Gschwend Spannungen zwischen den "beiden Säulen" Edna Brocke referiert über die jüdische Tora

Gschwend / RALF SNURAWA 25.11.2014
Die Judaistin und Politikwissenschaftlerin Dr. Edna Brocke hat im Gschwender Bilderhaus über die jüdische Tora gesprochen. Sie analysierte die Lage Israels unter destruktivisch-kritischen Gesichtspunkten.

Eine Stimmung der schieren Verzweiflung herrsche seit September in Israel, bemerkte die Judaistin Dr. Edna Brocke am Ende des Abends im Bilderhaus, bei dem es in der Weltreligionenreihe über die "heiligen Schriften" im Wesentlichen um die Tora ging.

Und die Politikwissenschaftlerin und Judaistin, die sich im Bereich des jüdisch-christlichen Dialogs besonders engagiert hat, ging, nach ihrem Vortrag in der Diskussionsrunde darauf angesprochen, noch weiter in ihrer destruktiv anmutenden Analyse über das heutige Israel. Viele Familien seien in letzter Zeit angesichts der bedrohlichen Lage ausgewandert.

Bei dem Hass, der einem entgegenschlage, glaube sie, dass die Zeit der Existenz des israelischen Staates begrenzt sei. Sie gehe auch von einem Dogma der Muslime aus, dass Land, das sich schon einmal in muslimischer Hand befunden habe, nicht in andere Hände fallen dürfe. Sie vermisse bei allem Fokussieren der Medien auf den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern Aufmerksamkeit für den inner-israelischen Dialog. Da hätte man den so genannten arabischen Frühling eher als "arabische Eiszeit" definiert. Man frage sich, warum die anderen arabischen Staaten nicht dazu aufgefordert würden, die Palästinenser aufzunehmen - und warum man nicht die gegen die arabischen Muslime gerichtete Achse zwischen der Türkei und dem Iran sehen wolle. Darüber hinaus sei die Existenz von ISIS in Israel schon viel früher bekannt gewesen als in den USA oder in Europa. Angesichts dessen, was die in Jerusalem geborene Großnichte von Hannah Arendt zuvor an diesem Abend im Gschwender Bilderhaus über die Tora und das Judentum referierte, stimmten diese Aussagen nicht hoffnungsvoll, was eine Lösung des Nahostkonflikts betrifft. Denn Edna Brocke betonte die "binomische Existenzgrundlage" der Juden: Von Geburt an seien sie sowohl Angehörige der jüdischen Glaubensgemeinschaft als auch Mitglied des jüdischen Volkes.

Am Ende der jüdischen Bibel stehe im Gegensatz zu den christlichen Fassungen das Hinaufziehen nach Jerusalem, nach Zion. Die Tora sei der "Gründungsmythos unserer jüdischen Identität". Allerdings relativierte Brocke die Aussagen der Tora auch wieder etwas. Für Juden sei es an erster Stelle ihr Geschichtsbuch, an zweiter Stelle ein Geografiebuch und erst an dritter Stelle ein Glaubensbuch. Und für orthodoxe Juden sei es auch die Verfassung, in der Ge- und Verbote niedergeschrieben sind.

Darüber hinaus habe es im 19. Jahrhundert auch die jüdische Aufklärung, die "Haskala", gegeben, also die Trennung von Staat und Religion. Diese Reformbewegung habe zu Spannungen geführt zwischen "den beiden Säulen, in die man hineingeboren wird".

Das reiche heute politisch von linken, sozialistischen Ansichten bis hin zu konservativen oder gar orthodoxen. Die Frage sei schließlich: "Was bedeutet das alles für morgen und übermorgen?" Und wie definiere man heute die jüdische Identität? Denn irgendwie seien sich alle einig, dass sie Juden seien. Ein Fokussieren auf die innerjüdischen Diskussionen wünschte sich Brocke am Ende ihres Vortrags.

Sie beklagte in der anschließenden Diskussion eine fehlende Weiterführung der so genannten mündlichen Tora, die im Grunde mit ihren Auslegungen - auch Auslegungen von Auslegungen - durch Rabbiner auch eine Weiterführung der schriftlichen Tora darstelle. Mit dem Ende des 18. Jahrhunderts sei sie aber eingestellt worden.