Crailsheim Tür in die Vergangenheit

Crailsheim / Birgit Trinkle 10.08.2018
Wer die Türen zu versteckten Orten öffnet, endet auch schon mal in einem der geschichtsträchtigsten Hinterhöfe der Stadt. Der Durchgang zum alten Gasthaus „Rose“ hat’s in sich.

Türen, die neugierig machen, gibt’s in der Innenstadt einige.  Kellertüren in der Langen Straße etwa, oder die Tür zur Sakristei der Liebfrauenkapelle, von der auch ältere Crailsheimer sagen, sie hätten sie noch nie geöffnet gesehen. Geheimnisvolle Türen – da drängen sich Bilder von altem Eichenholz und Eisenbeschlägen auf. Von Spinnweben, Riegeln und Schlössern. Dass es eine leichte, offenkundig recht neue Metallkonstruktion schafft, in diese Reihe aufgenommen zu werden, kann nur an ihrer Lage liegen. Die Spurensuche führt zur „Rose“, zum Straßenverkauf von halben Göckeln, zu Bombennächten und überhaupt zu Crailsheims wichtigsten Entwicklungen.

Wo heute die Adam-Weiß-Straße einen ihrer Bögen schlägt, zwei Wohnhäuser einschließt, und die Lange Straße 16 über einen Hintereingang erschließt, war schon mächtig Betrieb, als an den Reformator noch nicht zu denken war: Adam Weiß wurde um 1490 in Crailsheim geboren, da waren Markt- und Stadtrecht über 150 Jahre alt und der zentrale Platz längst bebaut. Die Metalltür führt zu einem der ältesten Häuser, das immer wieder erneuert wurde und auf das es nur noch wenige Hinweise gibt.

Ein Wirtshaus belebt den Handel

Als die gegenüberliegende Liebfrauenkapelle nach der Reformation zur Markthalle umgewandelt wurde, entwickelte sich das repräsentative Haus am Marktplatz vollends zum zentralen Treffpunkt. Der Frankenspiegel, HT-Beilage für Heimatgeschichte und Heimatkunde, hat einst Joh. Georg Lindner vorgestellt, der um 1740 Inhaber der Gastwirtschaft „Zur Rose“ war: „In der großen Wirtsstube dieses Gasthauses ging es an den Markttagen, besonders am Schweinemarkt und am Obstmarkt, welcher vor dem Brunnen bei der Liebfrauenkapelle stattfand, lebhaft zu; mancher Handel kam daselbst zum Abschluss.“

Stadtarchivar Folker Förtsch hat herausgefunden, dass damals drei Gebäude, alle im Besitz des „Rosenwirths“, um einen Innenhof gruppiert waren. Und wie in den Jahrhunderten davor und danach sah die „lange Gasse“ die repräsentative Fassade der Rose, während der eigentliche Betrieb über diesen Innenhof abgewickelt wurde: Dort wurde gelebt und gearbeitet.

Förtsch hat allein fürs 19. Jahrhundert sieben Besitzerwechsel ausgemacht, und im 20. Jahrhundert ging’s grad so weiter. Allein das Haupthaus, „zweistockiges Wohnhaus mit gewölbtem Keller“, wie es in einem Vertrag von 1865 heißt, stellte mit den darauf liegenden Rechten zur Bierbrauerei, Branntweinbrennerey und zum Betrieb einer „Schildwirthschaft Zur goldenen Rose“ – einen beachtlichen Wert dar. In den letzten Kriegsjahren war die zuvor von Anna Rössler geführte „Rose“ geschlossen und diente als Luftschutzkeller: Der Wirtshauszugang erschloss die großen Keller- und Lagerräume und damit ein Stück Sicherheit.

Feuerwehr in Nöten

Die Feuerschutzpolizei musste damals auf ihre längst eingezogenen jungen Mitglieder verzichten; die eingespielte „Weckerlinie“ wurde nur noch von vier Feuerwehrlern gehalten. So bemühte man sich um ältere Männer und Hitler-Jungen und konnte schließlich doch noch über drei Löschzüge das Stadtgebiet weitgehend abdecken. 1944 war die Rose einer der drei Feuerwehrstandorte, und so stand dort nun das Feuerlöschfahrzeug TS 8. Heimathistoriker Dr. Armin Ziegler schreibt: „Als die Fliegeralarme zunahmen, wurde nachts durchgehend eine Einsatzbereitschaft für die Feuerwehr eingerichtet.“ Das Nebenzimmer wurde Aufenthaltsraum. Während der Fliegeralarme war hier in den Nächten die Brandwache stationiert. Letztlich vergebens. In der Nacht zum 9. Mai 1944 wurde die „Rose“ bei einem Luftangriff durch eine Bordkanone leicht beschädigt; bei der Zerstörung Crailsheims fast ein Jahr später brannte auch sie bis auf die Grundmauern nieder. Bis ins neue Jahrtausend hinein erinnerte an der Ecke zur Jagststraße eine Baracke, die mit Spielautomaten bestückt war, an die im Krieg geschlagenen Wunden. Betrieben wurde das Spiellokal wie auch die wiederaufgebaute „Rose“ und das benachbarte Gebäude mit der „Grillstation zum Anstich“ von der Familie Dorsch: Viele Crailsheimer erinnern sich an die im Straßenverkauf erstandenen halben Hähnchen. Und wie seit ehedem gingen am Hintereingang Mitarbeiter, Zulieferer, Wäschedienst und andere ein und aus.

Ein neues Kapitel aufgeschlagen

Mit dem neuen Jahrtausend kam dann eine neue Ära. Volker Hasel, Chef der Firma Götz-Optik, fügte mit einem Verbindungsbau zwei Gebäude zusammen, die über lange Zeit ohnehin zusammengehört hatten, und die „Rose“ samt Hähnchengrill waren fortan Vergangenheit. 2005 wurde ein ganz neu gestalteter Büro, Wohn- und Dienstleistungskomplex bezogen. Der Hintereingang führt nun über einen Abstellplatz für Mülltonnen in den neuen Anbau zwischen den  von Grund auf sanierten Nachkriegs-Gebäuden. Nichts Spektakuläres liegt hinter dieser Tür. Nur ganz viel Crailsheimer Vergangenheit.

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