Crailsheim Tödlicher Unfall: Strafe zur Bewährung ausgesetzt

Bei dem Unfall am 1. Mai 2017 bei Crailsheim wurde der Beifahrer tödlich verletzt.
Bei dem Unfall am 1. Mai 2017 bei Crailsheim wurde der Beifahrer tödlich verletzt. © Foto: Archiv
Crailsheim / Birgit Trinkle 17.07.2018
Der Mann, der bei einem von einem Betrunkenen verursachten Verkehrsunfall gestorben ist, war kein Unbeteiligter. Das gibt bei der Urteilsfindung im Crailsheimer Amtsgericht den Ausschlag.

Der Angeklagte steht auf und bittet um Entschuldigung. Die Autofahrerin, der er am 1. Mai letzten Jahres auf ihrer Fahrbahnseite entgegengekommen ist – stockbetrunken und ohne Führerschein – nimmt sie an. Sie sei einfach nur froh, dass bei der Kollision der beiden Fahrzeuge nicht mehr passiert ist: „Wir hatten großes Glück“, sagt sie vor dem Amtsgericht Crailsheim. Glück ist relativ. Die 55-Jährige aus Fichtenau hat seit dem Unfall bei Crailsheim größere Rückenprobleme als zuvor, ihre Tochter war grün und blau geprellt, ihre Enkelinnen ebenfalls ziemlich mitgenommen; die vor Bauchschmerzen schreiende Kleine wurde mit Verdacht auf Milzriss in die Intensivstation gebracht. Aber im anderen Auto ist der Beifahrer gestorben, und beim Blick auf die beiden Fahrzeugwracks wird vor Gericht  von „Wunder“ gesprochen. Sie hätten alle tot sein können.

Der, der tot ist, trägt nach Ansicht der Richterin Ute Herrmann „weitgehend Mitverantwortung“, war Veranlasser der Trunkenheitsfahrt. Wäre ein Unbeteiligter gestorben, die Haftstrafe für den Angeklagten hätte wohl kaum zur Bewährung ausgesetzt werden können. Der Anwalt des Angeklagten Karol M. (Name geändert) bescheinigt seinem Mandanten, „intellektuell eingeschränkt“ zu sein, und er sagt das, um ihm zu helfen. Auch Richterin Herrmann spricht vom „schlichten Gemüt“, als sie die Faktoren aufzählt, die Karol M. entlasten. Die Schuld aber bleibe.

2,1 Promille im Blut

Der auf eine Dolmetscherin angewiesene Wahl-Crailsheimer – 1977 in Polen geboren – sagt, er sei gelernter Dreher; in Polen habe er einen Führerschein gehabt, der ihm wegen Alkohol am Steuer aber abgenommen worden sei. In Deutschland hat er immer gearbeitet, im Schlachthof oder bei der Müllabfuhr. Es gab einmal eine Strafsache, wegen einer kleinen Menge Betäubungsmittel, ansonsten ist er nie aufgefallen. Ein Alkoholproblem hat er nicht, sagt er. Hat er wohl, sagt die Richterin, die später Suchtberatung zu einer Bewährungsauflage macht: Wer keinen oder kaum Alkohol trinke, könne mit 2,1 Promille noch nicht mal die Tür öffnen.

Er wollte nicht fahren

Ein Alkoholanteil von 2,1 Promille im Blut wird aber nach dem Unfall im Krankenhaus festgestellt. Karol M. sagt, er habe am Morgen des 1. Mai nicht getrunken. Am Abend zuvor aber bei einem Maifest-Grillen so heftig, dass er heimgebracht werden musste. Seit geraumer Zeit hatte er da bereits einen Mitbewohner, einen nach jahrelanger Haft aus dem Strafvollzug entlassenen Mann, der von Bekannten auf die Straße gesetzt worden war und dann bei Karol M. unterkam – einem, der nicht Nein sagen konnte. Eine gemeinsame Bekannte aus Kindertagen in Polen hatte den Kontakt hergestellt. Nach der unfreiwilligen Enthaltsamkeit wollte der Mitbewohner, Dominik L., so ist den Aussagen zu entnehmen, wohl nachholen, was ihm gefehlt hatte: Es gab heftige Gelage. Am Morgen des 1. Mai hat er dann Karol M. geweckt und auf eine Versorgungsfahrt zur Tankstelle bestanden. Karol M. hatte Zugriff auf ein Auto seines Bruders – dass er dieses Auto schon früher gefahren hat, ist zu vermuten, konnte aber vor Gericht nicht einwandfrei  festgestellt werden. An diesem Morgen hat er es benutzt. „Aus falsch verstandener Freundschaft oder zur Vermeidung des Alleinseins“, vermutete die Richterin. Nach der Tankstelle wurde eine Freundin besucht. Dort bat er darum, heimgefahren zu werden: Ihm gehe es nicht gut. Er ist dann doch selbst gefahren und zwischen Crailsheim und Bergbronn in einer Rechtskurve bei Wittau auf die Gegenfahrbahn geraten.

Feuerwehrmann hilft

Die Fahrerin des entgegenkommenden Skoda sah rechts  eine Böschung und Bäume, vor sich ein Auto, dessen Fahrer zunächst keine Anstalten machte, irgendwie zu reagieren, und so zog sie ihren Wagen kurzerhand nach links. Der Verkehrssachverständige Siegmar Queck führte vor Gericht aus, dass sie ihr Fahrzeug auf etwa 47 Stundenkilometer herunterbremste, der Angeklagte aber „offenbar nicht gebremst, nicht auf die Gefährdungssituation reagiert“ habe. Mit massiver Wucht sind die Fahrzeuge im jeweiligen Beifahrerbereich kollidiert. Ob der Beifahrer im Verursacherfahrzeug angeschnallt war, wurde ausgiebig diskutiert, Fakt ist, dass das rauchende Auto jeden Moment in Flammen aufgehen konnte. Unter den Ersten am Unfallort war ein Feuerwehrmann aus Westgartshausen, der schulbuchmäßig reagierte, beide Männer aus dem völlig deformierten Auto zog und in Sicherheit brachte, bevor es in hellen Flammen stand. Dominik L., 38 Jahre alt, starb am Nachmittag an den Folgen eines Schädel-­Hirn-Traumas.

Staatsanwältin dagegen

Fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung in Verbindung mit den anderen Verstößen: Staatsanwältin Sandra Kurz hielt es „zur Verteidigung der Rechtsordnung“ geboten, eine in jedem Fall zu verhängende Freiheitsstrafe nicht zur Bewährung auszusetzen. Rechtsanwalt Günter Hofmann erinnerte daran, dass „auch Streitigkeiten in der Familie anders bewertet werden als die zwischen Fremden“; die beiden Männer seien als Schicksalsgemeinschaft zu sehen und Dominik L. sei kein Unbeteiligter gewesen. Dem schloss sich Richterin Herrmann an.

Die Haftstrafe von einem Jahr und sechs Monaten wird auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt; Karol M. zahlt 3000 Euro an den Förderverein der psychologischen Beratungsstelle der Diakonie, hat eine zweijährige Führerscheinsperre und muss sein Alkoholproblem angehen. Alle Beteiligten haben das Urteil akzeptiert.

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