Führung Über die letzten Tage im Leben von zwei besonderen Menschen

Ursula Mroßko, Vorsitzende des Arbeitskreises Weiße Rose, führt durch das Scholl-Grimminger-Zimmer in der Geschwister-Scholl-Schule.
Ursula Mroßko, Vorsitzende des Arbeitskreises Weiße Rose, führt durch das Scholl-Grimminger-Zimmer in der Geschwister-Scholl-Schule. © Foto: Ute Schäfer
Crailsheim / Ute Schäfer 24.02.2018

Ursula Mroßko schaut immer wieder auf die Uhr, während die Besucher sich im Scholl-Grimminger-Zimmer in der Geschwister-Scholl-Schule in Ingersheim versammeln. Es ist kurz vor 17 Uhr, und sie will pünktlich mit der Führung beginnen. Sie begrüßt die Besucher und schaut wieder auf die Uhr: „Es ist jetzt 17.02 Uhr“, sagt sie. „Genau jetzt ist es passiert. In dieser Minute vor 75 Jahren ist Hans Scholl durch das Fallbeil umgebracht worden.“

Das war für die Zuhörer, aber auch für Ursula Mroßko, die Vorsitzende des Vereins „Arbeitskreis Weiße Rose“ selbst, ein ganz besonderer Moment. Denn immerhin waren sie in dem Gedächtniszimmer, das in der Ingersheimer Schule eingerichtet ist, von Möbeln umgeben, die Hans Scholl kannte, die er – wie im Fall des kleinen Schuhregals – sogar selbst gebaut hatte.

Und so rückte Hans Scholl den Besuchern in dieser besonderen Minute so nahe wie sonst kaum möglich – zumal sie sich nur wenige Schritte von dem Haus entfernt befanden, in dem Hans Scholl am 22. September 1918 geboren worden war. Sein Geburtstag jährt sich heuer also zum hundertsten Mal.

„Ich will Ihnen heute die letzten paar Tage im Leben der Geschwister Scholl beschreiben“, sagt Ursula Mroßko. Zwischen Inhaftierung, Verurteilung und Hinrichtung der Geschwister 1943 in München lagen nur vier Tage. Am Morgen des 18. Februar waren Hans und Sophie Scholl mit einem Koffer voller Flugblätter aufgebrochen. In der Universität legten sie sie stapelweise vor die Zimmer. Dann verließen sie die Hochschule. „Warum sie dann umgekehrt sind, darüber ist viel spekuliert worden“, berichtet Mroßko, „aber keiner weiß es.“ Jedenfalls warfen sie die restlichen Flugblätter von der Brüstung hinunter in den Lichthof der Uni. Dabei wurden sie beobachtet und festgehalten. „Warum sie nicht weggelaufen sind, weiß auch keiner.“ Beide waren ja jung und sportlich. „Und Hans war als Soldat sicher kräftig und durchtrainiert“, ergänzt die ehemalige Lehrerin.

Doch die beiden rührten sich nicht vom Fleck, obwohl beiden klar gewesen sein muss, dass ihnen die Todesstrafe drohte. Kurze Zeit später begannen die tagelangen Verhöre durch die Gestapo. Von den Verhören gibt es Protokolle. Mroßko weiß: „Es waren eher Bekenntnisse als Geständnisse.“ Als klar war, dass Leugnen nichts nutzte, etwa weil inzwischen die Vervielfältigungsmaschinen gefunden worden waren, gestanden beide, versuchten aber jeweils, die Verantwortung allein auf sich zu nehmen.

Baugleiche Vervielfältigungsmaschinen und Schreibmaschinen sind im Scholl-Grimminger-Zimmer zu sehen. Für den technischen Aspekt der Führung war Ernst Hübner zuständig, wie Mroßko Mitglied des Arbeitskreises Weiße Rose. Er machte den Besuchern eindrücklich klar, dass die Mitglieder der studentischen Widerstandsgruppe viele Stunden mit den Flugblättern beschäftigt gewesen sein mussten. Das blattweise Übertragen der Schablonen auf das Papier war aufwändig und langwierig. Dabei war der Besitz solcher Geräte verboten. Hübner: „Um es zu kaufen, zog Hans Scholl extra seine Feldwebeluniform an und sagte, er brauche sie für studentische Zwecke.“

Scholl war ein gewinnender, junger Mann und erhielt die „Roto Preziosa“ für 240 Reichsmark ohne Schwierigkeiten. Das Geld dafür hatte er von Unterstützern. Eugen Grimminger aus Crailsheim, ein Freund seines Vaters Robert, gehörte dazu. Mroßko: „Es kann sogar sein, dass das Geld aus Crailsheim stammte.“  Grimminger habe für solche Zwecke immer wieder Geld aus seiner Heimatstadt erhalten, etwa von der Kinobesitzerin Berta Wagner.

Am 22. Februar 1943 fiel das Todesurteil, Rudolf Freißler, Vorsitzender des Volksgerichtshofes, war extra von Berlin nach München gereist. Mroßko dazu: „Da sieht man, wie wichtig die Nazis die Sache nahmen.“ Das Urteil stand von vornherein fest, es sollte ein Exempel statuiert werden. Dass es noch am gleichen Tag vollzogen wurde, hat damals viele überrascht, berichtet Mroßko. Auch der schnelle Vollzug ist ein Hinweis, wie nervös die Nazis wegen der Aktivitäten der „Weißen Rose“ waren.

Info Die nächste Führung durch das Scholl-Grimminger-Zimmer in der Geschwister-Scholl-Schule in Ingersheim findet am Sonntag, 10. Juni, um 11.15 Uhr statt. Ursula Mroßko nimmt unter Telefon 01 63 / 1 63 44 02 Anmeldungen entgegen. Zudem macht sie auch Führungen für Schulklassen.

Info

Gemeinsam mit seiner Schwester Sophie nahm Hans kurz vor der Hinrichtung das Abendmahl und ließ sich Psalm 90 vorlesen. Darin heißt es: "Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit, der du die Menschen sterben lässt und sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder. Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache. Du lässt sie dahinfahren wie einen Strom; sie sind wie ein Schlaf. Gleich wie ein Gras, das doch bald welk wird. Das da frühe blüht und bald welk wird und des Abends abgehauen wird und verdorrt.

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