Menschen Weit mehr als nur ein Spielzeug

Ute Schäfer 24.06.2017

Christine Schenk ist Crailsheimerin, genauer gesagt Altenmünstererin, auch wenn sie im Gerabronner Krankenhaus geboren wurde. Das war 1965. Sie ging in Altenmünster und Onolzheim in die Grundschule, engagierte sich später in der Kirchengemeinde. Betreute die Jungschar, organisierte Jugendfreizeiten. Ihr Abitur machte sie 1984 am ASG, und ein paar der älteren Lehrer dort kennt sie natürlich noch.

Doch nach dem Abitur verließ sie Crailsheim, wie so viele, und machte ein soziales Jahr in der Nähe von Stuttgart. Dort lernte sie Benno Mitschka kennen, der gerade Zivildienst machte. Benno Mitschka hatte einen Traum: Er wollte Opernregisseur werden. Deshalb gingen die beiden natürlich auch in die Oper. Die kannte und liebte Christine Schenk allerdings schon. „An meinen ersten Opernbesuch – es war der Freischütz in Stuttgart – erinnere ich mich genau. Es war ein Ausflug mit der Crailsheimer Bäcker-Innung. Ich durfte mit meiner Freundin Karin Knecht mitfahren.“

Das Leben: Immer hin und her

Gemeinsam gingen Christine Schenk und Benno Mitschka nach München zum Studieren, sie Theologie, er Theaterwissenschaften. Beide jobbten. Sie in der Computerbranche, „da bin ich dann auch hängengeblieben“. Er bei verschiedenen Theatern, später auch beim Film – Benno Mitschka arbeitete zehn Jahre in London. „Wir lebten ein Jet-Set-Leben, immer hin und her.“

Irgendwann war es genug damit, und dann ging auch alles ganz schnell: Die beiden Kinder kamen, Zwillinge, Buben, denen der Papa eine erste Papierbühne gebastelt hat, kaum, dass sie krabbeln konnten. Die Buben liebten die Bühne. „Sie haben ihre Matchbox-Autos durchfahren lassen, das war wie modernes Regie-Theater“, lacht Christine Schenk. Die Vorführungen liebten die Buben aber auch, genauso wie die Freunde, die Kindergartengruppe, der Freundeskreis. Und so zog das zarte Theater immer größere Kreise. Eine Idee nahm Gestalt an. „Wir wollten uns sowieso irgendwie selbstständig machen.“ Benno Mitschka fing an, Papiertheaterbögen zu sammeln, einen Verlag für die Ausschneidebögen zu gründen. Schnell war ein passendes Haus gefunden, in dem Bühne, Laden und Verlag Platz hatten. München wäre zu teuer gewesen, deshalb sollte es Mering sein, zwischen München und Augsburg gelegen.

Hier hat sich Benno Mitschka nun seinen Traum verwirklicht. Er ist Operndirektor. Seine Bühne ist zwar nur klein, ein Guckkasten von 41 mal 30 Zentimeter. Aber sie hat technische Effekte wie eine große. Einen Schnürboden natürlich auch, und beim Licht kann man jedes LED-Lämpchen einzeln ansteuern. „Es war die räumliche Wirkung, die uns von Anfang an fasziniert hat“, sagt Christine Schenk.

Doch was ist ein Papiertheater eigentlich? Es ist das, was der Name sagt: eine Bühne mit Kulissen und Figuren aus Papier. „Seine Blütezeit erlebte das Papiertheater im theaterbegeisterten 19. Jahrhundert“, erklärt Schenk. „Es war eine Sache des Bürgertums.“ Die Mädchen durften die Kulissen und Püppchen ausschneiden, die Buben bastelten das Theater rundherum. „Und dann spielte man abends Theater. Und machte Hausmusik dazu, es gab ja noch keine Tonträger.“ Von wichtigen Operninszenierungen gab es sogar fertige Ausschneide-Bögen der Kostüme und Kulissen. „Und nicht nur ein paar. Die Bögen hatten Riesenauflagen. Wir würden heute sagen, es waren Merchandising-Produkte.“

Erst das Fernsehgerät brachte dem Papiertheater den Todesstoß, das war nach dem zweiten Weltkrieg. „Aber zu uns kommen manchmal ältere Leute, die erzählen, sie hätten noch damit gespielt“, erzählt Christine Schenk. Dennoch sind Papiertheater nie nur Spielzeug gewesen – sie waren Ausdruck der Theaterbegeisterung ihrer Zeit und dienten auch der Erbauung.

Richtige Kunst

Und man kann richtig Kunst damit machen. Die Opernaufführungen von Benno Mitschka und Christine Schenk sind es. Manche sind auf Erwachsene zugeschnitten, manche auf Kinder, und alle lieben sie. „Wir haben den Eindruck, dass das Papiertheater derzeit eine Renaissance erlebt“, sagt Christine Schenk, „denn bei all der digitalen Überfrachtung ist das Kleine und Einfache auf einmal etwas ganz Besonderes.“

Info

Das kleinste Opernhaus Deutschlands hat einen regulären Spielplan und hat derzeit die Zauberflöte, den Rigoletto, die Aida und weitere Opern auf dem Programm. Beliebt sind auch Opernaufführungen mit einem anschließenden Brunch am Wochenende oder nach Vereinbarung. Weitere Informationen und den Spielplan gibt es hier: www.papiertheater.net. Karten bitte unbedingt vorher reservieren. Denn weil die Bühne klein ist, haben nicht sehr viele Zuschauer vor ihr Platz. Die Bühne soll jetzt aber vergrößert werden - 65 auf 45 Zentimeter. Dann muss das Operndirektorenpaar nicht mehr so viele Leute wegschicken. uts

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