Crailsheim Unverheiratetes Paar in flagranti ertappt

„Wir sind nicht verheiratet. Ich teste sie noch“: Immer wieder werden im Stück problematische Beziehungsaspekte thematisiert.
„Wir sind nicht verheiratet. Ich teste sie noch“: Immer wieder werden im Stück problematische Beziehungsaspekte thematisiert. © Foto: Joachim Hiltmann
Crailsheim / Hans-Peter König 13.03.2018

Das Thema der zwischenmenschlichen Beziehungen ist gleichermaßen uralt wie unerschöpflich: Liebe oder Sex, Treueversprechen oder Seitensprung, Ehe oder Scheidung? All diese Konfliktherde eignen sich für die literarische Gestaltung sowohl in der Form einer Tragödie als auch einer Komödie.

Da der normale Alltag genügend Probleme in sich birgt,  hatte sich die Theatergemeinde Crailsheim für die weitaus leichtere und somit publikumswirksamere Form entschieden und mit dem Startheater um Doris Kunstmann eine bekannte Schauspielerin eingeladen. Sie war mit dem Euro-Studio Landgraf in der Ingersheimer Festhalle zu Gast und animierte weitaus mehr Besucher als üblich zum Kommen.

In der Beziehungskomödie „Bella Figura“ von Yasmina Reza wurden alle genannten Aspekte auf amüsante Weise von einem Schauspielerquintett durchgespielt, zu dem sich noch ein stummer Kellner als Sechster hinzugesellte. Aber ebenso, wie es sich bei dem Titel, eine „gute Figur“ zu machen, den Anschein zu erwecken, jemand anderer zu sein als der, der man wirklich ist, oder eben das wahre Innen nach außen hin zu verbergen, um ein Wortspiel handelt, so gilt dies auch für den Gattungsbegriff: Tun sich nämlich buchstäblich Abgründe auf, so lässt sich auch damit spielen: „Eine ernste Komödie als lustige Tragödie“, wie es im Programmheft heißt.

Konflikte am Kochen

Um die schon etwas demente Yvonne Blum, die häufig im Mittelpunkt steht (oder sitzt oder liegt, und zwar in der Mitte der Bühne), dreht sich das meiste Geschehen. Da sie gerade Geburtstag hat und von Boris Amette leicht angefahren wurde, lädt sie ihn und seine außereheliche Beziehung Andrea ein, diesen gemeinsam mit ihrem Sohn Eric und dessen Beziehung Françoise Hirt zu feiern. Und schon sehr bald sind die Konflikte am Kochen.

Schlampenfummel als Outfit

Aber bereits in der Eröffnungs­szene – wir erblicken ein riesiges bildschirmartiges Plakat, auf dem schicke Autos zu sehen sind, und sehen rechts einen knallroten Sportwagen – kracht es förmlich. Andrea räkelt sich lasziv, ihre Beine zeigend, aus dem Auto, während Boris ganz weit von ihr entfernt steht. Geht man erst essen oder soll es – wie es ihm am liebsten wäre – gleich zur Sache kommen?

Aber so einfach ist es eben nicht. Ihr gefällt nicht, dass das Lokal ausgerechnet von seiner Frau empfohlen wurde. Er hingegen will Rücksicht nehmen: „Ich bin kein freier Mann. Ich bin ein verheirateter Mann. Ich bin ein Mann mit Verantwortung.“ Wegen ihres sich entspinnenden Streites nennt er ihr Outfit „Schlampenfummel“. Wie verhält es sich also mit der „guten Figur“?

Wer dominiert hier wen?

Immer wieder werden die problematischen Beziehungsaspekte thematisiert: Als Eric später gefragt wird, wie lange er schon verheiratet sei, ist seine Antwort: „Zweieinhalb Jahre. Aber wir sind nicht verheiratet. Ich teste sie noch.“ Dass Françoise eine Freundin von Boris‘ Ehefrau ist, trägt natürlich auch nicht gerade zur Harmonie bei. So kommt es denn auch zu lautstarken Auseinandersetzungen bei der Frage, ob er oder sie zu bestimmen hat, zu paradoxen Aussagen wie „Wenn ich dich um Hilfe bitte, hilfst du mir, ob ich recht habe oder nicht“, sagt Françoise. Wer dominiert wen?

Als Andrea zur Toilette flieht, erlebt das Publikum eine Überraschung, denn der große Bildschirm erweist sich als Drehbühne, man wird Augen- und Ohrenzeuge einer „Waschraumszene“: Links ein Waschbecken, in der Mitte ein freier Raum, rechts befindet sich die Toilette, auf der telefoniert Andrea.

Als Boris sie sucht, entledigt sie sich ihrer Strumpfhose und ihres Slips, um ein „Geschäft“ zu simulieren, doch es kommt noch mehr: Dass ein männlicher nackter Hintern zu sehen ist, delektiert das Publikum schon etwas, doch dass die betagte Mutter die beiden in flagranti ertappt, ist noch viel amüsanter mit anzusehen: Was für ein Kampf mit dem Rauf und Runter von Strumpfhose und Höschen.

Weitere komische Elemente – na ja, vielleicht auch ziemlich anrüchig, aber man kann es ja aus einer sicheren Distanz aus beobachten – sind weitere „sanitäre Unfälle“: Nicht nur ein einziges Mal, nein, gleich zwei Mal fällt dem Geburtstagskind ihr Tagebuch in die Kloschüssel, sodass es herausgeholt und trockengeföhnt werden muss. Igitt, wie eklig! Aber auch sonst wird Slapstickartiges eingebaut: Man stolpert, bekommt eine Tür an den Kopf, Spray ins Auge. Vieles wird dadurch ad absurdum geführt.

Neben diesen Elementen, die zu den Grundlagen einer komödiantischen Darstellung gehören, gibt es so gut wie kein Stillhalten; man hat den Eindruck, alles sei ständig in Bewegung, ohne dass allerdings sich wirklich etwas großartig ändern würde. In den kurzen Perioden zwischen den einzelnen Szenen gibt es auch keine Verschnaufpausen, denn die Schauspieler räumen weg, bringen hinzu, indem sie tänzelnd pantomimisch leichten Schrittes agieren. Dazu werden Chansons gespielt wie Edith Piafs „La vie en rose“ – sehr frei übersetzt: Das Leben durch die rosarote Brille.

Herrlich komische Verrenkungen

Was für ein ironischer Kontrast zu den Problemen der Protagonisten oder Antagonisten, der Spieler oder der Gegenspieler. Schon eher passte da beispielsweise der Song der Sängerin Zaz „Je veux“ (ich will), in der es darum geht, Liebe, Freude, gute Laune zu haben. „Ich habe genug von eurem guten Benehmen“, lautet eine Textzeile, also nicht die „Bella Figura“, das Äußere, Materielle ist entscheidend.

Nachdem die beiden Männer fluchtartig wegrannten – Boris sprang von der Bühne und verließ die Halle durch eine Türe, um später wieder mühsam hinaufzuklettern –, sind die drei Frauen nach der Pause mit sich alleine. Eine tänzerisch-pantomimische Einlage der wieder einmal betrunkenen Andrea mit herrlich komischen Verrenkungen eröffnet den zweiten Teil.

Probleme des Älterwerdens

Was aber so oberflächlich komisch ist, ist tiefgründig eher tragisch: Wenn Yvonne x-mal „Wo ist meine Tasche?“ fragt oder sie nicht weiß, wo genau sie ist, reizt dies zwar zum Lachen, aber dieses sollte einem eigentlich vergehen, werden doch die Probleme des Älterwerdens damit thematisiert. Mag die permanente Mückenplage vielleicht noch komisch sein, der ständige Hang zu rauchen und zu trinken, ist es nicht.

Dass Boris sich außer seiner Affäre zudem mit unlösbaren, ja existenzbedrohenden Problemen herumschlagen muss, dass Eric seine alternde Mutter am liebsten los wäre, dass der in bürgerlichen Kategorien denkenden Françoise eigentlich alles zu viel ist („Alles ist außer Kontrolle“), Andrea auch gerne aus ihrem Leben als bloßer Seitensprung-Bestandteil ausbrechen würde, nimmt dem Komödiantischen doch den Wind aus den Segeln. Dass Yvonne zu der Erkenntnis „Ab jetzt geht’s bergab“ fähig ist, ist auch bereits der Anfang vom Ende.

Handlung blendet sich aus

Und beim Ende fällt einem der musikalische Begriff des „Fade­outs“ ein, das Leiserwerden der Tonstärke. Ebenso wird die Handlung ausgeblendet, verläuft, wie es ein Besucher ausdrückte, ­quasi im Sand. Yasmina Reza, die mit „Gott des Gemetzels“ große Erfolge feierte, hat mit „Bella Figura“ ein Stück geschrieben, das eher umstritten ist und nach ­Meinung des Rezensenten wie auch eines Teils des Publikums nicht an dessen Qualität heranreicht.

Heio von Stetten als Boris, die quirlige Julia Hansen als Andrea, Christopher Krieg als Eric und Susanne Steidle als Françoise, Ines Reinhard als stets stummer Oberkellner und nicht zuletzt natürlich Doris Kunstmann als Yvonne haben sich nichtsdestotrotz dieser Herausforderung auf charmante Weise gekonnt gestellt und wurden mit unüberhörbarem Applaus verabschiedet.

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