Crailsheim Wenn die Blase schwächelt

Manchmal kann es gar nicht schnell genug gehen, auf die Toilette zu kommen. Frauen und Männer mit Blasenschwäche leiden meist sehr unter der Krankheit. Doch den meisten kann geholfen werden.
Manchmal kann es gar nicht schnell genug gehen, auf die Toilette zu kommen. Frauen und Männer mit Blasenschwäche leiden meist sehr unter der Krankheit. Doch den meisten kann geholfen werden. © Foto: © Stihl024 - Fotolia.com
Crailsheim / CHRISTINE HOFMANN 24.09.2016

Ein Huster, ein Hüpfer oder die schwere Sprudelkiste getragen – und schon geht ein wenig Urin in die Hose. Der unfreiwillige Urinverlust bei der sogenannten Belastungsinkontinenz kann das tägliche Leben, persönliche Beziehungen oder sportliche Aktivitäten stark einschränken. Für betroffene Frauen ist das schrecklich peinlich – so peinlich, dass sie ihr Problem meist jahrelang verschweigen, weiß Dr. Monica Diak, Chefärztin der Frauenklinik am Klinikum Crailsheim. „Für Betroffene ist das ein Tabuthema. Sie trauen sich meist nicht einmal, mit ihrem Arzt darüber zu reden.“ Dabei ist es äußerst wichtig, die Krankheit anzusprechen, denn nur so gibt es die Möglichkeit, etwas dagegen zu tun. „Je länger man wartet, desto schwieriger wird es, die Symptome zu behandeln“, erklärt Dr. Diac.

Am Anfang einer Behandlung steht zunächst die Befragung und Untersuchung durch den Frauenarzt. „Die Diagnose ist das A und O“, sagt die Expertin. „Es gibt verschiedene Formen der Inkontinenz. Die beiden häufigsten sind die Stress- oder Belastungsinkontinenz und die Dranginkontinenz. Bei manchen Patientinnen kommen auch mehrere Formen der Blasenschwäche zusammen. Für jede Form gibt es unterschiedliche Therapien.“

Eine Dranginkontinenz, die allgemein auch als Reizblase bezeichnet wird, lässt sich gut mit Medikamenten behandeln. „Wir versuchen zunächst, mit medikamentöser Behandlung eine Besserung zu erreichen. Gelingt dies nicht, gibt es die Möglichkeit einer Botox-Unterspritzung in den Blasenmuskel. Dabei gibt es sehr gute Erfolgschancen.“

Wer zum Beispiel beim Husten, Niesen oder Hüpfen Urin verliert, hat meist einen schwachen Beckenboden. Hier hilft manchmal schon ein gezieltes Beckenbodentraining. Die Übungen lernen die Frauen in Einzelstunden beim Physiotherapeuten. Dr. Diac: „Es ist wichtig, sich zunächst vom Physiotherapeuten gut anleiten zu lassen. Die Einzeltherapie gibt es auf Rezept. Später kann ein Kurs als Motivationshilfe dienen.“ Das regelmäßige Üben ist unerlässlich. „Beckenbodengymnastik ist ein lebenslanges Thema, das muss man in den Alltag einbauen wie Zähneputzen.“ Bis sich der Trainingserfolg einstellt, können Pessare Abhilfe schaffen.

Wenn das Beckenbodentraining allein nicht ausreicht, gibt es operative Möglichkeiten, den unfreiwilligen Harnabgang zu stoppen. Die gängigste Methode ist die Harnröhren-Schlinge, die das schlaffe Bindegewebe ersetzt. „Mit dieser Operation erzielen wir seit Jahren sehr gute und vor allem dauerhafte Erfolge. Sie hilft in 80 bis 90 Prozent der Fälle“, sagt die Chefärztin. Alternativ gibt es außerdem die Variante, die Harnröhre abzudichten. „Die allermeisten Frauen sind nach einer Operation sehr zufrieden, weil sie sofort eine Heilung oder zumindest eine deutliche Besserung verspüren.“

Oft behandelt Dr. Diac ihre Patientinnen mit Blasenschwäche mit verschiedenen Therapien. Nicht selten gibt es eine Senkung von Gebärmutter, Blase oder Enddarm, die zuerst behoben werden muss, bevor die Inkontinenz-Operation durchgeführt werden kann. „Es ist eine komplexe Sache, deshalb ist die Diagnose so wichtig. Letztlich ist jede Behandlung ganz individuell auf die Patientin abgestimmt. Eine Standard-Therapie wie beispielsweise beim Brustkrebs gibt es bei der Inkontinenzbehandlung nicht.“

Noch etwas sollten Frauen, die unter Blasenschwäche leiden, wissen: Sie sind mit ihrem Problem nicht allein. Die deutsche Kontinenz-Gesellschaft geht davon aus, dass es bundesweit mehr als neun Millionen Betroffene gibt. Darunter gibt es übrigens auch einige Männer. Außerdem gibt es neben der Blasenschwäche auch die Darmschwäche – ein noch größeres Tabuthema, über das sich kaum jemand zu sprechen traut. „Die Zahl der Erkrankungen steigt mit dem Lebensalter an“, erklärt Dr. Monica Diac. „Bei jüngeren Frauen tritt Blasenschwäche manchmal nach der Geburt eines Kindes auf. Die meisten Frauen erkranken nach der Menopause: Etwa jede dritte Frau ist davon betroffen.“

Für die Frauenärztin ist es jedes Mal ein gutes Gefühl, eine Patientin geheilt oder zumindest mit deutlich verbesserten Symptomen zu entlassen und ihnen damit ein Stück Lebensqualität zurückzugeben. „Den Satz: ‚Bei Ihnen kann man nichts mehr machen‘ habe ich noch nie gesagt. Es gibt immer die Möglichkeit, den Frauen zu helfen“, berichtet Dr. Diac. Häufig hört sie allerdings von ihren Patientinnen: „Warum bin ich nicht schon viel früher zu Ihnen gekommen?“

Info Das Klinikum Crailsheim ist anerkannte Beratungsstelle der Deutschen Kontinenz Gesellschaft. Dr. Monica Diac hält jeden Montag, Dienstag und Mittwoch von 8 bis 12 Uhr eine Inkontinenzsprechstunde ab. Termine gibt es im Sekretariat der Frauenklinik unter Telefon 0 79 51 / 49 06 51. Eine Überweisung für die Sprechstunde stellt der Frauenarzt oder Urologe aus.