Crailsheim Wenn etwas zerbrochen ist

Wolfgang und Veronika Maas bereiten zum Gedenktag für alle verstorbenen Kinder einen Gottesdienst vor.
Wolfgang und Veronika Maas bereiten zum Gedenktag für alle verstorbenen Kinder einen Gottesdienst vor. © Foto: sd
Crailsheim / Birgit Trinkle 07.12.2018
Wie überall auf der Welt gibt es am Sonntag auch in Crailsheim einen Gottesdienst für verstorbene Kinder. Wolfgang und Veronika Maas helfen anderen Betroffenen und sprechen über Trauer.

Es geht ums Überleben. Darum, irgendwie einen Tag zu überstehen, dann noch einen und noch einen. Vor zwölf Jahren haben Veronika und Wolfgang Maas ihr Kind verloren, ihre Tochter. Mit gerade mal 18 Jahren wurde Caroline Maas im Ausland von einem Auto erfasst und getötet, und für die Eltern war es schlicht nicht vorstellbar, damit leben zu können. So oder so ähnlich schildern es fast alle verwaisten Eltern. Nicht wenige fühlen sich dann allein gelassen, weil das tote Kind und ihr Schmerz etwas ist, an dem niemand rühren mag. Dass sie nicht allein sind in ihrem Leid, kann ein Trost sein.

Das sagte auch der Hausarzt, der Wolfgang und Veronika Maas damals an die Crailsheimer Gruppe der verwaisten Eltern verwies. „Da waren Eltern, die ihr Kind schon vor Jahren verloren hatten, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass man das so lange überleben kann“, erinnert sich Wolfgang Haas an den ersten Kontakt. Zunächst, unmittelbar nach dem Verlust, „kriegt man Stunde um Stunde rum und fragt sich, wie das Monate auszuhalten ist“.

Gruppenarbeit in Crailsheim

Es kann ausgehalten werden. Veronika Maas hat 2010 die Ausbildung zur Trauerbegleiterin absolviert, und allmählich wuchsen die Eheleute in die Aufgaben der Gruppenleitung hinein. Wenn sie von der Arbeit in nunmehr zwei Gruppen sprechen, wird deutlich, dass immer wieder gelacht wird, beim Adventskaffee vertraulich geplaudert, wie es Menschen können, die vieles verbindet. Durch das Leid der anderen immer wieder neu mit dem eigenen Verlust konfrontiert zu werden, finden sie kaum belastend: „Eher rühren schlimme Nachrichten in den Medien oder gar im eigenen Umfeld alles wieder auf.“

Das Baby, das nur drei Tage leben durfte, die der Leukämie zum Opfer gefallene Dreijährige oder der erwachsene Mensch, der mitten aus dem Leben gerissen wird: Sie alle haben Eltern, die sich in dieser Gruppe treffen können. Und ganz gleich ob zwei oder 25 Jahre alt: Wenn ein Kind stirbt, zerreißt’s den Eltern das Herz. So zumindest fühlt es sich an, sagen Betroffene.

Zerrissen, „Zerbrochen“: Das ist auch das Motto eines Gedenkgottesdienstes, zu dem am Sonntag eingeladen wird. Wenn etwas zerbrochen ist, lässt sich aus den Scherben etwas Neues machen, sagt Veronika Maas: „Dann kann und darf man aber auch die Spuren sehen.“ Sie bezieht sich auf Kintsugi, die Kunst der Reparatur von Scherben und Wunden, und auf das Programm des Gottesdienstes am Sonntag um 18 Uhr in der Liebfrauenkapelle.

Zu Texten, Predigt und Musik sind alle eingeladen, die selbst ein Kind verloren haben oder die vom Tod eines Kindes betroffen sind. Auch noch nach einem Vierteljahrhundert, so die Erfahrung, berührt es verwaiste Eltern zutiefst, wenn der Name des viel vermissten Kindes verlesen wird: Du bist nicht vergessen.

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Kerzenaktion auch in Crailsheim

Am Gedenktag für alle verstorbenen Kinder  werden am Sonntag um 18 Uhr  in der Crailsheimer Liebfrauenkapelle Kerzen entzündet und dann daheim ins Fenster gestellt. Betroffene Eltern und Geschwister überall auf der Welt schließen sich dem an, und wenn dann die Kerzen in der einen Zeitzone erlöschen, werden sie in der nächsten entzündet, bis eine Lichterwelle den Globus umrundet hat: „Damit ihr Licht für immer leuchte.“ bt

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