Crailsheim Schüler nehmen ein Sprachbad

Crailsheim / Christine Hofmann 12.10.2018
Bei einem Theaterstück in englischer Sprache bekommen Schüler der Realschule zur Flügelau einen neuen Zugang zum Unterrichtsfach. Für viele ist es der erste Kontakt zu Muttersprachlern.

Schon nach kurzer Zeit hatten die meisten Fünft-, Sechst- und Siebtklässler der Realschule zur Flügelau bestimmt schier vergessen, dass sie als Publikum in der Aula ihrer Schule sitzen. Manch einer war längst eingetaucht in finstere Wälder und eisige Berge, an den Hof des legendären König Arthur und auf den Turnierplatz. Die Schauspieler des White ­Horse Theatre nahmen die Unterstufenschüler mit in eine spannende und zauberhafte Welt, die sie ausschließlich auf Englisch darboten.

Die Hürde der Fremdsprache nahmen die Realschüler mit Leichtigkeit. Die vier muttersprachlichen Schauspieler schafften es mit einfacher Sprache, häufigen Wortwiederholungen und viel Emotionen, das Geschehen auf der Bühne für die Schüler, die erst seit Kurzem Englisch lernen, verständlich zu machen. Immer wieder bezogen sie die Schüler in die Handlung mit ein. Eine Schülerin wurde gar zur Prinzessin auf Zeit und durfte eine Krone aufsetzen. Auf ihr Zeichen hin – majestätisch ließ sie ein Taschentuch fallen – begannen die Ritterspiele.

Überhaupt wurde viel gespielt in dem Stück mit dem Titel „The Green Knight“. Ein riesiger, grün gekleideter Ritter fordert Arthurs Ritter, die sich an der Tafelrunde versammelt haben, zum Kampf heraus. Sir Gawain nimmt die Herausforderung an, bemerkt jedoch zu spät, dass der grüne Ritter ein Zauberer ist. Es beginnt ein wildes Abenteuer, bei dem der Ritter, der gar nicht so furchtlos ist, wie es sich für einen ehrenwerten Ritter König Arthurs geziemt, zahlreichen Gefahren ausgesetzt ist. Nachdem er dem Drachen entkommen und dem Liebreiz einer zauberhaften Lady widerstanden hat, beweist er am Ende, dass er doch „brave and honourable“, also mutig und ehrenhaft ist.

„Das Stück war klasse“, schwärmt ein Sechstklässler nach der Vorstellung. „Am besten war die Szene, als der Kopf abgeschlagen wurde. Das war ein guter Trick.“ Und ein anderer meint: „Das Ritterturnier war am besten.“

Auch Englischlehrerin Kathrin Albrecht, die das White Horse Theater an die Realschule zur Flügelau geholt hat, ist von der Vorstellung begeistert. „Das Stück hatte eine tolle Dramaturgie. Die Kinder, die hier meist zum ersten Mal Kontakt mit einem ‚nativ speaker’ hatten, konnten ein Sprachbad nehmen“, sagte die Leiterin der Fachschaft Englisch. Es sei eine gute Erfahrung für die Schüler, dass sie nicht jedes Wort verstehen müssten, um der Handlung folgen zu können. Diese Erfahrung durften die höheren Jahrgänge der Realschule eine Stunde später auch machen. Für sie spielte die Truppe „All’s Well That Ends Well“.

400 000 Schüler sehen Aufführungen pro Jahr 

Das White Horse Theatre ist ein pädagogisches Tourneetheater, das englischsprachige Theaterstücke an deutschen Schulen aufführt. Inzwischen ist es zur europaweit größten professionellen Theatergruppe dieser Art geworden. Pro Jahr sehen sich rund 400 000 Schüler die Aufführungen des Theaters an. Es gastiert hauptsächlich an Gymnasien, Real- und Hauptschulen, aber auch in Kulturhäusern, öffentlichen Einrichtungen und mittlerweile auch an immer mehr Grundschulen.

Der Name des Theaters bezieht sich auf das Symbol des weißen Pferdes auf der Flagge der angelsächsischen Einwanderer, die vor 1500 Jahren aus Deutschland nach England kamen. Das weiße Pferd ist das Wappen von Westfalen, wo manche der Einwanderer herkamen und das Theater heute seinen Sitz hat. Gleichzeitig ist es Wappentier von Kent, wo sich die Einwanderer ansiedelten und wo Theatergründer Peter Griffith geboren wurde. Der Name der Organisation erinnert daher an die Verbindung zwischen Briten und Deutschen.

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