Seufzendes Schweifen

In Kirchberg war das Trio zum Duo geschrumpft, weil Gitarrist und Shamisen-Spieler Hideaki Tsuji seiner Verpflichtung als Dozent am Straßburger Konservatorium nachkommen musste. Stattdessen boten Tabla-Spieler Parthasarathi Mukherjee und Sarod-Spieler Abhisek Lahiri (rechts) klassische indische Musik.
In Kirchberg war das Trio zum Duo geschrumpft, weil Gitarrist und Shamisen-Spieler Hideaki Tsuji seiner Verpflichtung als Dozent am Straßburger Konservatorium nachkommen musste. Stattdessen boten Tabla-Spieler Parthasarathi Mukherjee und Sarod-Spieler Abhisek Lahiri (rechts) klassische indische Musik. © Foto: Snurawa
RALF SNURAWA 12.11.2014

Um was es bei klassischer indischer Musik geht, konnten Workshop- und Konzertbesucher in der Kirchberger "fabrik" vom Sarod-Spieler Abhisek Lahiri und dem Tabla-Spieler Parthasarathi Mukherjee erfahren.

Tags zuvor waren die beiden Musiker schon zu hören: allerdings weniger mit klassischer indischer Musik denn mit Weltmusik aus stark indischer Sicht: im Vortragssaal der Haller Akademie der Künste zusammen mit dem Japaner Hideaki Tsuji, der in Straßburg am Konservatorium Gitarre unterrichtet, aber auch Shamisen spielt. Dorthin hatte das als Trio "Ionah" auftretende Ensemble schon zum zweiten Mal Dozent Rolf Nikel gelockt, der Lahiri seit einem Kalkutta-Aufenthalt vor 13 Jahren kennt.

Durchaus typische Momente des Raga-Spiels wie das der Wiederholung etwa zu Alok Lahiris "Music of Joy" konnten die Konzertbesucher in der Akademie ebenso vernehmen wie komplexe, aber schön fließend erscheinende indische Rhythmik, die eine Komposition wie "Aelwynn" bestimmte. Auch Stücke des japanischen Gitarristen wie "Lliane" waren zu hören oder das von Flamenco-Rhythmen bestimmte "Duende", das ebenso wie "Vrindabani Sarang" das Publikum in Schwäbisch Hall begeisterte.

Die Kirchberger Konzertbesucher mussten auf Hideaki Tsuji verzichten. Seine Dozententätigkeit verhinderte, das hervorragend ineinandergreifende Wechselspiel zwischen seiner Gitarre und der Sarod Lahiris erleben zu können. Stattdessen konzentrierte sich das zum Duo geschrumpfte Ensemble auf klassische Abend-Ragas.

"Chayanat" nannte sich der erste mit einem besonders ausführlichen Sarod-Solo in der langsamen Einleitung. Nach schweifendem, durch Verschleifungen und Verzierungen gekennzeichnetem Beginn steigerte Lahiri sein Solo durch spannungsreiche rhythmische Verkleinerungen der Notenwerte, was den Eindruck des Beschleunigens hervorbrachte. Die eigentlichen Temposteigerungen folgten aber erst nach diesem Alap genannten Teil, der fast wie ein Raga im Raga wirkte, mit dem Hinzutreten des Tabla-Spiels. So gelang den beiden Musikern eine wunderbar weit gespannte Steigerung bis in die ekstatisch virtuosen und packenden Schlusspassagen hinein. Die waren zudem durch schnelle Wechsel zwischen Tabla- und Sarod-Spiel gekennzeichnet.

Nach diesem von Abhisek Lahiri als "freudig" bezeichneten Raga folgte nach der Pause "Kirawani", ein Raga für den späteren Abend und deshalb "tiefgründiger und ernst". Lahiri gestaltete den Anfang durch sanfte Seufzer. Im schnellen Gat-Teil wurde das Tempo mehrfach gesteigert. Rasante Skalenbewegungen und schnelle Tonwiederholungen machten diesen Raga-Teil ebenso aus wie die deutlich hervorgehobenen Improvisationswechsel zwischen Tabla und Sarod.

Das begeisterte das Publikum ebenso wie zuvor die Workshop-Gäste, denen die beiden Musiker ihre Musik näherbrachten: wie das erwähnte Dialogisieren beim Improvisieren funktioniert, wie das indische Tonsystem mit seinen Haupt-, Neben- und Mikrotönen aufgebaut ist, was Raga und Tala sind, dass die Musik vom Guru an seinen Schüler weitergegeben wird, aus welchen Materialien die Instrumente gebaut werden und wie viele Saiten die Sarod hat und zu welchem Zweck. Entscheidend war bei aller Theorie aber Lahiris Satz: "Wir spielen aus unserem Herzen, aus unserem Gemüt heraus."