Gesellschaft Verstehen und verstanden werden

VHS-Leiter Martin Dilger (links) und Stadtarchivar Folker Förtsch befragen die Landtagspräsidentin.
VHS-Leiter Martin Dilger (links) und Stadtarchivar Folker Förtsch befragen die Landtagspräsidentin. © Foto: Julia Vogelmann
Crailsheim / Julia Vogelmann 16.03.2018

Aktuelle politische Themen und gesellschaftliche Fragen stehen im Zentrum der Crailsheimer Stadtgespräche. Die Suche nach der Definition von „Heimat“ und der gesellschaftliche und politische Umgang mit Vielfalt passen genau in diese Kategorie. Landtagspräsidentin Muhterem Aras hielt dazu am Mittwoch­abend im Rathaussaal ein kurzes Impulsreferat, bevor sie den Moderatoren, VHS-Leiter Martin Dilger und Stadtarchivar Folker Förtsch, Rede und Antwort stand. 

Schnell war klar: Heimat und Vielfalt sind Themen, mit denen sich Aras nicht erst seit gestern beschäftigt. Sie zeichnete ein klares Bild davon, wo sie beides in Baden-Württemberg findet. „Ich bin viel unterwegs und stelle immer wieder fest, dass unsere Heimat Baden-Württemberg unheimlich vielfältig ist. Das sieht man an der Landschaft, an der Küche und natürlich an den Menschen“, so Aras.

Vielfalt, das wurde ebenfalls rasch deutlich, reduziert die Landtagspräsidentin nicht auf „Multikulti“, sondern darin eingeschlossen ist für sie die Vielfalt der Geschlechter, der Familienzusammensetzungen, der sozialen Schichten, Religionen und Generationen. „Vielfalt ist eine Grundkonstante unserer Entwicklung“, betonte sie mit Blick auf die Geschichte und nannte die „organisierte Vielfalt“ das deutsche politische Konzept.

Auch den Begriff „Heimat“ definierte sie anders als vielleicht von vielen erwartet, indem sie Frank Walter Steinmeier zitierte: „Verstehen und verstanden werden, das heißt Heimat.“ Und damit meinte sie nicht nur die Sprache, sondern die Grundwerte, die geteilt werden. Den Trend zur Abschottung und die dadurch entstehenden Milieus machte sie dagegen als größte Gefahr für den Zerfall des Zusammenhalts, der Gemeinsamkeit und des Gefühls der Sicherheit aus.

Mit dem Wunsch, die Debatte um Heimat und Vielfalt in rationale Bahnen zu lenken mit dem Ziel, eine „versöhnte Verschiedenheit“ zu erreichen auf Basis des Grundgesetztes markierte sie die perfekte Überleitung zum Stadtgespräch mit Folker Förtsch und Martin Dilger.

Einführend ging es dabei um die Biografie von Aras, die mit zwölf Jahren als Tochter eines Gastarbeiters nach Deutschland kam. Interessant war ihre Antwort auf die Frage, ob es einen genauen Punkt gab, an dem sie sich heimisch fühlte. Tatsächlich unterschied sie hier persönlich und politisch. Persönlich fing sie irgendwann an, auf Deutsch zu träumen. Politisch waren es brennende Flüchtlingsheime und Angriffe auf Ausländer, die bei ihr eine Trotzreaktion hervorriefen. „Dieses Land lasse ich mir von diesen Rechten nicht nehmen“, erinnerte sie sich an ihre Gedanken damals, die in dem Verlangen mündeten, Verantwortung zu übernehmen und sich politisch zu engagieren.

Verbundenheit, Sicherheit und Verantwortung waren ihre Schlagworte – egal ob es um die Definition von Heimat oder um Vielfalt ging. Das Grundgesetz ist für Aras dabei der Leitfaden, von dem der Umgang miteinander abgeleitet werden kann. Veränderung gehört für die Politikerin dabei genauso dazu wie das nötige Selbstbewusstsein, das es einer Minderheit nicht erlauben sollte, Heimat und Vielfalt negativ zu definieren.

Von Folker Förtsch gefragt, wie sie mit Kritikern dieser Ansichten umgehe, konterte sie: „Schauen wir uns die Realität an. Wenn wir uns abschotten würden, dann könnten wir unseren Wohlstand nicht halten. Vielfalt ist gelebte Realität und unsere Stärke.“ Dabei wünschte sie sich mehr Aufmerksamkeit für das Grundgesetz. Auf Förtschs Nachfrage, wie viel Veränderung die Politik den Menschen zumuten darf, sagte sie entschieden: „Die Gesellschaft verändert sich, ob wir das wollen oder nicht. Entscheidend ist, dass sich die Grundwerte nicht verändern.“

Als wichtigen Faktor für die Integration forderte Aras Zeit und ein richtiges Einwanderungsgesetz, das Deutschland klar als Einwanderungsland definiert. Als wichtigen Faktor für gelingende Vielfalt nannte die Landtagspräsidentin schließlich Kinder und Frauen. „Wenn wir die Kinder und Frauen haben, dann knacken wir auch die harte Nuss Männer“, sagte sie schmunzelnd.

In der anschließenden Diskussionsrunde drehten sich die Fragen um den Abschottungstrend, Waffenexporte, Stadtentwicklung und immer wieder um das Thema Sprache als Integrationsfaktor. Alle Fragen beantwortete Aras ausführlich. Selbst eine Frage zu Stuttgart 21 nahm sie an, auch wenn die Moderatoren darauf hinwiesen, dass diese vom Thema des Abends abweiche. Die Antwort von Muhterem Aras schlug allerdings wieder den Bogen zurück zum selbstbewussten mündigen Bürger: „Als Demokratin muss ich sagen, dass das Volk entschieden hat, und das muss ich akzeptieren, ob es mir gefällt oder nicht. Das ist Demokratie.“

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