Unaufdringliches Umkreisen

Nahm seine Zuhörer auf eine spannende musikalische Reise in bekannte und unbekannte Gebiete mit: das Trio "Mondvogel" aus Berlin. Foto: Ralf Snurawa
Nahm seine Zuhörer auf eine spannende musikalische Reise in bekannte und unbekannte Gebiete mit: das Trio "Mondvogel" aus Berlin. Foto: Ralf Snurawa
RALF SNURAWA 30.04.2013

Agnes Schuster lebt in Tempelhof und gehört zur dortigen Genossenschaft. Gleichzeitig betreibt sie im oberbayerischen Weilheim die mit Naturkostladen und Café verbundene Buchhandlung "Zauberberg". Nach Tempelhof hatte sie einen anderen ehemaligen Weilheimer eingeladen: den Jazzsaxofonisten Johannes Enders.

Beide hatten früher auf dem Klostergut Polling gewohnt. Enders, inzwischen mit einer Professur an der Musikhochschule Leipzig versehen, hatte am Samstagabend zum Konzert zwei in Berlin lebende Jazzmusiker mitgebracht: den Drummer Sebastian Merk und den aus Dänemark stammenden Andy Lang.

Die Trio-Formation hat sich den Namen "Mondvogel" gegeben, hat sich also nach einem Nachtfalter benannt. Und ein wenig umkreiste vor allem Enders auf seinem Tenorsaxofon die Melodien wie der Nachtfalter das Licht - allerdings viel ruhiger. Das hieß nicht, dass das, was die drei Musiker spielten, spannungslos gewesen sei. Das bewies schon das erste Stück "Billy Rubin".

Lässige Coolness bestimmte den "X-March", bisweilen auch wie eine Beschwörungsformel klingend. Andy Lang ließ die Töne in seinem Chorus federn. "For Carla" erschien wie ein unaufhörlicher Gesang des Tenorsaxofons, der sich in immer schnellere Tonfolgen hineinsteigerte. Nach dem Kontrabass-Solo Langs gab es wieder sich wie Patterns wiederholende Melodiefolgen.

Die Band präsentierte nicht nur eigene Stücke. Zur Ballade "Peace" von Horace Silver ließ Lang seinen Kontrabass singen. Zart gehauchte Momente entkamen dem Saxofon, dem Enders kurz vor Ende des Stücks noch eine ausholende Soloschleife entlockte. Heitere Melancholie verstrahlte danach das Stück, das dem Trio den Namen gab.

Mit treibenden Beats, durchbrochen von abgesetzten Tönen endete das erste Set in bester Hardbop-Manier. Die spontane Gemeinschaftsimprovisation erhielt im Nachhinein den Titel "Tempelhof" - vielleicht auch als verbindendes Element zu den beiden Berliner Musikern.

Das zweite Set eröffnete das Trio "Mondvogel" mit einem Standard von Sonny Rollins "Doxy". Das Stück des grandiosen US-amerikanischen Tenorsaxofonisten ließ nicht nur ein musikalisches Vorbild durchklingen, sondern verleitete die drei Musiker auch zum gegenseitigen Necken.

Sie ließen gleich ein ganz neues Stück von Enders folgen: "Komotau", die Heimat seines Vaters. Sebastian Merk durfte sich kurz nach Beginn in einem Chorus den Klangfarben seines Drumsets widmen, ehe das gesamte Trio zur gemeinsamen Improvisation ansetzte.

Nach Jimmy Heath" "Ginger Bread Boy", Enders" "Love Song"-Ballade und John Coltranes "Moment"s Notice" erklatschte sich das Publikum eine Zugabe, die sich als eine einzige Steigerung entpuppte, in der das Tenorsaxofon immer ekstatischer, die Drums immer abwechslungsreicher und der Kontrabass immer erregter klangen.

Agnes Schuster, deretwegen der Bayerische Rundfunk auch Aufnahmen vom Konzert für seine "Lebenslinien"-Reihe drehte, stellte in Aussicht, dass dies nicht das letzte Jazzkonzert in Tempelhof gewesen sein soll. Ab nächstem Jahr soll ein "Leipzig Meets Tempelhof" mit Jazzstudenten aus Leipzig und eventuell aus Berlin stattfinden, die zuvor eine Woche lang proben und als Abschluss dann Konzerte geben sollen.