Die Gefahr, dass Menschen im Schatten der von ihnen geschaffenen oder/und verkörperten Kunstfiguren verschwinden, ist immer da. Nur ein Beispiel: Immer wieder berichten Schauspieler, die Kommissare im „Tatort“ spielen, dass sie auf der Straße als Polizisten angesprochen werden. Mit der „Doudi vu Träschbi“ gibt es auch in Hohenlohe eine Kunstfigur, die fast jeder kennt. Auch wenn sie vor Jahren in Rente gegangen ist, wird Ulrike Durspekt-Weiler, die diese Figur erfunden und über Jahrzehnte hinweg gespielt hat, bis heute mit „Doudi“ angesprochen.

Hat sie damit ein Problem? „Nein, überhaupt nicht“, berichtet die Crailsheimerin, die heute ihren 80. Geburtstag feiert, und der in vier Wochen das Ehrenbürgerrecht verliehen wird. Geehrt wird nicht die „Doudi“, sondern eine Bürgerin, die ihrer Heimatstadt viel Gutes getan hat. Sie, die mit „Haut und Haar“ Crailsheimerin ist, hat sich über Jahrzehnte hinweg mit außerordentlichem Engagement für „ihre“ Stadt eingesetzt. Sie war in den 1970er-Jahren Stadträtin, sie hat die städtische Musikschule mitgegründet und war deren stellvertretende Leiterin, sie hat den Historischen Verein mit aus der Taufe gehoben, sie war in der Theater- und Konzertgemeinde aktiv, und auch im Stadthallen-Förderverein. Sie war eine der treibenden Kräfte in der Stadtturmstiftung und lange Zeit Oberhaupt der Fränkischen Familie.

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Oma, aber keine „Doudi“

Wer meint, es gebe Ähnlichkeiten zwischen der Bauersfrau, die als „Doudi“ viele Veranstaltungen geprägt hat, und Ulrike Durspekt-Weiler, der irrt. Zwar mag die Jubilarin die „Doudi“ sehr, weil die auf ihre ganz eigene Art kritische Anmerkungen machen kann, ohne dass es die Leute ihr übel nehmen, aber im richtigen Leben ist Durspekt-Weiler zwar eine Oma wie aus dem Bilderbuch, aber keine „Doudi“.

Ulrike Durspekt-Weilers Leben ist von der Musik geprägt – wie das ihres unvergessenen Vaters Adolf Weiler. Seine große Gabe, jungen Menschen die Musik nahezubringen, hat sie geerbt. Also wurde sie Musiklehrerin – und ist es bis heute. Um an der Musikhochschule in Stuttgart studieren zu können, hat sie große Opfer gebracht. Wegen ihres großen Talents wurde sie in die sogenannte Vorschule eingeladen, durfte schon als Jugendliche einmal in der Woche in die Landeshauptstadt fahren. Von 1957 bis 1961 studierte sie dann an der Musikhochschule, musste täglich von Crailsheim nach Stuttgart reisen – und zurück. Um das Studium finanzieren zu können, gab die Studentin, deren großer Wunsch es war, Musiklehrerin zu werden, Klavierunterricht in Gerabronn.Auch dorthin fuhr sie mit dem Zug, und auch auf diesen Fahrten schlief sie das eine oder andere Mal ein. „Aber die Schaffner kannten mich“, erzählt sie, „die haben mich dann immer rechtzeitig geweckt“.

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Keine Zeit zum Träumen

Die Weilers sind eine überaus musische Familie. Der Vater Musiklehrer, die Tochter Ulrike eine ausgewiesen gute Pianistin, die Tochter Eva eine erfolgreiche Komponistin und profilierte Malerin. Hat sie nie von einer Karriere als Konzertpianistin geträumt? Nein, sagt Ulrike Durspekt-Weiler, „die Zeiten damals waren nicht zum Träumen“. Sie musste nach ihrer verwitweten Mutter schauen, musste den gebraucht gekauften Steinway-Flügel abstottern. Sie fand ihre Erfüllung darin, jungen Menschen das Klavierspielen beizubringen. Mehr als eine Handvoll von ihnen haben später Musik studiert. Oft war sie auch Zweit- und Beichtmutter, von ihrer Herzlichkeit profitierten viele. Sie wäre auch eine gute Pädagogin geworden, aber Schuldienst war ihre Sache nicht. Letztendlich hat sie beide Talente zum Wohle ihrer Heimatstadt eingesetzt: als Privatmusiklehrerin und als Pädagogin an der Musikschule.

Das Wohl der Stadt: Das ist für sie nichts Altmodisches, Überholtes. Ganz im Gegenteil: Darum müsse man sich ständig bemühen, das sei Aufgabe aller Bürgerinnen und Bürger. Dass sie dieses Engagement in ganz besonderer Weise bis heute lebt, dass sie, wie es Landrat Gerhard Bauer unlängst schrieb, eine „großartige Repräsentantin der Stadt“ ist, das will sie gar nicht so recht hören.

Höchste Auszeichnung

Aber freuen tut sie sich schon auch, räumt sie dann doch ein. Darüber, dass die Stadt, der sie so viel gegeben hat, auch ihr etwas schenkt. Zuerst den goldenen Horaff und jetzt die Ehrenbürgerwürde. Die höchste Auszeichnung der Stadt. Die erst acht Mal vergeben wurde. Ulrike Durspekt-Weiler, die heute bei guter Gesundheit ihren 80. Geburtstag im Kreise der Kinder, Enkelkinder und Freunde feiern kann, ist die zweite Frau, die diese Ehrung erhält. Und sie ist die erste in Crailsheim geborene Person, der die Ehrenbürgerwürde der Stadt zugesprochen wird.

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