Crailsheim Crailsheimer Amokalarm: Stundenlanges Bangen

Crailsheim / Andreas Harthan 20.03.2018
Amokalarm an der Gewerblichen Schule in Crailsheim löst Großeinsatz aus. Viele Hundert Schüler müssen stundenlang in ihren Klassenzimmern ausharren.

Polizei, überall Polizei. In der Blaufelder Straße, in der Beuerlbacher Straße, in zwei Hubschraubern über dem Berufsschulzentrum. Dazu auf dem Volksfestplatz eine Armada von Einsatzfahrzeugen mehrerer Rettungsdienstorganisationen und ein Rettungshubschrauber. Ausgelöst hat all das ein Amokalarm, der gegen 10 Uhr an der Gewerblichen Schule abgesetzt worden ist. Dort haben zwei Schüler einer Lehrerin berichtet, dass sie am Rand des Schulgeländes zwei verdächtige Männer gesehen hätten. Der eine habe dem anderen eine Waffe gezeigt. Die Lehrerin verständigt den Schulleiter, und der setzt sofort einen Notruf ab.

Minuten später sind die ersten Streifenwagen vor Ort. Die Polizisten legen ihre spezielle Schutzkleidung an und nähern sich dem Gebäude – seit dem Amoklauf von Winnenden ist jeder Streifenwagen mit einem Amokset ausgerüstet, das es den Polizisten erlaubt, sofort zu handeln. Unterdessen sind Spezialkräfte der Polizei schon in Richtung Crailsheim unterwegs – in Hubschraubern und Autos. Nach und nach treffen Polizeifahrzeuge aus dem ganzen Land in der Blaufelder Straße ein, diejenigen mit den getönten Scheiben werden gleich nach vorne gelotst. In ihnen sitzen schwer bewaffnete Polizisten, die schon fast wie Soldaten ausgestattet sind.

Nach dem Amokalarm schließen sich Hunderte von Schülern in der Gewerblichen Schule, in der Kaufmännischen Schule und in der Eugen-Grimminger-Schule in ihren Klassenzimmern ein. Doch nicht nur in den Schulen des Landkreises herrscht Ausnahmezustand. Auch die benachbarte Realschule am Karlsberg, das Albert-Schweitzer-Gymnasium und sogar die Leonhard-­Sachs-Schule werden verriegelt.

Fakenews im Internet

Im Internet überschlagen sich die ­Falschmeldungen. Dort ist von Schüssen und Toten die Rede. Doch nichts davon ist wahr. Schnell zieht die Polizei eine Meldung zurück, dass auf dem Dach der Schule eine verdächtige Person gesehen worden sei. Die Spezialkräfte der Polizei durchkämmen das Gelände des Schulzentrums, durchsuchen das Gebäude der Gewerblichen Schule, finden aber keinerlei Hinweise auf verdächtige Personen. Unterdessen bestätigt der Landkreis, dass Bauarbeiten auf dem Schulgelände stattfinden. Während der Durchsuchung überprüfen die Polizisten zwei Handwerker, die sich kurzfristig auf dem Schuldach aufgehalten hatten. Hatten die beiden Schüler sie gesehen und als verdächtig wahrgenommen? Diese Möglichkeit schließt die Polizei am späten Nachmittag aus. Zudem ergibt die Vernehmung der beiden Schüler, dass nur einer eine verdächtige Beobachtung gemacht hat.

Am Mittag heißt es „Entwarnung“

Gegen 13 Uhr beendet die Polizei die Durchsuchung – ergebnislos. Die bislang eingeschlossenen Schüler – insgesamt sind es an fünf Schulen mehr als 2000 – dürfen die Gebäude verlassen. Auf den Straßen spielen sich erschütternde Szenen ab, weinende Eltern nehmen weinende Kinder in Empfang. Während des Polizeieinsatzes mussten Rettungskräfte eine Schülerin, die kollabiert war, aus dem Gebäude holen.

Am Abend betont das Polizeipräsidium Aalen in einer Pressemitteilung, dass „zu keinem Zeitpunkt“ eine konkrete Gefahr für Schüler bestanden habe. Wie ernst die Situation zuvor eingestuft worden war, zeigt auch die Tatsache, dass sich Rettungskräfte in der Hakro-Arena auf die Behandlung von Verletzten einrichteten, und in den Landkreisen Heilbronn und Ansbach weitere Rettungskräfte an der A 6 zusammengezogen worden waren.