Wenn es mehr Sänger gäbe, dann wäre die Welt eine bessere. Davon ist Walter Pfohl überzeugt. Er referierte vor Hebammen aus dem ganzen Landkreis zum Thema "Singen mit Babys". Wer mit seinem Baby singt, der stärkt es, fördert es, unterstützt seine Entwicklung und Gesundheit und gibt ihm schlicht das Rüstzeug, mit dem es gut durchs Leben kommt.

So einfach ist das. Und doch sind es Hiobsbotschaften, die Walter Pfohl von der Stiftung "Singen mit Kindern" den Hebammen aus dem Landkreis verkündet. "Mütter singen nicht mehr", sagt er. Neuere Untersuchungen hätten gezeigt, dass nur mit wenigen Babys und mit noch wenigeren Kindern regelmäßig gesungen wird. "In Südkorea hingegen bekommen über 90 Prozent der Kinder täglich ein Lied." Dabei "wissen wir heute, dass Singen konkrete Wirkungen hat", sagt Pfohl in seinem bei aller Brisanz unterhaltsamen Vortrag, den der Kreishebammenverband gemeinsam mit der Crailsheimer Familienbildungsstätte organisiert hat.

Hier sind die neuesten Forschungsergebnisse.

Erstens: Kinder, vor allem in Städten, bekommen immer leisere Stimmen. Oder anders ausgedrückt: Wenn sie schreien sollen, können sie das nicht mehr so laut wie noch vor ein paar Jahren: "Denn jedes Mal, wenn das Kind in der Dreizimmerwohnung seine Stimme ausprobieren will, hört es Psst."

Zweitens: Die Tonhaltedauer der Kinder wird von Jahr zu Jahr signifikant geringer. "Der Atem reicht ihnen einfach nicht mehr aus." Dabei hätten die Kinder ein Recht darauf, ihre Stimme zu entwickeln - ihre Stimme abzugeben, wie es später beim Wählen heißen wird. Deshalb müsse das Singen und damit die Stimme gefördert werden - wie vieles andere auch.

Drittens: Die Tonfarbe lässt nach. Will heißen: Die Stimmen der Babys und Kinder werden immer eintöniger. Dies ist vielleicht der weitreichendste Effekt des Nicht-Singens, denn "es kommt ja oft nicht darauf an, was gesagt wird, sondern wie es gesagt wird". Diese emotionale Ebene der Sprache liege brach, wenn Kinder eintönig sprechen. Gleichzeitig, und davon abhängig, können Kinder immer schlechter ihre Emotionen mit der Stimme ausdrücken und sie entsprechend beim Gegenüber erkennen, meint Walter Pfohl. Dadurch nehme körperliche Gewalt zu. Der Zusammenhang liege auf der Hand: "Wenn die Kinder sich im Sandkasten nicht mit Wort und Stimme klarmachen können, wo die Grenzen liegen, hauen sie halt drauf."

Viertens: Das melodische Bewusstsein muss sich entwickeln - und das passiert beim Singen. Das bedeutet: Babys müssen erst noch lernen, dass aus Tönen Melodien und Zusammenhänge entstehen. "Deshalb ist Musik für viele junge Leute langweilig. Sie können mit einer Melodie, also mit dem Kern der Musik, einfach nichts mehr anfangen. Damit steht ihnen aber auch ein wichtiges Kapitel unserer Kulturgeschichte nicht mehr zur Verfügung."

"Jetzt könnte man glauben, man müsse die Babys nur eine schöne CD hören lassen und alles ist gut", meint Walter Pfohl. Doch das sei beileibe nicht so. "Das Baby will die Stimme seiner Mutter hören, das haben Versuche ergeben." Und wenn die Mutter meint, sie könne nicht singen, ist dem Baby das egal. Für das Kind singt die Mutter am besten. Und am schönsten. Und am richtigsten. "Sie können singen, was Sie wollen. Das Ohr eines Kindes kann man nicht verderben."

Doch warum singen wir nicht mehr? Ist es gar ein deutsches Problem? Vielleicht, meint Walter Pfohl, denn ein Kind müsse nur malen - und "sei das Bild auch noch so tollpatschig, das Kind wird gelobt". Beim Singen oder Laut-Geben sei das nicht der Fall, eher im Gegenteil. Da wird ein Kind schnell mal zur Ruhe gemahnt.

Auch das gute Beispiel fehlt, denn kaum einer singt heute noch im Alltag. Bedauerlicherweise, denn Singen sei gesund, sagt Walter Pfohl. Nur 20 Minuten am Tag genügen und das Immunsystem ist signifikant gestärkt.

Für Kinder ist die Entwicklung dramatisch, und um sie abzuwenden oder aufzuhalten, bringt die Stiftung "Singen mit Kindern" nun die Hebammen ins Spiel. Sie sollen zu Musikvermittlern der ersten Lebensstunde werden. Bei ihren Wochenbettbesuchen sollen sie mit den Müttern und Babys singen. Kleine Liedchen beim Wickeln zum Beispiel oder beim Wiegen auf dem Arm. "Und wenn die Mütter nicht singen wollen, sollen sie die Liedtexte rhythmisch mitsprechen. Das ist besser als gar nichts."

"Bindungsförderung fängt schon im Wochenbett an"

Jede singende Hebamme bekommt von der Stiftung Liederbücher an die Hand, die sie den Müttern dalassen kann. "Da sieht man mal, wie wichtig und vielseitig die Arbeit der Hebammen ist", sagt Susanne Otter, Kreisvorsitzende der Hebammen: "Bindungsförderung fängt schon im Wochenbett an." 200 singende Hebammen, die mit den Müttern konsequent singen, gibt es in Baden-Württemberg mittlerweile, berichtet Walter Pfohl. Seit seinem Vortrag in Crailsheim sind es ein gutes Dutzend mehr.

Zur Person: Dr. Walter Pfohl, geboren 1943, ist gelernter Physiker und Musiker, arbeitete beim Südwestrundfunk und als Lehrer und war dann lange Jahre Landesmusikreferent im Kultusministerium in Stuttgart.

Tipps und Hilfen: Wie das Singen mit Kindern gezielt gefördert werden kann

Was jeder tun kann:

  • Bei Familienfesten singen.
  • In der Familie gezielt saisonale Feste zum Singen nutzen.
  • Kinderliederbücher anschaffen oder verschenken.
  • Junge Eltern von der Bedeutung des Singens überzeugen.
  • Kinderreime, Kinderspiele, das Vorlesen und das Geschichtenerzählen aktivieren. Das Singen und das Miteinander-Sprechen verbinden.
  • Mit dem Baby, mit den Kindern, in der Krabbelgruppe, im Liedergarten und in der Zwergenmusikgruppe singen und musizieren.
  • Mit den Kindern - Jungen wie Mädchen - beim Spazierengehen, beim Ausflug, im Auto usw. nach Herzenslust singen.
  • Im Kindergarten und in der Schule darauf bestehen, dass am besten täglich gesungen wird.


(Quelle: Stiftung "Singen mit Kindern")

UTS