Crailsheim Vom Ulmer Münster in die Johanneskirche

Crailsheim / Hans-Peter König 04.12.2018
„Die Alpenländische Weihnacht“ wird am 1. Advent mit hochkarätiger Besetzung sehr zur Freude eines begeisterten Publikums musikalisch und literarisch gefeiert.

Das Kirchenjahr beginnt bekanntlich mit dem ersten Adventssonntag, mit dem auf die „Ankunft“ der Geburt Christi vorbereitet werden soll. Auf dieses große Fest führte am Sonntag „Das große Weihnachtskonzert – die Alpenländische Weihnacht“ in der Johanneskirche in Crailsheim in großartiger Weise hin.

Christian Wolff als Erzähler

Hochklassig war bereits die Besetzung: Der bekannte Schauspieler Christian Wolff fungierte als Erzähler. Nicht minder berühmt: der Tölzer Knabenchor, der heuer sein 60-jähriges Bestehen feiern kann. Dirigiert von Dr. Clemens Haudum, musizierte der Chor zusammen mit sechs Bläsern und einem Schlagwerker, dem „Ensemble Classique“, und der als „Meisterin der Tiroler Harfe“ apostrophierten Barbara Gasteiger. Dass diese Gruppen einen Tag zuvor ihren Auftritt im Ulmer Münster hatten, mag davon zeugen, wie sehr sich das hiesige Publikum über eine Aufführung freuen durfte.

Einem klassischen Theaterstück ähnlich, das in fünf Akte unterteilt ist, bot das Programm fünf Stationen. Die musikalische Reise orientierte sich an den Vorgaben der Bibel. Da die Musiker stets in Bewegung waren, ging es kontinuierlich, praktisch ohne innehaltende Pausen, von einem Bereich in den nächsten. Dabei war aber von Hast oder Eile nicht das Geringste zu verspüren.

Station 1: Intro

Glocken-, Pauken- und Blechbläserklänge des im linken Chorraum postierten siebenköpfigen „Ensembles Classique“ ließen diesen schallstark erbrausen. Die zweieinhalb Dutzend Buben des Tölzer Knabenchors in einheitlicher zünftiger Tracht gekleidet mit rot-weiß karierten Hemden, dreiviertellangen Lederhosen, roten Kniestrümpfen und schwarzen Lederschuhen, an der Grenze zwischen Chorraum und Kirchenschiff postiert, folgten diesem Präludium ebenso klang- und stimmgewaltig mit John Readings „Adeste fideles“, das mit „Herbei, o ihr Gläubigen“ im evangelischen Gesangbuch zu finden ist, im katholischen Bereich als „Nun freut euch, ihr Christen“ bekannt ist. Arrangiert wurde es von Winfried Roch, der für insgesamt neun Arrangements des Konzerts verantwortlich zeichnet.

Mit seiner sonoren Stimme eröffnete Christian Wolff, die erste Kerze des Adventskranzes anzündend und – wie des Öfteren im späteren Verlauf – von den zarten Klängen der Harfe durch Barbara Gasteiger begleitet, die Lesung der Weihnachtsgeschichte „Es begab sich aber zu der Zeit“ An die Engelsverkündung an die Hirten schloss sich Georg Friedrich Händels „Tochter Zion“ an, bei der die gewaltigen Begleitklänge des Orchesters in akzentuierter Dynamik durch den Knabenchor sich trefflich ergänzten.

Station 2: Verkündigung

Dass die bekannten Texte der Bibel durch eher unbekannte musikalische Weisen ergänzt wurden und dass laut jubelnde Töne immer wieder mit nachdenklich-besinnlichen Weisen kontrastierten, trug ganz sicher auch zum Erfolg des Konzerts bei.

So folgten mit „Jetzt fangen wir zum Singen an“ und „Jetzt hat sich halt auftan“ zwei Volksweisen aus Salzburg beziehungsweise aus Tirol leise, getragen. Barbara Gasteigers Harfenzwischenspiel „Winterabend“ von Christian Obermaier erklang zwischen Piano und echohaftem Pianissimo und vermittelte andächtige Stimmung.

Station 3: Herbergssuche

Immer wieder liest Christian Wolff, zum Teil sanft begleitet von Barbara Gasteiger und ihrer Harfe, Texte aus der Bibel oder von Silja Walter oder Jörg Zink stets stimmig und klangvoll vor und stellt dadurch die inhaltlichen Übergänge zu den Musikstücken her. So wird Marias Gottvertrauen in Winfried Rochs „Stille Winternacht“ musikalisch Ausdruck verliehen.

Das ebenfalls von Roch arrangierte Traditional „Maria durch ein Dornwald ging“ wird als ­langsamer Bläsersatz in Moll, zu Lautstärke aufschwingend, am Schluss – wie auch häufig bei Johann Sebastian Bach – in Dur aufgelöst.

Bei der Volksweise aus Salzburg „O lieber Hauswirt mein“ dürfen neben dem gesamten Chor besonders drei Solosänger (wie auch später) ihr Können mit ihren glockenhellen Stimmen unter Beweis stellen. Die Weise aus Oberbayern „Felsenharte Bethlehemiten“ lässt eigentlich Schroffes erwarten, ist aber lieblich-harmonisch gestaltet. Der Soloposaunist Peter Seitz und der Solotrompeter Rolf Ihler spielen mit Antonio Vivaldis Largo aus „Der Winter“ duettierend, klanglich klar voneinander abgegrenzt, aber stets auf imposante Weise harmonierend. Der fermatische Abschluss bietet Zeit zum Innehalten.

Station 4: Die Hirten

Verkündigungstexten der Engel schließt sich Winfried Rochs „Gotts Wunder“ musikalisch nahtlos an. Der überraschende Hirtenruf eines Knaben „Zwelfi hots geschlogn“ in der Volksweise aus Südtirol „Es kimmt an Engel vom Himmel herab“ sorgt beim Auditorium für Heiterkeit. Die Volksweise aus Salzburg „Heißa Buama“ interpretiert der Chor mustergültig, ehe Barbara Gasteiger mit ihrem solistischen Harfenzwischenspiel von Tobi Reisers „Bauernmenuett“ den Teil kohärent und expressiv beendet.

Station 5: An der Krippe

Höhepunkt der Reise und damit auch musikalisch mit den meisten Liedern vertreten ist das Ziel. Vier Volksweisen aus unterschiedlichen Teilen Österreichs – „Es wird scho glei dumpa“, „Mürztaler Engelruf“, „Still“, „Schlaf, Jesulein zart“ – bildeten nach jubelhaftem Rufen einen sanften, zarten, leisen Auftakt dieses Teils, ehe dazu kontrastierend Christoph von Reitzensteins kulminierende „Festliche Bläsermusik“ erklang. Übersetzt „in süßer Freude“ erfüllte Ludwig Hahns modernes Arrangement von „In dulci jubilo“ die Botschaft „Der Messias ist da“ äußerst klangvoll und ausdrucksstark mit Leben.

Ehrfürchtig-andächtig

Weitere drei Volksweisen aus Tirol, der Steiermark und Oberbayern „Ihr Mörser erknallet“, „Da drobn auf dem Berge“ und „Andachtsjodler“ bildeten nach Karl Heinrich Waggerls gelesenen Weihnachtserinnerungen den stimmungsvollen Abschluss des einzigartigen Konzerts, die Christian Wolff mit zu Herzen gehenden Worten zum Christfest begleitete.

Die während des gesamten Konzerts im gesamten Kirchenraum spürbare ehrfürchtige und andächtige Spannung, die Zwischenapplaus unmöglich machte, löste sich in stehende Ovationen, die das Ensemble mit nicht weniger als drei Zugaben inklusive „O du fröhliche“ erwiderte, und einem neuerlichen Schlussapplaus.

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