Gesundheit Sich und anderen helfen

Kaum etwas essen, ständig trinken: Dieses Verhalten ist typisch für Magersüchtige, die sich auch dann noch zu dick finden, wenn sie schon ganz dünn geworden sind. Häufig sind Mädchen und junge Frauen betroffen.
Kaum etwas essen, ständig trinken: Dieses Verhalten ist typisch für Magersüchtige, die sich auch dann noch zu dick finden, wenn sie schon ganz dünn geworden sind. Häufig sind Mädchen und junge Frauen betroffen. © Foto: Amac Garbe
Crailsheim / Christine Hofmann 09.02.2019

Es hilft ungemein, mit Menschen zu sprechen, die verstehen, wovon man redet, weil sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben“, sagt Stephanie Uhl. Es ist die Erfahrung einer Essstörung, an der die heute 39-Jährige als Jugendliche erkrankte, die sie mit anderen Betroffenen teilen möchte. Sie weiß um den Wert solcher Gespräche: Über die Krankheit zu reden, war ein wichtiger Baustein in ihrem eigenen, zwölfjährigen Heilungsprozess.

Aus diesem Grund lädt Stephanie Uhl Mädchen ab 16 Jahren und Frauen allen Alters, die unter Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie leiden oder litten, samstagsvormittags zu einer Gesprächsrunde in geschützter Atmosphäre in die Räume der Jugend-Sucht-Beratungsstelle des Landkreises in Crailsheim ein. Die AOK Gesundheitskasse in Crailsheim unterstützt die Selbsthilfegruppe beim Druck eines Flyers.

Reaktivierung der Gruppe

Obwohl das Angebot am 16. Februar erstmals stattfindet, ist es nicht neu. „Genau genommen handelt es sich um die Reaktivierung der Gruppe“, berichtet Stephanie Uhl, die im Landkreis Schwäbisch Hall aufgewachsen ist. Sie hat bereits 2008 eine Selbsthilfegruppe für Frauen mit Essstörungen in Crailsheim geleitet. Als sie zwei Jahre später wegzog, löste sich die Gruppe jedoch auf.

Jetzt ist Uhl – nach Stationen in Köln, Hohenlohe und Stuttgart – wieder zurück in den Landkreis gezogen. „Ich freue mich darauf, die Gruppe wieder ins Leben zu rufen“, sagt Uhl, die als Tanzpä­dagogin arbeitet und ein Psychologiestudium begonnen hat.

Beim ersten Mal gründete Stephanie Uhl die Gruppe, weil sie nach ihren stationären und ambulanten Therapien keine Nachsorgeangebote in der Region finden konnte. „Ich habe damals für mich und meine Selbstheilung die Initiative ergriffen“, sagt die 39-Jährige. „Und natürlich auch für andere Betroffene.“ Die Erfahrungen des Austauschs und der gegenseitigen Unterstützung haben ihr Kraft und Halt gegeben. „Ich war früher ganz allein mit der Krankheit. Das war nicht gut“, sagt sie.

Selbsthilfe zu fördern, gehört zum Aufgabenbereich der Jugend-­Sucht-Beratung. „Das Wertvollste an diesen Gruppen ist die Begegnung auf Augenhöhe“, betont der kommunale Suchtbeauftragte des Landkreises, Herbert Obermann. „Die eigenen Erfahrungen kann kein Fachmann teilen, sondern nur ein Mensch, der die gleichen oder ähnliche Erfahrungen gemacht hat.“ Wichtig sei auch der niederschwellige Zugang zu Selbsthilfegruppen. Manchen falle es leichter, zunächst in eine Gruppe zu gehen, als in die Beratung zu kommen oder einen Arzt aufzusuchen.

Stephanie Uhl ist überzeugt, dass das Thema Essstörungen in der Öffentlichkeit nicht die Aufmerksamkeit bekomme, die es benötige. „Die Erkrankung beginnt in jungen Jahren. Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft und besonders Erzieher und Lehrer hier aufmerksamer werden und helfen“, sagt sie.

Info Die Selbsthilfegruppe Essstörungen findet von Samstag, 16. Februar, an jeden Samstag von 10.30 Uhr bis 12 Uhr in den Räumen der Jugend-Sucht-Beratungsstelle des Landkreises in der Schillerstraße 8 in Crailsheim statt. Anmeldung unter Telefon 01 76 / 30 10 34 41. Freitags gibt es von 18 bis 19 Uhr eine Telefonsprechstunde bei Stephanie Uhl.

Vor allem Mädchen und Frauen sind betroffen

Magersucht (Anorexie) ist ein selbst herbeigeführter radikaler Gewichtsverlust mit schwerwiegenden Auswirkungen auf die körperliche und seelische Gesundheit. Es sind zehnmal mehr Frauen betroffen als Männer. Die Erkrankung beginnt häufig in der Pubertät. Am Anfang steht ein zunächst harmlos wirkendes Diätverhalten.

Die Anerkennung für die Gewichtsabnahme wirkt als Verstärker. Die jungen Mädchen haben das Gefühl, ihr Leben wieder unter Kontrolle zu haben. Selbst nach Erreichen eines bedrohlichen Untergewichts haben Betroffene große Angst, dick zu sein.

Durch ein streng limitiertes Essverhalten, durch Erbrechen, exzessive sportliche Aktivitäten oder die Anwendung von Medikamenten versuchen Magersüchtige, ihr Gewicht immer weiter zu reduzieren.

Die Behandlung erfolgt stationär, tagesklinisch oder ambulant. Die Dauer der Erkrankung erstreckt sich oft über mehrere Jahre.

Bulimie ist eine Sonderform der übertriebenen Beschäftigung mit der Kontrolle des Körpergewichts. Auf immer wiederkehrende Essanfälle folgt selbst induziertes Erbrechen. Die psychischen Merkmale ähneln denen der Ano­rexie. Das häufige Erbrechen kann zu Elektrolytstörungen und körperlichen Komplikationen führen.

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