Interview Schuhhaus-Freitag-Geschäftsführer Ingo Hänel erklärt, warum die Großen überleben

MATHIAS BARTELS 28.11.2014
Den 115. "Geburtstag" feiert in diesen Tagen das Crailsheimer Schuhhaus Freitag. Mit Geschäftsführer Ingo Hänel (37) aus Römerstein hat sich das HT über Trends auf dem Schuhmarkt unterhalten.

HOHENLOHER TAGBLATT: Die Schuhbranche sieht sich einem immensen Wettbewerbsdruck ausgesetzt, auch durch Online-Anbieter. Spüren Sie einen Umsatzrückgang?

INGO HÄNEL: In unserer Branche gelten andere Konjunktur- und damit Umsatzvoraussetzungen. Das ist eher wetterabhängig. Wenn es im Sommer kalt ist, werden eben weniger Sandalen verkauft. Der Online-Handel ist zwar enorm gewachsen, stößt aber an Grenzen. Zum einen, weil viele Kunden eben doch vor Ort die Ware testen möchten, zum anderen, weil sich die Onliner eigentlich nur das geschnappt haben, was bisher Versender wie Otto oder Klingel verkauft haben. In erster Linie müssen die das heute ausbaden.

Verkauft Ihr Haus auch online?

HÄNEL: Nicht mehr. Das ist ein Haifischbecken mit ganz anderen Kostenfaktoren und Vertriebsstrukturen. Das kann ein kleiner oder auch mittelständischer Schuhanbieter nicht leisten. Bei der Firma Zalando, die ganz aggressiv den Markt erobert, aber auch konsequent Verluste eingefahren hat, kommt offenbar immer frisches Geld nach. Sowas wäre für uns nach einem Jahr unmöglich und unrentabel - oder wir wären sogar am Ende. Der Online-Krieg ist noch härter geworden. Nur die Großen kommen noch auf ihre Klicks.

Gibt es denn keine Nischen mehr für die Kleinen?

HÄNEL: Vielleicht bei exklusiv-hochpreisigen Produkten, die den normalen Handelsweg gar nicht gehen und in normalen Geschäften nur geführt werden, wenn Restbestände an die Kundschaft gebracht werden sollen. Nein, das Thema hat sich weitgehend erledigt.

Was ist eigentlich aus dem guten, alten Handwerk des Schuhmachens geworden? Kommen Schuhe nur noch von Billigproduzenten aus Fernost oder wird noch in Europa gefertigt?

HÄNEL: Europa hat bei der Fertigung wieder ganz leicht angezogen. In Slowenien oder Rumänien wird produziert, aber inzwischen auch fast nur noch hochpreisige Ware. In Deutschland gibt es zwei Markenhersteller, die hier noch produzieren, aber wohl das meiste zusätzlich im Ausland fertigen lassen, in der Regel in China oder Vietnam. Deutsche Schuhfirmen, die von hier aus vertreiben, gibt es aber noch viele. Ich denke, gut 90 Prozent aller Schuhe kommen aus Fernost - eben die Massenware. Die billigere Hand sitzt eben in China. Mittlerweile ist es ja sogar möglich, am Computer Schuhe zu designen und per 3-D-Drucker farbig als Prototyp auszudrucken. Da braucht es bald noch nicht mal mehr Muster-Produzenten.

Wie reagiert denn die Kundschaft: Wird eher auf Qualität geachtet oder gibt es längst die Herrschaft der Wegwerfschuhe?

HÄNEL: Beides. Die Kundschaft verlangt qualitativ hochwertige Ware, die bequem ist und im Trend liegt. Gleichzeitig werden auch mal 29,95-Euro-Modeschuhe gekauft. Das sind dann zweifellos Wegwerfprodukte für nur eine Saison.

Und der von früher her bekannte Schuhmacher stirbt aus?

HÄNEL: Das kann man so sagen, leider. Dorthin bringen eher Liebhaber ihre teuren Schuhe, zum Beispiel zum neu Besohlen, die dann aber auch fast ein Leben lang halten. Bei ein wenig Pflege sind die quasi unkaputtbar.

Läuft eigentlich noch das Geschäft mit den Klassikern - Brogues, Budapestern, Loafers und derlei mehr?

HÄNEL: Das findet sich eher in der Großstadt, denke ich. Es lohnt sich auch nicht, überall angeboten zu werden, weil die Nachfrage sehr gering ist. Schade eigentlich.

Welche Schuhe tragen Sie denn selber?

HÄNEL (lacht): Fast nur Hochwertiges, das ich unter Qualitätsgesichtspunkten kaufe. Lieber ein, zwei Paar mit gescheiter Ledersohle als zehn neue Modelle pro Saison. Die Kunden unterscheiden sich hier übrigens von Stadt zu Land deutlich. Deshalb hat bei uns auch jeder Standort sein spezielles Sortiment.

Wie sieht's aus mit "Handmade"? Wer leistet sich den Luxus?

HÄNEL: Das ist tatsächlich eine Luxusfrage. Wer trägt denn schon handgefertigte Anzüge? So ist es mit Schuhen auch. Selbst in den Chefetagen hat sich der Dresscode gewandelt. Freitags geht der Trend inzwischen zu leger oder casual, dann fehlt auch schon mal die Krawatte. Trotzdem: In solchen Kreisen sieht man selten mal ganz furchtbares Schuhwerk. In der Regel herrschen schon exklusive Modelle vor. Vielleicht seltener als früher die ganz teuren Marken, aber ausgesprochene Billigheimer sieht man da nicht. Ein guter Schuh gehört heute einfach dazu.

Die Fragen stellte HT-Redakteur Mathias Bartels.