Großerlach Wendung um 180 Grad

Moderator Jo Frühwirth befragt Rollstuhlfahrer Benedikt Hillerkuss bei der Talkrunde in der Erlacher Höhe. Hillerkuss arbeitet wie Irina Reim (ganz rechts) und Bärbel Habeck für ein Projekt der Diakoniestation in Freudenstadt. Privatfoto
Moderator Jo Frühwirth befragt Rollstuhlfahrer Benedikt Hillerkuss bei der Talkrunde in der Erlacher Höhe. Hillerkuss arbeitet wie Irina Reim (ganz rechts) und Bärbel Habeck für ein Projekt der Diakoniestation in Freudenstadt. Privatfoto
Großerlach / SWP 11.07.2014
Viele hundert Gäste kamen zum Jahresfest der Diakoniestation Erlacher Höhe. Das Fachthema war in diesem Jahr "Inklusion sozial".

Heiter und fröhlich habe sich das Erlacher Jahresfest präsentiert, das insbesondere Familien mit seinem Kinderprogramm anspreche. Dies berichtet das veranstaltende Diakoniezentrum Erlacher Höhe in Großerlach.

Die Zuhörer, die am Nachmittag der Talkrunde zum Thema "Inklusion sozial" folgten, hätten aber noch einen anderen Aspekt des Festes kennen gelernt. Sie erhielten Einblicke in Konzepte der Erlacher Höhe, mit denen Menschen, die soziale Benachteiligung ertragen mussten, wieder gesellschaftliche Teilhabe erleben. Und sie erfuhren aus erster Hand wie Menschen mit körperlichen Handicaps oder mit langer Arbeitslosigkeit ihr gesellschaftliches "Drinnen und Draußen" erlebten.

So schilderte Martin Heitzenreder vom Bedürfnis "dazuzugehören" und dass dies in unserer Leistungsgesellschaft nur über Arbeit möglich ist. Als Fachinformatiker war er, "mal selbständig und mal abhängig", über Jahrzehnte in Lohn und Brot und plötzlich ohne Arbeit. Auf 1200 Bewerbungen erhielt er 50 Antworten, zum Teil höchst abwertende. Dann rutschte er in eine Depression. Am Ende standen Überschuldung, Zwangsräumung und Obdachlosenunterkunft. "Meine Situation hat sich jetzt um 180 Grad gewendet", berichtete er am Sonntag selbstsicher. Heitzenreder arbeitet heute auf einem geförderten Arbeitsplatz bei der Erlacher Höhe als "Mädchen für alles": Fahrer, Hausmeister, Betreuer . . .

Auch Benedikt Hillerkuss arbeitet heute wieder. Er betreut Gäste im Info-Punkt im Freudenstädter Stadtbahnhof, einem weiteren Projekt der Erlacher Höhe. Er hilft mit Tipps rund ums Reisen oder für die Freizeitgestaltung. So mancher ist überrascht, wenn er mit Rollstuhl hinter dem Beratungs-Counter hervorkommt. "Ich bin froh, eine Aufgabe zu haben, eine feste Struktur am Tag", so der gelernte Industriemechaniker, der mit einer Querschnittslähmung geboren wurde.

Wolfgang Sartorius, Vorstand der Erlacher Höhe, kämpft seit Jahren für die öffentlich geförderte Beschäftigung. Auf dem deutschen Arbeitsmarkt gebe es rund eine Millionen Langzeitarbeitslose, die auf dem freien Arbeitsmarkt nicht unterkommen. Der Bund habe jedoch die Mittel zu ihrer beruflichen Integration drastisch zusammengestrichen.