über sie hat der Angeklagte Sanitärbedarf zum Großhandelspreis bezogen, sie berechnete dafür rund zehn Prozent Provision. Sie hat am 13. Juni 2016 zum letzten Mal Geld gesehen, im Juli den Zugang des Angeklagten gesperrt, aber noch bis August Rechnungen des Sanitär-Großhandels erhalten, die bis heute offen sind.

Ein wichtiger Zeuge dürfte ein Medienberater sein, der nebenher Aufträge im Baubereich ausführt. Er hat nicht nur die Baugruben für die vier Häuser ausgehoben und den Außenbereich gestaltet – wofür er jeweils ordnungsgemäß bezahlt wurde –, er hat dem Angeklagten auch Kontakte zur Verfügung gestellt, etwa zum Ofengeschäft und zum Elektriker. Das ist von Bedeutung, weil Michael H. sagt, der Elektriker habe mehr verlangt als vereinbart, und auch den Prozenten für die Ofenbauerin habe er nie zugestimmt.

Der Zeuge erzählte vor Gericht auch, was vor allem auf einer der Baustellen schief ging. Weil zu hoch geplant war und eine Bodendecke doppelt so stark war wie angenommen, kam es zu Baustopp und Rückbau; es gab einen Wassereinbruch und eine nach innen gedrückte Wand. Immer mehr Beteiligte klagten dann über ausstehende Zahlungen. Auch die tschechischen Arbeiter seien zeitweise nicht bezahlt worden, so der Zeuge, der im Sommer begann, Handwerker wie Dachdecker und Treppenbauer zu warnen und schließlich auch anonym Anzeige erstattete. Andere haben zu diesem Zeitpunkt nur noch gegen Vorkasse gearbeitet, im August ging dann gar nichts mehr.

An weiteren Verhandlungstagen werden unter anderem Bankauskünfte eingeholt.

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