Geschichte zum Anfassen Wenn aus Rüben Butter wird

Der Hunger war groß in Crailsheim während des Ersten Weltkriegs. Mehl wurde so gut wie möglich gestreckt. Das zeigt dieses Blut- und Pflanzenbrot aus dem Stadtmuseum. Ein Jahr lang ist das Honigglas nun im Haus der Geschichte in Stuttgart zu sehen.
Der Hunger war groß in Crailsheim während des Ersten Weltkriegs. Mehl wurde so gut wie möglich gestreckt. Das zeigt dieses Blut- und Pflanzenbrot aus dem Stadtmuseum. Ein Jahr lang ist das Honigglas nun im Haus der Geschichte in Stuttgart zu sehen. © Foto: Ute Schäfer
Crailsheim / Ute Schäfer 13.07.2018
Das Crailsheimer Blutbrot vertritt die Stadt auf einer neuen Ausstellung zur Demokratie im Lande in Stuttgart. Es erzählt zugleich von wahrlich mageren Zeiten.

Es sind zwei Bröckelchen Brot, und sie haben kleine Löcher. Offenbar war da schon mal ein Insekt zugange. „Es bröselt“, sagt Museumsleiterin Friederike Lindner. „Kein Wunder. Die Brote sind hundert Jahre alt.“

Aus dem Altinventar hat sich ein Eintrag erhalten. „1 Stück Blutbrot und 1 Stück Pflanzenbrot“, steht da, „nach vorhandenem Schreiben des Stadtschultheißenamts zur Linderung der Ernährungsschwierigkeiten während des Weltkriegs zum Kauf angeboten.“ Aber ach! Dieses amtliche Schreiben ist nicht mehr vorhanden, bedauert Friederike Lindner. „Im Stadtarchiv findet es sich nicht. Es muss verloren gegangen sein.“

Deshalb weiß sie auch nicht, unter welchen Umständen das Brot oder das Glas „zum Verkauf angeboten“ wurde und wie es ins Museum kam. „Es könnte auch einen Pfiffikus gegeben haben, der damit Geschäfte gemacht hat“, spekuliert sie.

Doch eines ist unbestritten: Blut- und Pflanzenbrote gab es. Denn im ersten Weltkrieg – sein Ende jährt sich heuer zum 100. Mal – war die Not groß. Um die Getreidevorräte zu strecken, mussten die Bäcker bereits im ersten Kriegsjahr 1914 ihr Mehl erst mit Kartoffeln und später mit Mais-, Bohnen-, Erbsen- und selbst mit Holzmehl strecken. Das Blutbrot aus Crailsheim, das heute unser Objekt der Serie „Geschichte zum Anfassen“ ist, hat seinen Namen von dem Ersatzstoff Blut, der verbacken wurde.

Auch andere Ersatzprodukte sollten die Engpässe decken: Weil es keine Baumwolle mehr gab, wurde Papier versponnen. Alles, was Früchten auch nur entfernt ähnelte, wurde zu Marmelade verkocht. Hammelfett sollte beim Backen die Butter ersetzen, und die „ungarische Gemüsebutter“ bestand aus roten und gelben Rüben und Gewürzen. Tee wurde mit Besenheide gestreckt, Kastanien und Eicheln indes wurden wie Kaffee geröstet.

Die Ersatzprodukte schmeckten natürlich nicht gut und vor allem: Sie machten nicht satt. Weil in erster Linie Fett immer weiter rationiert wurde, litt die Bevölkerung bald schon Hunger. Dies macht unser Blutbrot aus dem Stadtmuseum zum Symbol einer unruhigen Zeit: Die hungrigen Arbeiter in den Städten demonstrierten und riefen zum Streik auf. Die Revolution lag in der Luft, und der Rest ist Geschichte: Der Kaiser in Berlin und der König in Stuttgart dankten ab. „Der Hunger hatte jedem die Unfähigkeit des alten Regimes vor Augen geführt. Er beschleunigte dessen Ende mit“, sagt Museums-Chefin Friederike Lindner.

Auch diese Geschichte erzählen die Brösel im Honigglas – und das nicht nur in Crailsheim. Ab September auch in Stuttgart. In der neuen Landesausstellung zum „Beginn der Demokratie im Südwesten“ werden sie einen Ehrenplatz bekommen. Friederike Lindner hat das Glas mit ihrem speziellen Dachshaarpinsel bereits vorsichtig gereinigt.

Spezialbox für ein Glas

In den nächsten Tagen kommt ein Kurierfahrer mit einer passgenauen Transportbox. Darin bringt er das Glas sicher und vorsichtig nach Stuttgart.

Info Die Ausstellung „Vertrauensfragen. Der Anfang der Demokratie im Südwesten 1918 – 1924“ läuft ab 30. September bis zum 11. August 2019 im Stuttgarter Haus der Geschichte.

Schlechte Ernte, Hunger und Spanische Grippe

In den Hungerjahren, während des Ersten Weltkriegs, hatten Kriegskochbücher Hochkonjunktur. Sie stellten Rezepte vor, die auf Zucker, Fett und Fleisch so gut wie möglich verzichten – übrigens eine Diät, die heute wieder hochaktuell ist. Auch die Steck- oder Kohlrübe erfreut sich mittlerweile wieder großer Beliebtheit. Im Winter 1916/1917, dem „Steckrübenwinter“, war das anders, denn es gab nichts anderes.

Neben schlechten Ernten verschärfte das britische Handelsembargo die Versorgung der Bevölkerung. Besonders bitter: Deutschland war Nahrungsmittel-Importland. Das Embargo traf das Deutsche Reich also empfindlich.

Ab Frühjahr 1918 folgte die Spanische Grippe in drei Wellen, von denen die zweite (im Herbst 1918) und die dritte (1919) zusätzlich zum Hunger viele Menschenleben forderten. In Deutschland starben von 1914 bis 1918 insgesamt etwa 800 000 Menschen an Hunger und Unterernährung.
uts/Quelle: Wikipedia

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