Murrhardt Taufstein auf Irrwegen

Dr. Rolf Schweizer präsentiert das neueste Exponat des Carl-Schweizer-Museums. Der rund 1000 Jahre alte Taufstein wurde einst in einer Schmiede als Wasserbecken und später wohl auch als Blumentrog zweckentfremdet.
Dr. Rolf Schweizer präsentiert das neueste Exponat des Carl-Schweizer-Museums. Der rund 1000 Jahre alte Taufstein wurde einst in einer Schmiede als Wasserbecken und später wohl auch als Blumentrog zweckentfremdet.
EK 26.05.2014
Abgenutzt sieht das Exponat im Carl-Schweizer-Museum aus, das Dr. Rolf Schweizer präsentiert. Kein Wunder: Der Taufstein ist rund 1000 Jahre alt.

"In der Sakristei der ehemaligen Kloster- und jetzigen Stadtkirche steht ein uralter becherförmiger Taufstein." Dieser Satz aus einem Artikel, den der Murrhardter Schlossermeister Ferdinand Nägele zur 1870 herausgegebenen Beschreibung des Oberamts Backnang beisteuerte, habe ihm keine Ruhe gelassen, erzählt Rolf Schweizer. Denn bei der Ausgrabung in der Kirche 1973 fand er keine Spur des Taufsteins aus dem 10. oder 11. Jahrhundert. Bei der Kirchenrenovierung Anfang der 1870er-Jahre war er ausgemustert worden und seitdem verschwunden.

Doch gegen Ende der Sanierung in den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts sei er dem Taufstein auf die Spur gekommen, berichtet der Experte für Heimatgeschichte.

Damals entfernte man die schmiedeeisernen Beschläge der alten Kirchentüren und nahm den Kreuzblumenschmuck ab. Da habe er erkannt, dass diese Objekte von einem Schlosser und einem Steinmetz aus einer alten Murrhardter Handwerkerfamilie geschaffen worden waren. Wahrscheinlich habe der Schlosser den Taufstein in seine Werkstatt mitgenommen, wo er ihm als Wasserbecken zum Abschrecken des Schmiedeeisens diente. Darauf wiesen die Kerben und Benutzungsspuren entlang des Randes hin. Zudem meißelte der Schlosser wohl auch die Rinnen und Vertiefungen ein.

Um 1920 bekam der Taufstein eine neue Funktion: Man stellte ihn als Blumentrog in den Hausgarten der Unternehmerfamilie. Vier Jahrzehnte später zerbrach der vom alljährlichen Frost verwitterte Standfuß. Bei einer notwendigen Reparatur um 1960 wurde die geborstene Basis vermutlich um etwa 15 Zentimeter verkürzt und der restliche Standfuß in einen zweckmäßig-geometrischen Betonsockel gegossen.

Vor wenigen Wochen spendete eine ehemalige Klassenkameradin Schweizers den Taufstein an das Museum. Ein Steinmetzbetrieb transportierte das etwa sieben Zentner schwere Stück mithilfe eines Krans und Flaschenzugs durch den Notausgang ins Museum.

Wenn man überlege, wie viele Murrhardter an diesem zwischen 900 und 1000 Jahre alten Taufstein getauft wurden, spüre man die vielen Jahrhunderte der Stadtgeschichte, sagt Rolf Schweizer bewegt.