Das Gelände an der Beuerlbacher Straße in Crailsheim ist unscheinbar – und birgt doch jede Menge Geschichte und Geschichten. Es ist sehr ruhig dort am Sonntagvomittag. Wolken stehen am Himmel, immer wieder weht ein Lüftchen über die Grabsteine inmitten idyllisch wirkender Natur. Dazwischen stehen rund ein Dutzend Menschen und lauschen Stadtarchivar Folker Förtsch. Er führt am Europäischen Tag der jüdischen Kultur über den jüdischen Friedhof – und hat für die Interessenten etliche Fakten vorbereitet.
Beispielsweise, dass in Crailsheim erst sehr spät die Gläubigen überhaupt am Rande der Stadt beerdigt wurden. Vorher wurden Juden in Schopfloch bestattet, wo es seit 1612 einen Friedhof für sie gab. Allerdings sei überliefert, dass es bereits seit dem 15. Jahrhundert eine jüdische Gemeinde in Crailsheim gegeben haben soll. Weil es bei Waldtann einen Judenstein gibt, spekuliere man, dass vorher dort die Verstorbenen zu Grabe getragen wurden.
Dass die letzte Ruhestätte, die mit der Öffnung 1841 die jüngste dieser Art im Landkreis ist, so weit außerhalb liege, habe zwei Gründe: Zum einen seien Juden von der Obrigkeit damals nicht sehr geschätzt gewesen. Zum anderen liege es am Glauben. „Es ist ein ewiger Friedhof“, erklärt Förtsch.

Ältester Grabstein von 1841

Gräber dürften nicht wie bei Christen entfernt werden, die Totenruhe auch nicht durch eine Wiederöffnung als Gemeinschaftsgrab gestört werden. Deshalb steht dort auch noch der erste und älteste Grabstein aus dem Jahr 1841, und es gibt 416 Grabstellen.
Deutlich zu sehen ist, wie mit der Zeit das Christentum Einfluss auf die Gestaltung der Grabsteine nahm. Etliche sind später nicht mehr schlicht aus Sandstein, sondern auch pompös aus Marmor. „Die Juden sind aber zurückhaltend mit der Grabpflege, weil man den Ort der Toten in Ruhe lässt“, berichtet der Historiker. Deshalb werde der Friedhof anders als bei Christen nicht an Feiertagen besucht.
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Tote gelten bei Juden außerdem als unrein, weshalb sich Besucher früher an der heute nicht mehr existierenden Geschirrhütte die Hände wuschen.
Dass an diesem Tag Interessierte das Gelände besichtigen können und Männer keine Kippa dabei tragen müssten, sei nicht selbstverständlich – auch dass die Stadt Crailsheim das Gelände hin und wieder pflege. „Streng orthodoxe Juden wären da dagegen“, berichtet Förtsch. Zum einen sei das aber mit der israelitischen Kultusgemeinde so abgesprochen; zum anderen sei der Friedhof, weil es ja seit 1967 keine Bestattungen mehr gebe, mehr ein Kulturdenkmal.
Kulturdenkmale wiederum fehlen in der Crailsheimer Innenstadt, in der Förtsch am frühen Nachmittag eine zweite Führung anbietet. „Denn hier gibt es einen doppelten Verlust zu verzeichnen“, erklärt er den rund 20 Teilnehmern. Es gebe keine jüdische Gemeinde mehr, seit die Menschen zur Nazizeit nach Theresienstadt deportiert worden seien. Und dann gebe es wegen der Zerstörung Crailsheims im Zweiten Weltkrieg auch die Orte nicht mehr, die an die jüdische Gemeinde erinnerten.
Dafür gibt es etwas anderes: die Stolpersteine. Einer liegt eher unscheinbar direkt vor dem Rathauseingang auf dem Marktplatz. „Sie sollen an die Menschen erinnern, die deportiert wurden, genau an der Stelle, an der sie damals wohnten“, erklärt der Stadtarchivar. Er gibt auf der rund anderthalbstündigen Führung durch die Stadt und 500 Jahre jüdische Geschichte so manchen Denkanstoß, zum Beispiel an der Liebfrauenkapelle, die eventuell deshalb von den Crailsheimer als Sühne errichtet wurde, weil sie 1348 bei den Pestpogromen die jüdische Gemeinde ausgelöscht hatten.
Ilse Lehmann verfolgt die Führungen aufmerksam. „Weil mich Geschichte einfach interessiert“, erklärt sie. Dabei habe sie auch so manches Neues erfahren. „Beispielsweise über die Symbole auf den Grabsteinen“, meint sie.

Warten in Michelbach

Während die Gruppe weiter durch die Crailsheimer Straßen und Gassen zieht, heißt es in Michelbach an der Lücke warten. Die Synagoge ist zum Aktionstag geöffnet – und das Interesse ist groß. So groß, dass Besuchergruppen nur nacheinander hinein dürfen. „Wegen Corona dürfen sich maximal fünf Menschen gleichzeitig darin aufhalten“, erklärt Josef Hartl, der die Gäste zusammen mit anderen Freiwilligen informiert. „Es ist schon seit der Öffnung um 14 Uhr etwas los hier“, berichtet er – und freut sich an dem Interesse am Gebäude, der Einrichtung, der Geschichte und dem jüdischen Glauben.