Crailsheim Schweinerüssel vor dem Gesicht

Auf den Feldern haben früher schon die Kinder mit der Sichel gearbeitet.
Auf den Feldern haben früher schon die Kinder mit der Sichel gearbeitet. © Foto: Ute Schäfer
Crailsheim / Ute Schäfer 08.09.2018
Eine Sichel erinnert an eine bäuerliche Tradition, die weit verbreitet war. Und das Werkzeug steht für die gelungene Wiederbelebung dieser Tradition.

Eine Sichelhenket erinnert an eine Zeit, in der Grundlebensmittel selber erwirtschaftet werden mussten“, sagt Horst Müller aus Roßfeld, geboren 1942. Er selbst hat schon früh eine Sichel in der Hand gehabt. „Kinder hat man damals ganz anders als heute an Arbeit herangeführt.“ Damals haben die Kinder mit der Sichel die gemähten Getreidehalme zusammengezogen. „Es gab eine ganz spezielle Bindeart.“ Verwendet worden sind dafür Strohbänder, die im Winter gedreht worden sind.

„Die kleinsten Kinder mussten die Bänder an die Seite der gemähten Ähren legen“, erinnert sich Müller. Die gebundenen Garben sind dann aufgerichtet worden.“ Das waren tolle Verstecke für uns Kinder, sehr zum Leidwesen der Bauern. Aber man hat ja sonst nichts gehabt.“

Die Sichelhenket ist das Fest, mit dem das Ende der Ernte gefeiert wurde. Es erinnert an den Moment, an dem die Sichel wieder an ihren Platz gehängt wurde. „In anderen Orten heißt das Fest auch Niederfallet oder Sichelhenke“, sagt Müller.

Ein Fest mit viel Tradition, also. Gilt das auch für Roßfeld? Nein, sagt Müller, ehemaliger Ortsvorsteher. „Wahrscheinlich ist früher ein ähnliches Fest gefeiert worden. Doch niemand mehr wusste etwas davon, als ich nach Roßfeld kam.“ Das war in den 1970er-Jahren. Roßfeld hatte sich damals stark verändert – wie viele andere Ortschaften in Stadtnähe auch. Denn die Dörfer wuchsen und wurden immer städtischer. Damit verloren sie oft einen Teil der dörflichen Stuktur und des dörflichen Miteinanders.

Für Roßfeld wollte Müller das ändern: „Das war der Grund für das Heimatbuch, die Blaskapelle, die Heimatstuben“, sagt er: „Auf den Gedanken geht viel zurück.“

Deshalb entschloss sich Müller auch, den alten Dorfbrunnen als Treffpunkt wieder zum Leben zu erwecken. Also rief Müller, dann bereits Ortsvorsteher, ein Brunnenfest ins Leben. 1980 wurde es gefeiert, es wurde ein großer Erfolg. „Wir haben 4000 Euro erwirtschaftet und mussten einen Förderverein gründen, den Dorfgemeinschaftsverein.“ Im Jahr darauf wurde schon die erste Sichelhenket gefeiert. Und schon damals wurde die Sau durch den Ort getrieben – und seitdem jedes Jahr, selbst als sich ein Tierschutzverein angekündigt hatte.

Schweine zu treiben, traute sich dann auf einmal keiner mehr. „Die wollten ja auch filmen“, so Müller. Doch damit das Schweinerennen nicht ausfalle, habe sich der Ortschaftsrat einfach Schweinerüssel vors Gesicht gebunden und sei unter großem Gelächter die Rennstrecke abgelaufen, erinnert sich Müller. „Der Tierschutzverein ist abgezogen und seither nicht mehr wiedergekommen.“ Doch die Tierschätzer hätten auch nicht viel zu beanstanden gehabt, da ist sich Müller sicher. „Mir war immer wichtig, dass die Schweine zum Rennen gelockt und nicht geschlagen werden“, und außerdem sei immer ein Tierarzt dabei.

In einem Jahr seien sogar einmal Truthähne gelaufen. „Das war, als Gäste aus Worthington da waren.“ Die Freunde aus der amerikanischen Partnerstadt nämlich bezeichnen sich als „Truthahnstadt“ und feiern dies mit einem Truthahnrennen.

Ehrenplatz

Für all das – für das bäuerlich Leben aus der alten Zeit, für das Wiederaufleben einer Tradition und für ein gelungenes Dorffest – steht also diese Sichel, die heute unser Objekt der Serie „Geschichte zum Anfassen“ ist. Sie stammt aus Roßfeld und hat heute einen Ehrenplatz in den Heimatstuben.

„Es ist mein größter Wunsch“, schließt Müller, „dass die Tradition weitergeht, wenn ich einmal nicht mehr bin. Aber um die Sichelhenket ist mir nicht bang. Sie geht ins 37. Jahr.“ Und weiter: „Ich freue mich, dass die Roßfelder Sichelhenket mittlerweile im gleichen Atemzug genannt wird wie das Goldbacher Lichterfest und der Onolzheimer Hammeltanz.“

Der Dorfbüttel gibt das Zeichen

Die Sichelhenket wird an diesem Wochenende gefeiert. Heute um 18 Uhr beginnt das Bobbycar-Rennen, um 19 Uhr zeigen die Dreschflegelklopfer, wie die Getreidekörner aus den Ähren geschlagen werden. Anschließend verkündet der Büttel, dass ab sofort gefeiert werden darf. Am Sonntag nach dem Dankgottesdienst spielen die Gronachtaler zum Frühschoppen auf. Um 13.30 Uhr fällt dann der Startschuss zum Schweinerennen. uts

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel