Crailsheim Visionen statt Bequemlichkeit

Crailsheim / SEBASTIAN UNBEHAUEN 14.09.2012
Manfred Reich will Crailsheim mit der Gründung eines Stadtseniorenrats "in Aufbruchstimmung versetzen". Am Mittwoch erläuterte er bei der Auftaktveranstaltung im Ratssaal, wie er sich das genau vorstellt.

Noch ist alles möglich, noch ist nichts entschieden: Selbst ob der zu gründende Stadtseniorenrat tatsächlich einmal Stadtseniorenrat heißen wird, ist offen. Dass sich Oberbürgermeister Rudolf Michls mit einem Augenzwinkern vorgetragener Vorschlag "Craalse Grau" durchsetzen wird, ist freilich unwahrscheinlich.

Weil noch alles im Fluss ist, kann jeder, der will, mitgestalten, sich einbringen, den neuen Verein prägen. Genau dazu sollte der Auftakt am Mittwoch dienen: Die Leute für die Sache zu begeistern. Manfred Reich, stellvertretender Vorsitzender des Kreisseniorenrats, hatte sich das ganz offensichtlich zum Ziel gesetzt - sein Auftritt war mehr Predigt als nüchternes Sachreferat. Er, der für die Sache brennt, sagte: "Ich möchte Sie anzünden."

OB Michl hatte zuvor betont, man wolle in Crailsheim "das Rad nicht zum fünften Mal erfinden". Reich will das auch nicht, aber er vertritt seine Sache mit einer Begeisterung, als hätte er das Rad gerade zum ersten Mal erfunden.

Klar, dass so einer nicht viel anfangen kann mit dem Ausspruch von Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt, dass zum Arzt gehen solle, wer Visionen habe. "Ich rede gerne von Visionen, und ich bin nicht krank. Ich möchte mit Ihnen heute eine Vision zeichnen", rief er den rund 70 Zuhörern zu.

Worin liegt sie, die Zukunftsverheißung des Manfred Reich? In einer "aktivierenden kommunalen Seniorenpolitik", die der Rat anstoßen, begleiten, mitgestalten soll. Der demografische Wandel sei kein Problem, sondern eine Herausforderung. Man müsse "mit den Potenzialen der jungen Alten umgehen", diesen "schlafenden Riesen wecken".

Reich denkt an eine Seniorenakademie, an einen Freizeit-Treff für leicht Demenzkranke, die Förderung des Miteinanders der Generationen, Beratungen in Sachen Internet und Handy, einen Tauschring, Radtouren, und, und, und - immer mit denselben Zielen: Sinn stiften, Aktivität fördern, älteren Menschen Aufgaben geben. Denn für Reich ist nichts gefährlicher, als es sich im Ruhestand endgültig auf dem Sofa bequem zu machen. "Nutze deine Fähigkeiten oder verliere sie", sagte er.

Viele Zuhörer haben sich nach dem Vortrag in eine Liste eingetragen, sie wollen mitarbeiten. Helmut Erbel aus Wollmershausen etwa könnte sich vorstellen, Aufgaben zu übernehmen, die mit Technik zu tun haben - schließlich war der 70-Jährige einst Ausbilder beim Technischen Hilfswerk. Helga Jossen aus Crailsheim hat jahrelang ihren demenzkranken Mann gepflegt. Jetzt will sie im Freizeit-Treff mitarbeiten. "Eine tolle Sache" sei das, sagt sie. "Mein Mann hatte mich. Wenn mir mal was passiert, habe ich niemanden. Meine Kinder sind weit weg." Gerade auch in solchen Fällen soll der Seniorenrat Abhilfe schaffen. Das nächste Treffen ist im Oktober, im Dezember soll der Verein gegründet werden.

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