Mundart Von der großen Gnade, ein Hohenloher sein zu dürfen

Auch ein Dialekte-Treffen im Forum der Sparkasse in Crailsheim (von links): der Franke und Bankenchef Thomas Lützelberger, der Badener und Universitätsprofessor Hubert Klausmann und der Hohenloher und Ex-Politiker Rezzo Schlauch.
Auch ein Dialekte-Treffen im Forum der Sparkasse in Crailsheim (von links): der Franke und Bankenchef Thomas Lützelberger, der Badener und Universitätsprofessor Hubert Klausmann und der Hohenloher und Ex-Politiker Rezzo Schlauch. © Foto: Andreas Harthan
Crailsheim / Andreas Harthan 08.07.2017
Der ehemalige Grünen-Politiker Rezzo Schlauch sorgt für einen so heiteren wie informativen Dialekte-Abend im Forum der Sparkasse in Crailsheim.

Wer bislang kein Fan von Hohenlohe war, ist es heute geworden“ – so lautete das Fazit des Hausherrn  am Donnerstagabend, und die vielen Zuhörer nickten zustimmend. Sie fühlten sich genauso gut unterhalten wie Thomas Lützelberger, der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Schwäbisch Hall-Crailsheim. Für Unterhaltung gesorgt hat im vollen Sparkassen-Forum in Crailsheim der ehemalige Grünen-Spitzenpolitiker Rezzo Schlauch (69).

Nicht mit einem Vortrag über Politik, sondern über die Vielfalt der Dialekte im Ländle hatte der gebürtige Bächlinger brilliert. Was ihn zu so einem Vortrag befähigt, ist nicht seine Prominenz, sondern seine Lebenserfahrung: In Hohenlohe ist er aufgewachsen, im Badischen (Freiburg) hat er studiert, im Schwabenland (Stuttgart) lebt er bis heute.

Einsatz für Dialekte

Zum Dialekte-Botschafter gemacht hat ihn ein „Schwarzer“, mit denen es Schlauch bekanntlich schon lange gut kann. Als ihn eines Tages Hubert Wicker, früher Chef der Staatskanzlei in Stuttgart und Landtagsdirektor, heute Amtschef des Wirtschaftsministeriums in der Landeshauptstadt, bedrängte, Mitglied im Förderverein Schwäbischer Dialekt zu werden, sagte Schlauch zu – allerdings unter einer Bedingung: Der Verein muss sich auch um die anderen Dialekte in Baden-Württemberg kümmern.

Was er auch tut, wie Professor Dr. Hubert Klausmann von der Universität Tübingen den Zuhörern im S-Forum versicherte. Der in Ellwangen lebende Dialekte-­Forscher brachte am Donnerstag die gute Botschaft nach Crailsheim, dass das Hohenlohische ein Dialekt ist, der sich behauptet, der auch von jungen Menschen gesprochen wird. Das könne nicht jeder Dialekt im Land von sich behaupten.

Über die Unterschiede zwischen Schwaben und Hohenlohern zu sprechen, bereitete Schlauch großes Vergnügen. Nach dem pflichtschuldig-augenzwinkernden Hinweis, dass er keinen Vortrag halten werde, der wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, bediente er zunächst nach Kräften Klischees. Dass die Schwaben nicht nur verdruckt, sondern auch verhockt seien, dass die schwäbische Küche nichts anderes als Resteverwertung sei, dass Schwäbisch zusammen mit Sächsisch die unbeliebtesten Dialekte in Deutschland seien.

Entertainer Schlauch bediente aber nicht nur Vorurteile, er stieg tiefer ins Thema ein. Etwa, als er den Schwaben ein „Gen gegen die Obrigkeit“ zusprach und in diesem Zusammenhang an den Remstal-Rebellen Helmut Palmer erinnerte. Die Hohenloher hingegen seien wahre Meister der Diplomatie. Das war eine Frage des Überlebens, so Schlauch, sei der Hohenloher doch oft „Spielball mächtiger Nachbarn“ gewesen, zuletzt durch die „völkerrechtswidrige Annexion vor etwas mehr als 200 Jahren“. Damit war klar: Schlauch ist kein Fan von Napoleon und auch nicht des Königreichs Württemberg.

Die Hohenloher mögen keine Revoluzzer sein, Duckmäuser sind sie aber auch nicht. Diese Botschaft verdeutlichte der ehemalige Spitzenpolitiker anhand der eigenen Biografie: Sechs Polizisten seien erforderlich gewesen, um ihn vom Baum zu holen. Schlauch hatte in Boxberg Mitte der 1980er-Jahre gegen den geplanten Bau einer Auto-Teststrecke protestiert.

Inzwischen hat der bald 70-Jährige seine ganz wilden Jahre hinter sich. Protestiert nicht in Hamburg gegen den G20-Gipfel, sondern erinnert lieber an wichtige Hohenloher wie Carl-Julius Weber und Gottlob Haag. Für den war es ja bekanntlich eine Gnade, Hohenloher zu sein, während die Schwaben ein Schicksal ertragen müssen. Und Schlauch lobte die Schaffenskraft und Kreativität der Hohenloher, die den einst vergessenen Landstrich zu einer prosperierenden  Wirtschaftsregion mit vielen Weltmarktführern gemacht haben.

„Mein Herz schlägt hier“

Auch wenn er schon lange in Stuttgart wohnt: „Mein Herz schlägt hier“, betonte er vorgestern in Crailsheim. Und deshalb fahre er, wenn er von Bächlingen aufbreche, „nach Stuttgart hinter“. Diese Formulierung darf bis heute als ein Akt des subversiven Widerstands der Hohenloher gegen die „Besatzer“ vom Nesenbach verstanden werden. Die übrigens zunehmend entdecken, dass es nicht nur im Schwarzwald und am Bodensee schön ist, sondern auch in Hohenlohe.

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