Ausstellung Von Aufstieg und Niedergang

Crailsheim / Andreas Harthan 18.07.2017

Das Eisenbahnjubiläum stößt in Crailsheim auf unerwartet großes Interesse. Die Veranstaltungen sind bestens besucht, bei der Premiere des Eisenbahn-Films von Waldemar Jauch fanden viele Interessenten keinen Platz mehr im Rathaussaal. Auch beim nochmaligen Zeigen des Films vor wenigen Tagen war der Saal wieder voll. Crailsheim ist eben noch immer eine Eisenbahn(er)stadt, auch wenn der Glanz vergangener Tage verblichen ist.

Mit dieser Vergangenheit beschäftigt sich eine Ausstellung des Stadtarchivs, die den Sommer über im Forum in den Rathausarkaden zu sehen ist. Mit den Bahnlinien Goldshöfe – Crailsheim (1866) und Schwäbisch Hall – Crailsheim (1877) begann die Eisenbahngeschichte des einstmals beschaulichen Städtchens an der Jagst. Als dann auch noch der Anschluss ans bayerische Eisenbahnnetz erfolgte, erfasste ein regelrechter Industrialisierungsschub die Stadt. Bis heute ist Crailsheim eine Stadt des Handels und der Industrie.

Bahn prägt Stadt

Über Jahrzehnte hinweg war Crailsheim eine ausgesprochene Eisenbahnerstadt. Viele Menschen fanden Arbeit bei der Bahn. Die höchste Beschäftigungszahl wurde in den 1970er-Jahren erreicht. Damals gab’s rund 750 Eisenbahner in der Stadt. Mehr als 400 von ihnen arbeiteten beim Bahnbetriebswerk, um die 300 im Bahnhof selbst. Die platzgreifenden Bahnhofsanlagen prägen das Erscheinungsbild der Stadt bis heute. Die Gleisanlagen zerteilen Crailsheim noch immer in eine Ost- und eine Weststadt.

Ganz vergangen ist die einstige Herrlichkeit des Eisenbahn­knotenpunktes im Nordosten des ehemaligen Königreichs Württemberg noch nicht. Bis heute verfügt Crailsheim über die einzige IC-Verbindung in den Landkreisen Schwäbisch Hall und Hohenlohe, und noch immer gibt’s direkte Verbindungen in die Großstädte Stuttgart, Nürnberg und Ulm. Doch auch bezüglich des Fahrplans war früher mehr Lametta. So verkehrte schon ab 1898 der Paris-Karlsbad-Express. Dieser von den Crailsheimern „kleiner Orientexpress“ genannte Zug hielt zwischen Stuttgart und Nürnberg nur in der Horaffenstadt. Crailsheim war also schon im 19. Jahrhundert an die große, weite Welt angebunden – besser als heute.

Wer sich mit der Eisenbahngeschichte beschäftigt, kommt um das Jahr 1981 nicht herum. Es war ein Schicksalsjahr, wie man inzwischen weiß. Im Sommer hätte der Spatenstich für den neuen Bahnhof getätigt werden sollen, doch wenige Tage (!) zuvor fiel das Neubauvorhaben den Sparzwängen der Bundesbahn zum Opfer. Und so müssen sich die Crailsheimer bis heute mit dem begnügen, was 1947/48 als Ersatz für den im letzten Kriegsjahr zerstörten Bahnhof erstellt worden ist. Es war ein Provisorium, bis heute hält sich der Begriff Baracke. Oberbürgermeister Hellmut Zundel hat dem Provisorium einst „den Charme einer Haltestelle im Ural“ attestiert. Für ihn war es das größte Manko seiner Amtszeit, dass er den Neubau eines Bahnhofes nicht durchsetzen konnte.

Der Schmerz sitzt tief, weil die Stadt früher einen Bahnhof besaß, mit dem es weit und breit kein anderer aufnehmen konnte. Als Vergleich mussten da schon die Hauptbahnhöfe in Stuttgart und Nürnberg herhalten. In Crailsheim stand ein württember-
gisch-­bayerischer Grenzbahnhof mit je eigenem Bahnamt, mit eigenem Personal – und eigener Zeit. Angezeigt wurde die auf einem fast 30 Meter hohen Uhr-
turm.

Vorbei war’s mit dieser Bahnhofsherrlichkeit im letzten Kriegsjahr. Schwere Luftangriffe am 23. Februar und 4. April 1945 legten das gesamte Bahnhofsareal in Schutt und Asche. Seither lebt die Eisenbahnstadt mit einem Provisorium, was alles andere als eine vorzeigbare Visitenkarte für Gäste aus aller Welt ist. Selbst Barrierefreiheit – in vielen kleineren  Bahnhöfen schon lange eine Selbstverständlichkeit – ist in Crailsheim nicht gegeben. Die Fahrstühle zu den Bahngleisen fehlen bis heute.

Info Die Ausstellung im Arkadenforum ist von Montag bis Freitag zu den Dienstzeiten des Stadtarchivs geöffnet (am Kulturwochenende auch samstags und sonntags).